Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 1 (7.1.1925)
- Date
- 1925-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Deu&cfttteferrelciiisclie Wocbensdirlft iar iQdisdrc Interessen M» dein Beiblatt; Vtröffentlldiunaen der ..Union denlscMsferreldiiscner Jaden Reftaktton und Administration: Wien HelncsiraOtt M. - Fernruf 42-2-18 XL1. Jahrgang Wien, 7. Jänner 1925 Nummer 1 ■ aar.rwtt. ■■ n aiTr-ratt »; An unsere geehrten Leser! Die letzte Nummer unseres Blattes ist infolge der Weihnachtsfeiertage verspätet in die Hände unserer geschätzten Abonnenten gelangt. Auch die vorliegende Nummer, deren Vorbereitung ebenfalls mit einem christlichen Feiertag zusammenfiel, mußte ohne Verschulden unseres Verlages etwas verspätet herauskommen, ist dagegen um vier Seiten stärker. Die nächsten Nummern erscheinen regulär ab 16. Jänner jeden Freitag. Vom Ghetto in Amsterdam. Von Professor Samuel K r a u ß. Von der Fülle der Eindrücke, die ich auf meiner jüngsten Reise in fünf Ländern gewonnen habe --- ich habe die Schweiz, Frankreich, England, Holland und Deutschland berührt — möchte ich hier die von Amsterdam erwähnen, weil in diesen Blättern (s. „Wahrheit" Nr. 42, S. 9) unter obigem Titel (nach dem „Berliner Lokalanzeiger") etwas mitgeteilt wird, was ich nach besserer Einsicht berichtigen zu müssen glaube. Der Verfasser jenes Artikels nennt es einen in Westeuropa wohl einzig dastehenden Fall, daß die in Amsterdam seit Jahrhunderten ansässigen Juden in ihren kümmerlich engen Häusern und Gassen wohnen bleiben, obwohl sie selbstverständlich auch in anderen Teilen der Stadt wohnen könnten. Sie wohnen, wie ich berichtigen kann, tatsächlich auch in anderen und sogar den schönsten Teilen der Stadt, so sehr, daß auch in jenen Gegenden Synagogen gebaut werden mußten; wahr ist allerdings, daß ihre Hauptmasse in dem von altersher als „Ghetto" dienenden Stadtteil geblieben ist, das ist aber auch in Wien, Berlin, Prag, Budapest und sogar London der Fall. Das Ghetto in Amsterdam ist übrigens kaum „enge" und „kümmerlich" zu nennen; die Stadtgemeinde selbst bezeichnet die Hauptverkehrsader desselben als „Judenbreitstraße" und die macht durchaus einen freundlichen, großstädtischen Eindruck. In der Nähe befindet sich der große viereckige, schön geregelte Marktplatz, den der Arrikler „Trödlerirrtarkt" zu nennen beliebt, obzwar er hätte sehen können* daß Fische, Obst und dergleichen mindestens soweit vertreten sind, als Kram und Trödel. Auch sind es nicht bloß Juden, die hier ihre Waren in ihren tief aus der Kehle hervorbrechendem Holländisch aussehreren, das christliche Element zählt sehr stark mit. Mir persönlich wäre es freilich lieber gewesen, nur Juden anzutreffen, denn ich glaube, das wüste Geschrei wäre dann etwas milder ausgefallen. Vollends falsch ist es, was der Artikler davon faselt, daß es am Sonnabend hier besonders lebhaft zuginge und daß man in den dichten Volksmassen kaum vorwärts kommen kann. Es würde zu gelehrt aussehen, wenn ich in diesem Berichte statt „Sonnabend" — Freitag einsetzen würde, denn auf Freitag Nachmittag trifft die Schilderung zu; aber sobald der Sabbath anbricht, steht der große weite Platz verlassen da und dasselbe Bild zeigt sich den ganzen Sabbath. Allerdings sind die Judengassen auch am Sabbath ziemlich lebhaft, aber von Juden und Jüdinnen, die in — die Synagogen eilen, die, ein lieberbleibsel der alten, merkwürdigerweise alle auf einem Fleck erbaut sind, die große portugiesische Synagoge nicht ausgenommen. Es soll nicht geleugnet werden, daß Juden auch schon hier am Sabbath vielfach „offen" haben, aber man versicherte mir, das seien staatliche Unternehmungen, Trafiken, Reisebureaus usw., und es seien in diese „Gasse" auch bereits christliche Händler eingedrungen. Ich lasse das gern gelten, aber der Augenschein lehrt doch anders und Amsterdam ist auch schon kein Platz für Sabuatruhe Wer am Sabbat-Eingang die große portugiesische Synagoge jemals besucht hat, wird den überwältigenden Eindruck, den der von Hunderten von flackernden Kerzen erleuchtete herrliche Raum auf ihn gemacht hat, niemals vergessen. Alles ist;n diesem Gotteshause, das einst B. Spinoza gesehen, seit mehr als zweihundert Jahren unverändert geblieben: Der mehr zur Türe zu stehende Almemor, die die ganze Ostwand einnehmende aus herrlichem Holz geschnitzte heilige Lade, die in Art von Logen gruppierten weiten Bänke, die Kerzen — Gas oder Elektrisch würde ja die Romantik stören! Die Gewänder der Rabbiner und Kantoren sind weiß, allerdings auch die des Chors, der wirklich nur alte Weisen vorträgt, auch herzlich schlecht ist, als sollte durch ihn alles Moderne, Frische, Lebendige boykottiert werden. Noch eines ist geblieben: Die Schranken, durch welche die Fremden — hauptsächlich Aschkenazim — vom Betreten des Innern des Heiligtumes abgehalten werden sollen. Ist das nicht veraltet? Mir wurde allerdings diese Demütigung erspart, weil ich rechtzeitig erschien und mit den Herren bekannt geworden, gemeinsam mit ihnen im feierlichen Einzug den Raum betrat und einen „gu- 'ten" Platz angewiesen bekam. Aber es tat mir leid um die anderen, die hinter dem Verschlag bleiben