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Die Wahrheit · 1924-12-26 · Heft 52 (26.12.1924) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 52 (26.12.1924)
Date
1924-12-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 52 DIE WAHRHEIT Seh« 9 Die Judenfahne. Während des deutschen Wahlkampfes ist diese famose Bezeichnung für die Reichsfarben Schwarz- R ot-Gold wieder von völkischer Seite aufgetaucht. Ja, dei „Hammer"-Fritsch versteigt * sich sogar zur Beharptung, daß diese Farben die deutsche Republik nur einem Juden, nämlich dem soeben verstorbenen Wiener Historiker Dr. Ludo Moritz Hartmann, zu verdanken hat. Es war nämlich nach der Rede des derzeitigen deutschen Gesandten in Wien, Doktor Maximilian P f e i f e r, an Hartmanns Grab dessen Rat, an die ruhmvolle Ueberlieferung des Frankfurter Parlaments anzuknüpfen und an Stelle der abgekrachten Wilhelmfarben die schwarz-rot-goldne Fahne zum Farbenzeichen der deutschen Republik zu machen. Zu dieser Verdrehung der Gesandtenworte durch Fritsch. wäre mehreres zu sagen. Erstens ging aus diesen klar hervor, daß Hartmann mit seinem Rat nur an das 1848er-Parlament anknüpfte und daß dieses verjudet war, diesen Beweis muß uns Fritsch erst erbringen. Zweitens, wenn schon der Rat gegeben wurde, daß diese glorreichen Farben des 1848er-Jahres wieder eingeführt werden, wie steht es fest, daß ein Jude diesen sicher sehr patriotischen Rat gab. Richtig ist vielmehr, daß Hartmann, der 1865 als Schweizer Bürger und Sohn einer christlichen Mutter konfessionslos geboren war, dem Judentum fremd gegenüberstand. Doch hat er sich niemals „deutsch-arischen" Kreisen angebiedert und ist z. B. aus der Leitung einer seiner Lieblingsschöpfungen, den Salzburger Hochschulkursen sofort ausgetreten, als unduldsamer Rassengeist sich dort breitzumachen begann. Derselbe Geist der Unduldsamkeit zeigt sich in dem Gehaben . des Herrn Fritsch gegenüber den Reichsfarben. Diesem Herrn sei schließlich folgendes zur Beachtung empfohlen: Im Hammer-Verlag in Wien, der politisch den Völkischen sehr nahe steht, ist ein Zeitweiser für 1924 erschienen. Er ist mit einem Bild und einer persönlichen Widmung Ludendorffs geschmückt. Bezeichnend für die„ Stellung sogar .der österreichischen., Nationalsozialisten zur Fahne Schwarz-Rot-Gold ist folgende Strophe, die sich auf Seite 132 befindet: .-Nun drauf ohn' Wanken, ohn' Besinnen, Das stolze Banner ist entrollt. Wie leuchten hell im Sonnenglanze Die heil'gen Farben schwarz-rot-gol d." Völkische Preßgemeinheiten. Die Presse der Herren ^Vulle, Reventlow und Co. weiß wohl, was alles den Juden <ingetan werden kann, und so muß Professor Albert E i nstein in letzter Zeit wieder mit seiner Person in den Vordergrund gezogen werden. Wie diese Gemeinheit gegen Einstein angewandt wird, soll hier nur in einigen Kostproben wiedergegeben sein: Die „Staatsbürger-Zeitung" in Berlin bringt einen Artikel mit der Ueberschrift: „Nationales Chamäleon". Es heißt dort wörtlich: „Seit Professor Einstein das Ei der Relativität ausgebrütet hat, forscht er nicht mehr, sondern xeist. Das Reisefieber ist ihm in die Knochen gefahren, wie weiland dem Kaiser Wilhelm II. Bald ist er in Japan, Amerika, Paris, Genf, Jerusalem. Wo ist nun eigentlich sein Heim?" Eine andere antisemitische Zeitung brachte die Nachricht, daß Professor Albert Einstein die deutsche Staatsangehörigkeit aufgegeben habe; Zweck dieser Nachricht sollte sein, im deutschen Volke die Deutschfreundlichkeit Einsteins zu vermindern, damit die Leute sagen können; da haben wir's, Einstein ist ja gar kein Deutschenfreund. (Wahr ist nur, daß Einstein schon lange Zeit vor dem Kriege Schweizer Bürger gewesen ist und daß er auch nicht dnran denkt, vorerst Deutschland für immer zu verlassen.) Eine andere Zeitung schrieb, Einstein ist deutscher Delegierter beim Völkerbund: auch das stimmt nicht, er ist als Wissenschaftler in die Kommission „Intellektuell" gewählt worden und nrcht als deutscher Delegierter. Das „Deutsche Tagblatt" Nr. 191, das Leiborgan des Herrn Ludendorff, schreibt, Einstein hätte sich gut als Reklamechef in Wembley zur Ausstellung anstellen lassen können. Einstein hat in diesem Punkt aber nicht die Talente des Herrn Ludendorff, da er nur Wissenschaftler ist und nicht Hans Dampf in allen Gassen, wie unser guter oller Erich; eher härte dieser besser als Kulissenschieber im deutschen Volkstheater seine Rolle spielen können. Das Ausland aber kann jetzt schon sehen, daß Ludendorff und seine Freunde sicher als Clowns im deutschen Reichstag in den nächsten Wochen gut fungieren werden. Mögen es sich die Herren der völkischen Presse gesagt sein lassen, nicht Einstein wird durch diesen Blödsinn in der Presse der Wulle und Co. blamiert werden, sondern die Herren selber. Auch werden diese Herren über Einsteins Wissenschaft kein Urteil abgeben können, sondern dies werden die kommenden Generationen besorgen.^ Siegfried Jacoby, Berlin. V. Graefe gegen den „Fridericus". Unter der Ueberschrift „Fridericus Geist?" erklärt die „Mecklenburger Warte", das Organ des Herrn v. Graefe, gegen den Herausgeber des „F r i d e r i c u s", des wegen Unterschlagung vorbestraften F. L. Holtz in punkto Dawes-Gesetz: „Wir haben bisher leider eine ebenso klare Stellungnahme des „Fridericus" zum 29. August, also zum entscheidenden Tage, da die Deutschnationalen die Dawes-Versklavung ermöglichten, vermißt, trotzdem doch der „Frigericus" auch weiß, daß an diesem Tage der nationalen Front der Dolch in den Rücken gestoBen wurde. Umso deutlicher zeigt die jetzige Haltung des „Fridericus", daß das Blatt endgültig mit den Deutschnationalen ins Erfüllungslager abgeschwenkt ist." Das durfte nicht kommen! Erst putzt der „Fridericus" sein blech gestanztes Hakenkreuz bis zum Selbsterblinden und jetzt kommt das Graefe-Blatt und erzählt seinen aufhorchenden Lesern, daß isich der „Fridericus" bereits im Erfüllungslager der sonst 'dinternationalen Volkspartei befindet. Wenn das nur keine Verjudung des Antisemitismus ist. . . . Bestellte Arbeit. Dr. Max Naumann mit seinem Klüngel national-deutscher Juden wächst sich allmählich zu einer deutschen Landplage aus. Jeder seiner Artikel bringt seine alten Ladenhüter von alljüdischen Zeitungen, Zwischenschichtlern lind ähnlichen Erfindungen. Er allein mit seinen ungetauften Deutschen bestimmt, was deutsch, wer deutsch ist und wem dieses schmückende Beiwort nicht gegeben werden darf. Ueber das, was jüdisch ist schweigt er. Ohne den geringsten Befähigungsnachweis spielt er sich als praeeeptor judaeorum auf. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit meldet er sich zu Wort, um die Aufmerksamkeit vor allem der Nichtjuden auf sich zu lenken und sich als den jüdischen Deutschen par excellence bestens zu empfehlen. Jüngst veröffentlichten wir einen Artikel mit der Ueberschrift „Ein Nichtjude über die nationaldeutschen Juden", in der folgendes ausgeführt wurde. In einer der letzten Sitzungen des Hauptausschusses des Preußischen Landtages hielt der deutschnationale Abgeordnete Negenborn eine Hetzrede gegen die Ostjuden, aus der man ohne weiteres ersah, daß er das Material von Herrn Naumann bezogen habe. Dies stellte in der Sitzung auch der Sozialdemokrat Landrat Schubert fest, der sowohl Herrn Negenborn^ als auch den Naumannschen Verband in gebührender Weise kennzeichnete. Es ist schon so, daß jeder anständige Christ sich vom Gebaren derer um und von Naumann abgestoßen fühlt und nur die antisemitische Presse mit Wohlbehagen die gehässigen Artikel des Naumannschen Mitteilungsblattes abdruckt und als Waffe gegen die Judenheit benutzt; Herr Naumann aber registriert in eitler Selbstgefälligkeit, wo immer ein antisemitisches Käseblättchen ihn zitiert. Nun ärgerte er sich mächtig über die Rede des Landrates Schubert und läßt die Retourkutsche auffahren, dieser hätte nur da* gesagt, was ihm Ministerialrat Dr. B a d t, der Herrn Naumann wegen seiner zionistischen Gesinnung ein Dorn im Auge zu sein scheint, aus der Kulisse einblies. Diese niedrige Unterstellung, die nicht erwiesen ist, befindet sich in einem Artikel über die Ostjudenfrage und die Ausführungen von Landrat Schubert aus der Feder eines Herrn Erich Köhrer, von dem Naumann in der Vorbemerkung erzählt, daß er ein „bekannter sozialdemokratischer Publizist" ist und da er der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht angehöre — wie euphemistisch, Herr Naumann! —, nicht Mitglied des Verbandes nationaldeutscher Juden sei. Der naive Leser schließt natürlich daraus, daß er es mit einem waschechten Arier zu tun habe. Köhrers Ausführungen machen zweifellos den Eindruck bestellter, wenn nicht gar inspirierter Arbeit. Wie das Hamburger Israelitische Familienblatt feststellt, hieß Köhrer früher Herz. Dem ist wohl weiter nichts hinzuzufügen. Herr Naumann aber wird sich schon nach einem anderen Schabesgoi umsehen müssen. Ein Kulturbüd aus der Zeit Friedrich des Groflen. Einen interessanten Beitrag zur Kulturgeschichte der Berliner Juden bildet ein französischer Brief des großen Königs vom 12. April 1772 an seine Schwester Prinzessin Ulrike. Dieser Brief lautet in deutscher Uebersetzung: „Ich gestehe Ihnen, Hebe Schwester, daß ich nicht darauf gefaßt war, Sie bei einer

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