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Die Wahrheit · 1924-12-26 · Heft 52 (26.12.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 52 (26.12.1924)
Date
1924-12-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 -pffi-WAHRHEIT Nr. 62 Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber austobt und seine Kraft verliert. Und das kann doch jetzt nicht mehr ferne sein. Endlich muß sich die Pest ja einmal erschöpfen. Vielleicht verschwindet der Wahn, der so viele Qemüter betört und unsere ganze Kultur um hundert Jahre zurückgeworfen hat. . . man muß geduldig warten, bis die im Qrunde gesunde Natur des Volkes sich von selber aufrafft und den faulen Stoff aus sich wirft. Wer' Gründen und Argumenten zugänglich ist, der kann ja gar kein Antisemit sein . . . ." Mommsen hat gewiiß recht, wenn er sich auch über die Dauer dieser Krankheit täuschte, die vorläufig noch immer im Steigen begriffen ist. Es ist allerdings eine ganz ungewöhnliche Seuche; die einen werden von ihr ergriffen und die anderen leiden unter ihr. * * * Die Fanatiker des Rassenantisemitismus wollen sich nicht damit begnügen, die Juden von den Bergeshöhen zu vertreiben. In ihrem Wiener Organe blasen sie jetzt zum Sturme für das teutonische Theater, in welchen nur geeichte germanische Dichter als Vertreter der unverfälscht arischen Sittlichkeit das Wort ergreifen sollen, unterstützt von Interpreten, deren Nasen über jeden Verdacht erhaben sein müssen. Es ist dasselbe Blatt, das vor kurzem erst sympathisch ihre Spalten dem Herrn Ernst M e i c h e geöffnet hatte und ihm somit eine geistige Gastfreundschaft gewährte, die er im Verkehre mit bereits etwas altersschwachen Greisinnen sicherlich schmerzlich Vermißt hatte. Dieses Blatt fühlt sich besonders berufen, das deutsche Volk von einer entsittlichenden Literatur zu schützen, aber wohlverstanden nur vor jener Literatur, die mit der jüdischen Konfession des Autors in Verbindung gebracht werden kann. Da wird zum Beispiel immer wieder der Name eines Literaten hervorgehoben, der zwar längst durch seine Taufe dem Blatte näher als dem Judentum steht und dessen zotenhafte Schreibweise gerade in einer spezifisch jüdischen Zeitung die schärfste Brandmarkung erfahren hat — macht nichts. Der Mann soll doch als Repräsentant des jüdischen Geistes gelten. Es schreiben in Wien unverfälschte Arier — wenn sie sich auch mitunter im jüdischen Jargon ihrer Abstammung rühmen— Zoten von nicht geringerem Kaliber. Wird es einem vernünftigen Juden einfallen, hierfür das Christentum verantwortlich zu machen? * * - * Die deutschösterreichische Tageszeitung beruft sich in dem Kampfe gegen die „jüdische Unsittlichkeit" mit besonderem Nachdruck auf K. IL Wolf, den einstigen treuen Knappen Schönerers. Herr Wolf hat entweder selbst ein schlechtes Gedächtnis oder er spekuliert auf das schlechte Gedächtnis seines Publikums. Er hätte sonst die Zumutung, sich als Apostel der Sittlichkeit vorführen zu lassen, mit Entrüstung als einen bösen Spaß oder gar als eine perfide Bosheit aufgenommen. Er hätte in der Tat allen Grund gehabt, eine solche Aufforderung zurückzuweisen. Sein einstiger Gesinnungsgenosse, der Abgeordnete Dr. Anton Schalk, hat vor Jahren .eine Broschüre unter ~ dem Titel „Warum ich Herrn. Karl Hermann Wolf für ehrlos erklärt habe" veröffentlicht, in der er eine Episode ajis dem Leben Wolfs beleuchtete, die diesem, vernünftigerweise für immer die Lust vertreiben müßte, als Kämpfer für die Sittlichkeit aufzutreten. Aber so häßlich die Rolle war, in der K. H. Wolf als Held einer "Ehetragödie geschildert wurde, so deutete doch Dr. Schalk an, däß damit noch nicht alles gesagt sei. „Die Rücksicht auf dritte ehrenwerte Personen" — schreibt Dr. Schalk in der erwähnten Broschüre— „zwingt mich, hier vieles unerwähnt zu lassen, das erst im Gerichtssaale Erwähnung und Würdigung finden wird. Manche Dinge sind aber so widerwärtiger Natur, daß sie ohne Aergernis zu erregen, in einer Druckschrift nicht veröffentlicht, werden können." Herr K. H. Wolf war nicht neugierig auf diese Ergänzung im Gerichtssaale .... Das ist der Mann, der es wagt, öffentlich zum Schutz der bedrohten Sittlichkeit den radikalen Antisemitismus der Tat zu predigen, den Pogrom zu propagieren. Ein Schalk, dieser K. H. Wolf! Er weiß, was man in diesem Wien wagen darf (auch nach der Broschüre des Dr. Schalk), ohne von dem Hohngelächter der Hörer verfolgt zu werden. Freilich die Pogromscherze sollte wenigstens der Staatsanwalt ernst nehmen. * <s . . . * . . Vielleicht aber war es eine Erinnerung an Schönerer, die Herrn K. H. Wolf zu seinem Auftreten beim Weigl ermutigt hatte. Schönerer hatte zu Beginn der antisemitischen Bewegung in Oesterreich die Rolle des patentierten Sittlichkeitsapostels übernommen und diese auch dann weitergespielt, als seine eigene Moral1 im Gerichtssaale eine bengalische Beleuchtung erlitt. Es war in einem politischen Prozeß, als unvermutet gerichtsordnungsmäßig die Tatsache festgestellt wurde, daß Schönerer, dem das Verbleiben seiner Mutter und seiner Schwester im väterlichen Hause unbequem war, eine seltsame'Methode anwendete, um sie auf gütlichem Wege zum Verlassen der Wohnung in der Krugerstraße zu bewegen ... Er räumte öffentlichen Dirnen Wohnungen in dem Hause ein . . .". Das hatte genügt. Schönerer durfte aber auch nach diesem Pröbchen praktischer Moral weiter gegen die jüdische Unmoral wettern und seine Parteigenossen schienen keine Ahnung von der Komik zu haben, die seiner Losung: „Durch Reinheit zur Einheit!" innewohnte. Eine schöne Reinheit, zu der der Weg durch das vielgenannte und vielbesuchte Durchgangshaus in der Krugerstraße führte! Ach, wie viele mögen ah dieses Haus erinnert worden sein, als der alte Wolf, mit schlecht gemimter Lammsunschuld, dagegen protestierte, daß das „öffentliche Leben in eine Kloake und das Theater zum Bordell erniedrigt wird". Icly schließe mich übrigens diesem Protest mit Begeisterung an, kann jedoch zwei Bemerkungen nicht unterdrücken. Der Protest wäre wirkungsvoller gewesen, wenn er von wem immer, nur nicht von K. H. Wolf vorgetragen worden wäre. Und zweitens: Warum soll diese Tätigkeit denn bloß — ich zitiere Wolfs Worte — dem Juden verübelt werden? Ich bin dafür, daß es nicht einmal dem Antisemiten gestattet sein soll, das öffentliche Leben in eine Kloake und das Theater in ein öffentliches Haus — wie z. B. jenes in der Krugerstraße war — zu erniedrigen. Ego.

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