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Die Wahrheit · 1924-12-26 · Heft 52 (26.12.1924) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 52 (26.12.1924)
Date
1924-12-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Lebensmittömusw. ' nicht mitbewertet erscheinen, s<y muß erkannt-werden/daß die israelitische - Kultusgememde ungefähr ein Drittel inrer Einnahme Fürsorgazwecken widmet. Als im August 1914 der Kriegsausbruch Tausende von TamilieherhaTtern unter die Waffen rief, müßten zunächst deren- Familien unterstützt, und auch als die Bewilligung der staatlichen Unterhaltungsbeiträge einsetzte, vielfach durch Aushilfen seitens der Kultusgemeinde in krassesten Fällen der Not Beistand geleistet werden, was auch während des Krieges geschah. Eine bedeutende Steigerung der Agenden des Fürsorgewesens brachte der unglückliche Kriegsabschluß. Durch die Rückkehr von Invaliden und Kriegsgefangenen, durch die Unmöglichkeit der Heimkehr eines großen Teiles der Kriegsflüchtlinge, durch den Umschwung der wirtschaftlichen Verhältnisse des Mittelstandes traten Anforderungen an die Kultusgemeinde heran, welchen nur durch die Kooperation mit den öffentlichen und privaten Fürsorgeinstitutionen entsprochen werden konnte. An dieser Stelle seien ganz besonders die Hilfeleistungen des „American Joint Distribution Committee s" . hervorgehoben, welche nicht nur in der Errichtung und Erhaltung neuer Fürsorgeanstalten, sondern auch in der tatkräftigen Unterstützung bestandener Ausdruck fanden. Ein besonderes Augenmerk hat die israelitische Kultusgemeinde in der Berichtsperiode der Kinderfürsorge zugewendet. Line Abteilung des Wohltätigkeitsamtes war bis zu dem Zeitpunkte, in welchem -die Umorganisierung der ,,„Z entralstelle für jüdische soziale Fürsorg e" vorgenommen werden konnte, mit diesem Fürsorgezweig befaßt. Hunderte von Kindern wurden alljährlich teils in Heimen, teils bei Pflegeparteien untergebracht, wobei das bestreben vorherrschte, zu bewirken, daß die Kindel der Obsorge jüdischer irflegeparteien teilhaftig werden. Im Rahmen des „Kaiser-Karl-Wohlfahrtswerkes" wurde der Genuß eines Landaufenthaltes für Tausende von jüdischen Kindern erwirkt. Dank dem Entgegenkommen des „Britischen Kinderhilfswerkes" bildete die Kinderfürsorgestelle der Kultusgemeinde eine Verteilungsstation großer Quantitäten von Lebensmitteln und Kondensmilch für arme Wöchnerinnen, Kinder und Säuglinge. Der Mitarbeit im „Amerikanischen Kinderhilfswerk" zugezogen, konnte sie einer großen Anzahl von Kindern Mittagstisch und Bekleidung beschaffen. Mit den geänderten Geldverhältnissen mußten auch die von der Kultusgemeinde den Petenten gewährten Beihilfen Schritt halten. Durch entsprechende Maßnahmen in der Organisation des Fürsorgewesens mußte die Kultusgemeinde bemüht sein, die Regieauslagen auf das Allernotwendigste einzuschränken, aber auch eine entsprechende Zentralisierung zwecks besserer Evidenzhaltung der Unterstützten zu bewerkstelligen. Im Rahmen dieser Maßnahmen und den geänderten Zeitverhältnissen entsprechend, wurde die durch mehr als hundert Jahre segensreich wirkende „Armenanstalt der israelitischen Kultusgemeinde" mit dem Fürsorgeamte vereinigt. Als mit Beginn des Jahres 1922 das „American Joint Distribution Committee" seine Wiener Aktionen liquidierte, wurde von demselben ein unter dem Vorsitze des Präsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, General-Oberstabsarzt Prof. Dr. Alois Pick stehendes Komitee bestellt, welches mit der Verteilung der Restbestände betraut wurde. Dem Komitee standen zunächst zweihundert Nähmaschinen nebst einem großen Quantum von Nähmaterial zur Verfügung, um damit die Errichtung und Aufrichtung einer Existenz solcher Familien zu ermöglichen, die durch den Krieg ihres Ernährers beraubt wurden. Die israelitische Kultusgemeinde konnte sich der Notwendigkeit nicht verschließen, den so wohltätig wirkenden Wiener jüdischen Vereinen und Institutionen durch die Gewährung von Subventionen materielle und moralische Unterstützung angedeihen zu lassen. Die Begrenzung der Mittel machte sich auch in diesem Belange schmerzlich fühlbar. Wieder war es das „American Joint Distribution Committee", das helfend eingegriffen hat. Es stellte einem unter dem Vorsitze des Präsidenten Prof. Dr. Pick konstituierten Komitee zehntausend Dollar zur Unterstützung notleidender jüdischer Wöhlfahrtsinstitutionen zur Verfügung, wodurch es möglich war, solchen Institutionen durch fast zwei Jahre monatliche Zuwendungen zu bewilligen. Die israelitische Kultusgemeinde hat sich aber auch bestimmt " gefunden, solchen 'interkonfessionellen Anstalten und Vereinen, die ihren wahrhaft interkonfessionellen Charakter durch die Berücksichtigung jüdischer Bedürftiger bekundeten, durch die Gewährung von Subventionen Beihilfe zu leisten und sie auf diese Weise auch der7 Förderung durch unsere Gemeradehiitglieder anzuempfehlen. Dauernd festgehalten zu werden verdient das Entgegenkommen, welches die Fürsorgeaktionen der israelitischen Kultusgemefhde seitens des Bundeskanzlers Polizeipräsidenten Schober gefunden haben. Wiederholt wurden in den Zeiten der größten Milchnot die Fürsorgeinstitutionen der Kultusgemeinde aus Kondensmilchspenden, die dem Bundeskanzler zur Verfügung^ gestellt wurden, beteilt Seit dem Bestände der Kultusgemeinde hat dieselbe niemals, wenn Glaubensgenossen auch in den fernsten Ländern von Katastrophen heimgesucht wurden, deren Hilferuf unberücksichtigt gelassen. Im Juli des laufenden Jahres sah sich der Kultusvorstand veranlaßt, unter seiner Aegide neuerdings ein „Jüdisches Zentralhilfskomitee" zu bilden, um die Fürsorge für arme jüdische Durchwanderer, welche die Neugestaltung der Verhältnisse aus ihrer Heimat vertrieben hatte, zu zentralisieren und wirksamer zu gestalten. Als Vorsitzender des Komitees fungiert Herr Börserat Ignaz Glück. Mehrere hunderte solcher Durchwanderer, die gezwungenermaßen in Wien Aufenthalt nehmen mußten, irrten hier obdachlos und hungernd umher. Das Komitee hat ihnen, soweit die Mittel reichten, ein bescheidenes Obdach und Nahrung verschafft. Ueberdies wurde der Mehrzahl von ihnen die Möglichkeit geboten, ihre Reise nach Palästina, nach den westlichen Ländern oder zurück nach ihrer Heimat fortzusetzen. Eine schwere Sorge erwächst diesem Komitee, welchem aus den Mitteln der Kultusgemeinde bisher zirka K 150,000.000 zur Verfügung gestellt wurden, aus der Unterbringung erkrankter Emigranten und jener Kranken aus dem Auslande, welche, wie seit Jahrzehnten, auch jetzt noch immer Wien aufsuchen, um hier Heilung zu finden. (Fortsetzung folgt.) tilosseii. Der Ausschluß der Sektion „Dona u 1 a n d" aus dem deutschen und österreichischen Alpenverein macht, wie vorauszusehen war, Schule. Schon hat die Sektion München beschlossen, in Zukunft nur noch in ganz beschränktem Maße jüdische Meldungen anzunehmen und auch bei viel'en anderen Sektionen steht ein ähnlicher Beschluß bevor. Man muß der Sektion München das Kompliment machen, daß sie den rassenantisemitischen Standpunkt eigentlich in sehr zarter Weise zum Ausdruck gebracht hat. Wie viel Anmeldungen unter dem ganz beschränkten Maße" gemeint sind, das kann auch ein jüdischer Invalide, der im Kriege beide Arme verloren hat, sich an den Fingern abzählen. Es wird auch nicht ausdrücklich gesagt, wir wollen anstatt neue jüdische Mitglieder aufzunehmen, am liebsten die alten hinausschmeissen. Wird jemand bezweifeln, daß in einer Sektion, in der den katholischen oder den protestantischen Mitgliedern ein ähnlicher Beschluß an den Kopf geschleudert wird, postwendend als Antwort der Austritt sämtlicher katholischer oder protestantischer Mitglieder erfolgen würde? Ich möchte den jüdischen Mitgliedern der Sektion München nicht weniger Ehrgefühl zumuten. * * * Die Höhenluft ist sicherlich die gesündeste, aber man weiß, daß auch sie kein unfehlbares Schutzmittel gegen das Eindringen von Seuchen ist. Die Bazillen des Antisemitismus gedeihen nicht bloß in den Niederungen und daß der Antisemitismus den Charakter einer Epidemie hat, das hat nicht etwa ein Jude zuerst erkannt und ausgesprochen. Kein geringerer als Theodor M o m m s e n, der zu den ruhmgekrönten stolzesten Zierden Deutschlands zählt, hat es gesagt: „Der Antisemitismusist wie eine schauerliche Epidemie, wie die Choierävmän'kann ihn weüier erklären noch heilen,

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