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Die Wahrheit · 1924-12-26 · Heft 52 (26.12.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 52 (26.12.1924)
Date
1924-12-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Wer weiß, wie viele solcher Tragödien sich abspielen, ohne zur Kenntnis der Oeffentlichkeit zu gelangen? Die andere Frage ist noch Viel schwieriger: Wo bleibt bei dieser ganzen Sache das National Home, die nationale Heimat für das jüdische Volk?.. Warum lenken diese Auswanderer nicht ihre Schritte dorthin? Wie? Es gibt dort keine Arbeit, keine Lebensmöglichkeit für sie? Aber eben aus solchen Gründen haben sie ja ihre früheren Wohnländer verlassen, um in die weite Welt zu gehen und sich eine neue Heimat zu sichern?... Aber da nichts so schlimm in der Welt ist, daß nicht etwas Gutes dabei herauskäme, so haben wir aus diesen zwei wahrlich nicht sehr erfreulichen Fällen wenigstens den Nutzen gezogen, daß wir dadurch endlich erfahren, was ein National Home oder nationale Heimat eigentlich ist. Eine nationale Heimat, die man nicht hat, — ist eine Heimat, die man nicht betreten darf. Ich bin z. B. in Amerika, habe aber meine Heimat in Asien. Ich darf dorthin Geld schicken oder von dort Zeitungen beziehen. Aber dort wohnen darf ich nicht. Das ist eine Heimat auf dem Papier. Wenn der selige Nordau aufstehen würde, er wüßte endlich, wo seine nationale Heimstätte ist. Der ungläubige Tfiomas. Heinrich Heine über die deutsche Republik Noch ein Wort zum 125jährigen Geburtstag des großen deutschen Dichters. Nach den Befreiungskriegen waren die dem deutschen Volke in der Zeit des Blutens und Opferns von den Fürsten widerwillig gewährten Versprechen vergessen worden. Deutschland seufzte unter dem Druck der Reaktion; der Geist Metternichs herrschte. An den deutschen Höfen, besonders in Preußen, überwog der Einfluß des russischen Despotismus. Die liberalen und demokratischen Ideen, die damals an den Universitäten ihre Heimstätten hatten, wurden mit brutalster Polizeiwillkur verfolgt und unterdrückt. In das dumpfe Dahinbrüten des deutschen Volkes fuhr wie ein zündender Blitz die Nachricht der Pariser Julirevolution von 1830. Deutschland erwachte allmählich aus der lähmenden Erstarrung. In Braunschweig, Hessen, Sachsen, Hannover brachen Verfassungskämpfe aus. Im Mai 1832 luden die radikalen Führer Wirt und Siebenpfeiffer zum Protest gegen die Unterdrückung der liberalen Zeitungen zu einer Volksversammlung auf dem Hambacher Schloß bei Neustadt an der Hardt ein. 25.000 Menschen kamen dort zu einer gewaltigen Kundgebung für den Gedanken der Freiheit und des Fortschrittes zusammen. Doktor Wirt brachte einen Trinkspruch auf die vereinigten Freistaaten Deutschlands und auf das konföderierte republikanische Europa aus. Heine, mit den anderen Vertretern des „Jungen Deutschland", «wie Gutzkow, Laube, Börne, hatte durch sein dichterisches Werk, das von ungeheurem Einfluß auf die Zeitstimmung war, als Vorkämpfer für alle liberalen Ideen den Boden für den geistigen Umschwung in Deutschland vorbereitet Am 27. Mai hatte das Hambacher Fest stattgefunden; am 16. Juni 1832 schrieb Heinrich % Heine in einem seiner damals in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung" erscheinenden Pariser Briefe die folgende unvergängliche prophetische Voraussage der kommenden deutschen Republik: „Noch immer, wenn ich meine deutschen Republikaner betrachte, reibe ich mir die Augen und sage zu mir selber: Träumst du etwa? Lese ich gar die deutsche .Tribüne' und ähnliche Blätter, so frage ich mich: Wer ist denn der große Dichter, der dies alles erfindet? Existiert der Doktor Wirt mit seinem blanken Ehrenschwert? Oder ist er nur ein Phantasiegebilde von Tieck und Immermann? Dann aber fühle ich wohl, daß die Poesie sich nicht so hoch versteigt, daß unsere großen Poeten dennoch keine So bedeutenden Charaktere darstellen können, und daß der Doktor Wirt wirklich leibt und lebt, ein zwar irrender, aber tapferer Ritter der Freiheit, wie Deutschland deren wenige gesehen, seit den Tagen Ulrichs von Hutten. Ist es wirklich wahr, daß das stille Traumland in lebendige Bewegung geraten? Wer hätte das vor dem Julius 1830 denken können! Goethe mit seinem Eiapopeia, die Pietisten mit ihrem langweiligen Gebetbücherton, die Mystiker mit ihrem Magnetismus hatten Deutschland völlig eingeschläfert, und weit und breit, regungslos, lag alles und schlief. Aber nur die Leiber waren schlafgebunden; die Seelen, die darin eingekerkert, behielten ein sonderbares Bewußtsein. Der Schreiber dieser Blätter wandelte damals als junger Mensch durch die deutschen Lande und betrachtete die schlafenden Menschen; ich sah den Schmerz auf ihren Gesichtern, ich studierte ihre Physiognomien, ich legte ihnen die Hand aufs Herz, und sie fingen an, nachtwandlerhaft im Schlafe zu sprechen, seltsam abgebrochene Reden, ih?e geheimsten Ger danken enthüllend. Die Wächter des Volkes, ihre goldenen Nachtmützen tief über die Ohren gezogen und tief eingehüllt in Schlafröcke von Hermelin, saßen auf roten Polsterstühlen und schliefen ebenfalls und schnarchten sogar. Wie ich so dahinwanderte, mit Ränzel und Stock, sprach ich oder sang ich laut vor mich hin, was ich den schlafenden Menschen auf den Gesichtern erspäht oder aus den seufzenden Herzen erlauscht hatte — es war sehr still um mich her, und ich hörte nichts als das Echo meiner eigenen Worte. Seitdem, geweckt von den Kanonen der großen Woche, ist Deutschland erwacht, und jeder, der bisher geschwiegen, will das Versäumte schnell wieder einholen, und das ist ein redseliger Lärm und ein Gepolter, und dabei wird Tabak geraucht, und aus den dunklen Dampfwolken droht ein schreckliches Gewitter. Das ist wie ein aufgeregtes Meer, und auf den hervorragenden Klippen stehen die Wortführer; die einen blasen mit vollen Backen in die Wellen hinein, und sie meinen, sie hätten diesen Sturm erregt, und je mehr sie bliesen, desto wütender heulte die Windsbraut; die anderen sind ängstlich, sie hören die Staatsschiffe krachen, sie betrachten mit Schrecken das wilde Gewoge, und da sie aus ihren Schulbüchern wissen, daß man mit Oel das Meer besänftigen könne, so gießen sie ihre Studierlämpchen in die empörte Menschenflut, oder, prosaisch zu sprechen, sie schreiben ein versöhnendes Broschürchen, und wundern sich, wenn das- Mittel nicht hilft, und seufzen: Oleum perdidi. Es ist leicht vorauszusehen, daß die Idee einer Republik, wie sie jetzt viele deutsche Geister erfaßt, keineswegs eine vorübergehende Grille ist. Den Doktor Wirt und den Siebenpfeiffer und Herrn Scharpf und Georg Fein aus Braunschweig, und Große und Schüler und Savoye, man kann sie fortsetzen und man wird sie fortsetzen; aber ihre Gedanken bleiben frei und schweben frei wie Vögel in den Lüften. Wie Vögel nisten sie in den Wipfeln deutscher Eichen, und vielleicht ein halb Jahrhundert lang sieht und hört man nichts von ihnen, bis sie eines schönen Sommermorgens auj dem öffentlichen Markte zum Vorschein kommen, großgewachsen gleich dem Adler des obersten Gottes, und mit Blitzen in den Krallen. Was ist denn ein halb oder gar ein ganzes Jahrhundert? Die Völker haben Zeit genug, sie sind ewig; nur die Könige sind sterblich. Ich glaube nicht so bald an einer deutsche Revolution, und noch viel weniger an eine deutsche Republik; letztere erlebe, ich auf keinen Fall; aber ich bin überzeugt, wenn wir längst ruhig in unseren Gräbern vermodert sind, kämpft man in Deutschland mit Wort und Schwert für die Republik. Denndie Republik ist eine Idee, und noch nie haben die Deutschen eine Idee aufgegeben, ohne sie bis in allen ihren Konsequenzen durchgefochten zu haben. 12 Jahre Wiener Gemeindetätigkeit. (Fortsetzung.) Das Fürsorgewesen der israelitischen kultusgemeinde in der Zeit von 1912 bis 1924. Im Jahre 1912 haben die Ausgaben der israelitischen Kultusgemeinde für Fürsorgezwecke K 1,022.604 betragen, im Jahre 1923 erreichten diese die Summe von K 7.080,174.510. Zieht man in Betracht, daß in diesen Ziffern die sehr ansehnlichen Spenden an Naturalien, Bekleidungsgegenständen,

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