Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 52 (26.12.1924)
- Date
- 1924-12-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 DIE WAHRHEIT Seite 3 nach New York erlegten Gelder zurückzuerstatten, worauf die Leute den Hafen zu verlassen haben... Wir wissen noch immer nicht, was da eigentlich vorging. Aber weißt du, lieber Leser, was ein Hungerstreik ist? . . . Das war im alten Rußland das schrecklichste Mittel, zu dem die politischen Gefangenen griffen, wenn die Behandlung von Seiten der Schergen gar zu unerträglich wurde... Sie taten es nur, wenn ihre Verzweiflung den äußersten Höhepunkt erreichte. Dieses Mittel scheint wahrhaft schrecklich zu sein, denn es half jedesmal prompt. Man kann sich ausmalen, was diese 235 PAenschen gelitten haben mußten, wenn sie schon zu diesem Mittel, griffen. Offenbar hat ihnen die Schiffahrtsgesellschaft das Geld für die Ueberfahrt abgenommen und versprochen, daß die Einreiseerlaubnis bald kommen würde. Aber sie warteten in tiefster Not und Elend, ein Hundedasein in den Baracken des Hafens führend, über ein Jahr auf die versprochene Einreiseerlaubnis, die nicht kam und nicht kam, vermutlich weil die Einwanderer längst die Jahresquote überschritten hatten, worüber jedoch die Gesellschaft sie getäuscht hatte. Nun wollte sie, ihnen auch das Geld für die Ueberfahrt nicht zurückzahlen. Mittels des Hungerstreiks haben sie die Rückzahlung erzwungen, sie können getrost ihre Irrfahrten über die weite Welt von neuem anfangen. Hoffentlich wird bald jede Nachricht von ihnen verstummen. Die Wintersaison steht nämlich vor der Tür: Keren Hajessod, Keren Kajemeth und andere Vergnügungen beginnen. Aber es erheben sich für den schlichten Menschen zwei Fragen. Erstens: In früheren Zeiten, als die Judenheit zum nationalen Bewußtsein noch nicht erwacht war und im alten dumpfen brüderlichen Solidaritätsgefühl dahinvegetierte, wonach jedem Juden das Schicksal seiner Glaubensgenossen am Herzen lag, Endlich kam der Abend der Unterhaltung. Recha hatte keine Ahnung vom Tanzen, sie hatte nie Unterricht genommen und auch nie getanzt. Dagegen war Iwan ein hervorragender Tänzer. Er sah in seinem Frack faszinierend aus. Der Saal prangte in festlicher Beleuchtung und dem herrlichsten Blütenschiraick. Er bot ein Bild gleißnerischer Pracht und Schönheit. Das Heliotrop, das Blaßblau, das Violett und Rosa der Ballkleider, sowie das Schwarz der männlichen Gala und das Weiß ihrer Hemdbrüste boten ein buntes, feierlich berauschendes Bild. Als Iwan und Recha etwas verspätet den Saal betraten, erregten sie nicht geringes Aufsehen. Recha trug ein dunkelblaues Samtkleid mit irischen Spitzen geziert. Das Lampenlicht verlieh dem feinen Samt ihrer Haut einen metallischen Glanz. Ihre Augen leuchteten faszinierend und trotzdem alle Leute im Hotel wußten, daß sie zu Iwan gehörte, erweckte sie den Eindruck .einer unbezwingbaren Unschuld, einer unnahbaren Göttin., Es dauerte nicht lange und der Tanz begann. Im Nu erschien ein sehr vornehmer Herr und forderte Recha zum Tanz. auf. Da sie beschämt schwieg, erwiderte Iwan für sie, daß sie nicht tanze. Mit der Miene eines um den Genuß des Abends Gebrachten, entda wurden seit den großen russischen Judenpogromen jährlich 'hunderttausende Auswanderer nach Amerika hinüberbefördert, ihr Los war natürlich nicht rosig, aber Dinge, wie die hier erzählten, sind n i e vorgekommen. Heutzutage haben wir eine Menge nationaler Institutionen, die über das Schicksal, speziell der Auswanderer, wachen. Zionistische Organisationen blühen allerorten, wir haben eine Unmasse Palästinaämter. Nationalräte, Ministerien für jüdische Angelegenheit ausgestattet mit Amtssiegeln (Litauen, Ukraine), wir haben jüdische Senatoren und parlamentarische Klubs (Polen). Wir haben außerdem eine stattliche Anzahl von Gesellschaften mit merkwürdigen Namen, (Ort Oze, Idgeskorn), die vor zwei oder drei Jahren in Amerika hunderttausende Dollers gesammelt haben und denen bald1 dieser, bald jener Große in Israel, Ruhm und Stolz unserer Nation, in den Zeitungen seinen donnernden Beifall ausgedrückt hat* Wir haben ein zionistische Weltorganisation mit einer imposanten Anzahl von Präsidenten und Sekretären, im Werden begriffen ist die Jewish Agensy. Wir haben vor allem ein ständige jüdische Welthilfskonferenz, die ihre Augen überall hat, deren Stimme bald aus diesem, bald aus jenem Kapitole erschallt und die sogar ein paar Zeitungen herausgibt. In Paris, drei Eisenbahnstunden von Cherbourg, hat das „Comite des delegations juives" seinen Sitz, jenes glorreiche Komitee, hervorgegangen aus den jüdischen Nationalräten der ganzen Welt, welches die Interessen der gesamten jüdischen Nation vor den großen und vor den kleinen Friedenskonferenzen vertrat. Warum haben alle diese Institutionen zusammengenommen nicht dafür gesorgt, daß jüdische Emigranten, deren es doch jetzt viele tausende gibt, überhaupt nicht in eine solche Lage kommen? fernte sich der Herr und tanzte hierauf den ganzen Abend nicht, sondern behielt immer Recha in seinen Augen. Recha war zu Münte, wie einem Kinde, das zum ersten Male in die Schule kommt. Sie errötete oft, hielt sich festangeschmiegt an Iwan, den sie aus ihrer Umgebung nicht verlieren wollte, da ihr angst und bange wurde angesichts so vieler fremder, eleganter Leute. Sie promeniierte in Iwans Arm eingehängt durch den Saal. Sie sah* daß ihr die Damen ein wenig neidisch nachschauten und die Herren mit den Blicken und Gesten um ihre Gunst warben. Sie fing abgerissene Teile eines Gesprächs auf, aus welchem sie nur die Worte „da ist sie!" verstehen konnte. Mit Iwan hatte sie die ganze Zeit hindurch wenig gesprochen, sie hatten keinen richtigen Gesprächsstoff. Recha war ein wenig wirr im Kopfe, diese berauschende Musik, diese erhitzten Gesichter, diese fast greifbare Koketterie, welche in der Luft schwebte, alles übte auf sie einen berauschenden Eindruck und sie konnte sich überhaupt keinen klaren Gedanken über die Vorgänge machen. (Fortsetzung folgt.)