Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 52 (26.12.1924)
- Date
- 1924-12-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 52 nach ihrem Ursprungsland, Rußland, zurückgesandt werden... Das hätte geheißen, sie dem sicheren Verderben ausliefern. Um dieses Schicksal von ihnen abzuwenden, griffen die angesehensten jüdischen Persönlichkeiten und Organisationen ein. Das American Jewish Comittee entsandte eine Deputation unter Führung seines Präsidenten Louis Marshall zu dem Präsidenten Coolidge, der American Jewish Congress entsandte eine Deputation, bestehend aus seinen einflußreichsten Mitgliedern, an den Staatssekretär Davis, aber alle Bemühungen, die Immigranten zuzulassen, waren vergebens; man erreichte nur, daß die Sache „mit allen zulässigen Rücksichten auf die Humanität" behandelt werden würde. Inzwischen wurden die jüdischen Hilfsorganisationen in Kanada veranlaßt, die dortigen Behörden zur Erteilung der Einwanderungserlaubnis zir bewegen, und diese schienen der Sache nicht im voraus abgeneigt zu sein. Nun griff auch die „Hias" ein und man arbeitete darauf hin, daß die Unglück* liehen vorläufig auf Ellis Island in Quarantäne behalten würden. Das gelang für 600-der Emigranten, während 142 dem Schicksal d'er Deportation nicht entgehen konnten____ Was das Ende von diesem Liede war, wissen wir nicht, denn die amerikanischen Blätter berichteten nicht mehr darüber. Die jüdische Oeffent- Hchkeit hatte wichtigere Dinge, mit denen sie sich beschäftigte. Weizmann ging nach Amerika, um für den Keren Hajessod zu sammeln, Ussischkin ging nach Europa, um für den National-Fonds zu sammeln, Sokolow ging nach Berlin, um auf den seligen Wolfsohn - eine Gedenkrede, zu dessen zehnjährigem Sterbetage, zu halten und sich von Davis Trietscb interviewen zu lassen, der Jerusalemer Welt- Oberrabbiner Kuk ging nach Amerika, um für die künftigen Jeschibot im heiligen Lande zu sammeln. Einste-n ging nach Wien, um für den Keren Hajessod zusammen mit Kurt Blumenfeld Propaganda zu machen, die Universität in Jerusalem wurde eifrig gegründet, aus Stockholm erhielten wir über London die Nachricht, daß Bialik ganz bestimmt den Nobel-Preis erhalten würde und das schwellte unsere Brust fast mit ebensolchem Männerstolz, wie die Gründung der Jerusalemer Universität (Den Preis erhielt in Wirklichkeit der polnische Antisemit Reymont, während Bialiks Name nicht einmal genannt wurde — aber das tut nichts zur Sache...) Schließlich kam Hans Herzl und demonstrierte die vollkommene Unabhängigkeit des Judentumes von der jüdischen Konfession. Kurzum, die weltbewegenden Ereignisse folgten aufeinander mit Blitzesschnelle, wir mußten jedes einzelne verarbeiten, in unsere Weltanschauung eingliedern, so daß wir keine Muße und keine Aufmerksamkeit hatten für das Schicksal der paar hundert Amerikahungrigen ... Darum schwiegen unsere Zeitungen darüber, aber wir können sicher sein, daß man sie nicht in der Ozean geworfen hat, denn Coolidge hat versprochen, daß man alle humanen Rücksichten würde walten lassen. Und sie in den Ozean zu werfen, wäre ja einigermaßen im Widerspruch mit diesen Rücksichten____ Vor einigen Wochen ging'nun durch die Blätter abermals eine solche Kunde, die geeignet war, manchen den stillen Frieden des Morgenkaffees zu trüben. Im Hafen von Cherbourg ist eine Auswandererschar von 235 Russen, die seit mehr als einem Jahr in den Baracken der Schiffahrtsgesellschaft ihr Dasein fristete, in den Hungerstreik getreten ... Vor einigen Tagen erfuhren wir Genaueres darüber: diese Rüssen wären natürlich « russische Juden und die französische Regierung, durch den Hungerstreik aufmerksam geworden, befahl dem Hafenkommissär, die Schiffahrtsgesellschaft zu zwingen, ihnen die für die Ueberfahrt Feuilleton ml Der Triumph der Sinne. Von Bernhard Horowitz. (Fortsetzung.) VII. im Hotel Esplanade ging es lebhaft zu. Es war gegen 10 Uhr abends, knapp vor Beginn der angekündigten Tanz-Reunion im großen Festsaale des Hotels. In allen Zimmern brannte das Licht Die Hotelfriseuse hatte einen schweren Stand; um die Riesenarbeit, so viele Damen tax frisieren, bewältigen zu können. Die Puderquasten waren überall in Bewegung, schwere Parfümdüfte durchzogen die Räumlichkeiten des Hotels. Seide knisterte, Samt rauschte, hie und da drang ein aufgeregtes Gespräch einer mit ihrer Frisur oder Toilette nicht zufriedenen Dame durch die Türen in den Korridor,. Und obzwar bereits der größte Teil der Damen und Herren fertig war, wollte niemand der erste. Gast sein. Das würde der Vornehmheit einen gewissen Abbruch tun. Man spionierte, Türen wurden halb geöffnet and verstohlen wurde hinausgeschaut, ob man schon hinuntergehen könnte. Auch Iwan und Rechä gingen zur Reunion. Sie waren bereits sechs Wochen in diesem Hotel. Nachdem sie sich vier Wochen hindurch wie zwei Gefangene von jedem Verkehr mit anderen Menschen ausgeschlossen hatten, nachdem der erste Liebesrausch ein wenig nachzulassen begann, besannen sie sich auf ihre Umgebung und daß noch draußen das Leben lacht. Selten flatterte ein Schatten einer Erinnerung an ihr früheres Leben, an die Eltern, ihr Heim, ihre Verwandten, Bekannten heraa Die Erinnerung nahm keine greifbare Form an, sie blieb wesenlos, da ihr Leben jetzt ganz ausgefüllt war mit ihrer Liebe. Iwan war zuerst aus diesem Rausch erwacht. Er begann Langeweile zu spüren. Und als er etwas besorgen ging, blieb er länger, als notwendig war, aus. Er spazierte im Orte herum, sah sich die Gäste an und war überhaupt froh, sich ein bißchen in Freiheit zu bewegen. Als er zurückkehrte, mußte er Recha, die am Balkon saß und ungeduldig nach ihm Ausschau hielt, immer Rede stehen, wo er war und was er sah. Als sich das täglich wiederholte, wurde ihm die Sache zu langweilig. Da las er im Vestibül des Hotels die Anzeige der Tanz-Reamion. Freudig ergriff er die Gelegenheit um. in seine Langeweile Abwechslung zu bringen. Recha stimmte zu.