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Die Wahrheit · 1924-12-26 · Heft 52 (26.12.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 52 (26.12.1924)
Date
1924-12-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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AHRHEIT öeölscüösterMcMsclie Wodiensdirttt fflr ifidlsdie Interessen tllf dem Beiblatt: feröffenfttdiiingen der „Union äenfecüösterreidilsdier tnäaf Sedaktion und Administration: ffleii ML» «S. - Fernruf 42-2-18 XL. Jahrgang Wien, 26. Dezember 1924 Nummer 52 Das National Home und seine Insassen, Also sieben Jahre haben wir es schon und wissen noch immer nicht, was es ist. Ich meine das National Home. Kein Mensch in der Welt weiß nämlich, was e}ii National Home ist, was für einen Gebrauch sein glücklicher Besitzer davon machen kann und darf, inwiefern andere ihm diesen Besitz streitig machen können, usw. Das ist ja ein funkelnagelneuer Begriff von Völkerrecht. Lord Balfour^ unser großer I^r'eund, hat ihn eigens für ühs geprägt, an jenem denkwürdigen 2. November 1917, der seither für tiös ein richtiger Nationalfeiertag ist, wie z. B. das pe^sachfest, der Tag, an dem wir eine Nation geworden sind, im modernen , Sinne des Wortes, rfefiarid von uns hat je ein National Home gehabt und so weiß man aus der Erfährung und der Gewohnheit nicht,, was für eine Bewandtnis es mit fiesem Dinge habe. Ein Staat ist es nicht, denn auf deinselbeti Territorium kann es hur einen Staat g|ben, es können aber auf demselben Territorium zwei, vielleicht sogar mehrere National Homes existieren; wir wissen ja, daß in Palästina neben uns auch die Araber ihr National Home haben, oder haben sollen, oder haben dürfen, wenn sie nur wollen, — obwohl sie das gar nicht benötigen, denn sie sind ja im faktischen Besitz des Landes. Ins Deutsche darf man das große Wort nicht übersetzen, dehn darin lautet es: „National-Heim" und erinnert an Alten-Heim, Waisen-Heim, Blindert- Heim, Krüppel-Heim und ähnliche Institutionen — und das Wäre unangenehm. Juristisch erinnert es ein wenig äti die sogenannten „Reservationen", welche die Regierung der Vereinigten Staaten auf ihrem Territorium den Üeberresten der absterbenden Indianer Stämme eingeräumt hat, deren Väter ehemals die Herren des unermeßlichen Landes gewesen sind. Jede solche Reservation bildet ein ziemlich umfangreiches Gebiet, wo die Indianer, unter Oberaufsicht eines von der Regierung ernannten höhen Kommissars, sich nach Sitten und Gewohnheiten ihrer Ahnen tummeln dürfen. Und die Indianer tun dies nach Herzenslust und bilden sich ein; das alte freie Volk zu seih, das ihre Vorfahren gewesen. Ein Privilegium haben die Reservations- Bewöhner. Kein Bleichgesicht darf in die Reservation ohne Erlaubnis. ihrer sämtlicher Bewohner eindringen! .... Zu Oberkommissaren der Reservationen bestimmt die Regierung mit Vorliebe solche Persönlichkeiten, die von jenen Indianerfamilien abstammen, welche sich schon vor Jangen Zeiten dem Leben der herrschenden anglo-sächsischen Rasse in Sprache, Sitten und Kultur angepaßt — assimiliert, aber den Zusammenhang mit dem angestammten Indianervolke nicht ganz verloren haben. Solche Persönlichkeiten wissen am besten, wie mit den Indianern umzugehen ist, und bestäx-ken sie überdies in der Illusion, daß sie, wie ehemals, die herrschende Nation seien____ Aber auch dieser Hinweis erleuchtet uns nur wenig und wir wissen noch immer nicht was das köstliche Ding ist, dessen Besitz uns seit sieben Jahre so glücklich und stolz macht. Dafür aber wissen wir ganz genau, was es nicht ist. Es ist nicht, was viele, sehr viele sich daruntsr vorstellten und was dem Urheber dieses Ausdruckes Max Nord au gewiß, wenn auch etwas dunkel vorschwebte: eine Heimat, in die man zu jeder Zeit kommen kann. Max Nordau prägte nämlich die knappe Formel des Baseler Programms: „Schaffung einer öffentlich-rechtlich» gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" und erläuterte diese Formel dahin: „Jeder Jude in den Golus- Ländern, der fühlt, daß er sich mit dem Wirtsvolk nicht assimilieren kann oder will, geht nach Palästina, in die Heimstätte für das jüdische Volk". Das ist zwar reichlich unklar,, denn es steht ja noch nicht einmal fest, was das heißt;,sich assimilieren", noch weniger, wie und wann ein Mensch weiß, daß er sich nicht assimilieren will, und kann^ der Prozeß der Assimilation ist doch wohl ein unbewußter und erstreckt sich auf Generationen. Eins aber ist sicher: jene Juden, die aus irgend einem Grunde gezwungen sind, ihr derzeitiges Heimatland massenhaft zu verlassen und sich irgendwo in der weiten Welt Lebensmöglichkeiten zu suchen, haben eingesehen, daß sie inmitten ihres Wirtsvolkes nicht existieren können und gezwungen sind, sich nach einer neuen Heimstätte umzusehen. Diese Art von Juden sind es, für die das National Home — trotz seiner juristischen und politischen Undefinierbarkeit und trotz der Verschwommenheit des Begriffes Assimilation — in sehr aktuellem Sinne in Betracht käme; das Wären die eigentlichen Kandidaten für die nationale Heimstätte fLr das jüdische Volk. Es ist gerade ein Jahr her, daß 742 jüdische Auswanderer auf der „Tränen-Insel", Ellis Island, zurrückgehalten und nach den Vereinigten Staaten nicht eingelassen wurden, weil sie die Jahresquö'.e für russische Emigranten überschritten hatten. Es drohte ihnen die Deportation, d. h. sie sollten auf Kosten der Vereinigten Staaten, selbstverständlich nicht gerade auf einem Luxusdampfer erster Klasse,

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