Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 51 (19.12.1924)
- Date
- 1924-12-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 51 DIE WAtfRttßiT £*t« » Wahrheiten vom Tage Der Ueberfall au! das Agudah-Heiin vor Gericht. Wie erinnerlich, haben drei jugendliche Hakenkreuzler in der Nacht vom 19. zum 20. September einen Angriff auf ein Heim der Agudah in der Südbahn-Schrebergarten-Kolonie in Meidling unternommen. In diesem Heim sind jüdische Waisenknaben aus Rußland untergebracht, deren Eltern im Kriege oder bei Pogromen ums Leben gekommen sind. Die Knaben werden dort zu Handwerkern ausgebildet. Gegen diese Institution wird seit langer Zeit in den Ritualmordblättern eine Hetze geführt. Die drei Buben, Willibald Akamphuber, Wilhelm Infeld und Karl Jakl, erschienen nach 11 Uhr nachts in besoffenem Zustand vor dem Zaun der Baracke und schrien „Die Hitler-Qarde ist da! Aussa mit die Juden"! Sie warfen mitgebrachte Steine in die Fenster der Baracke, in der die Knaben schliefen. Auf die Hilferufe der Ueberfallenen kamen Passanten und Wache herbei. Die Sturmtruppler flüchteten, wurden jedoch eingeholt und zur Wachstube gebracht, wo ihre Person festgestellt wurde. Nunmehr standen sie vor einem Senat des Landesgerichtes I. Sie waren 'teilweise geständig. Akamphuber und Infeld wurden zu je zwei Monaten, Jakl zu vier Monaten Arrest verurteilt — jedoch „beding t", so daß sie ihre Verurteilung nur insofern tragisch empfinden werden, weil ihnen die mit drei Jahren bemessene „Bewährungsfrist" den Zwang auferlegt, so lange ihren furor teutonicus zu zügeln. Die Milde des Urteils zeigt ganz deutlich, daß der Richter dem Frevel der Hakenkreuzler-Jungen — ideale Motive zubilligte. Wenn deutsche Bierhelden jüdische Handwerker überfallen, so schützen sie eben das „schaffende" Ariertum vor dem bloß aufs „Raffen" eingestellten Geiste schädlicher Parasiten. Das ist die Logik des Hakenkreuz-Katechismus, der sich, wie man sieht, auch richterliche Gehirne nicht entziehen können. Demokratie im Geiste Rathenaus. Die Berliner demokratischen Reichstagskandidaten veranstalteten am 23. November einen Vortragsabend vor einem gewählten Kreis Geladener, in dem Hause Walter Rathenaus, welches von Rathenaus Mutter dem Reiche geschenkt worden ist. Der Dichter Thomas Mann und der Präsident des Hansa-Bundes Dr. Hermann Fischer legten Bekenntnisse zur Demokratie im Geiste Rathenaus ab. Der demokratische Führer Bernhard Dembürg, der Freund Rathenaus, schilderte den Mann, der zum Märtyrer für die Idee der Demokratie geworden ist. Rathenau war in jedem Gedanken und in jeder Tat patriotisch, aber er hätte sich geschämt, seinen Patriotismus wie andere im Munde zu führen. Im Kriege, hat Rathenau die Rohstoffversorgung gesichert und nach dem Krieg hat er sich in den Dienst der Befreiungspolitik durch Opfer gestellt, zurerst in Spa, wo er gegen Stinnes für die Kohlenlieferungen eintrat. „Wäre dieser Mann nicht gemordet worden, so wäre dem deutschen Volk der Ruhreinbruch und die Inflation erspart geblieben und viele Tausende von Witwen und Waisen hätten nicht das Letzte verloren." Gerhart Hauptmann, den das Einladungsschreiben in Italien erreicht hat, sandte von dort das folgende Schreiben: „Die weite Entfernung von Deutschland verbietet mir leider, der Feier im mir wohlbekannten Hause meines lieben großen Freundes Walter . Rathenau beizuwohnen. Ich begrüßte sie somit nur aus der Ferne in schmerzlichem Gedenken an einen der düstersten aller deutschen Tage, wo eine von Deutschlands edelsten Hoffnungen blindem Wahnwitz zum Opfer fiel." Wie lange wohnen die Juden in Deutschland? Herr Dr. Julius Rotholz (Berlin) hat eine Karte der ältesten Niederlassungen in Deutschland gezeichnet. Seinen Erläuterungen aus dieser Karte ist zu entnehmen: Wahrscheinlich sind die ersten Juden nach Deutschland mit den römischen Legionen gekommen, als dieses noch mit Urwald und Sümpfen bedeckt war. Aber streng wissenschaftlich haben deutsche und jüdische Forscher nach den Regesten, den chronologisch geordneten Urkundenverzeichnissen festgestellt, daß Juden sich am Rhein und der Donau in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung niedergelassen haben. Köln wird als älteste Kolonie angesehen. Sie bestand lange ehe das Christentum zur Macht gelangte. Am Rhein befanden sich schon Juden in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt, aus dem X. und XL Jahrhundert sind jüdische Gemeiuden in Süddeutschland und der Provinz Sachsen nachweisbar. Die Juden lebten mit der anderen Bevölkerung jahrhundertelang im besten Einvernehmen, bis iAnatischer Religionshaß sie zwang, ihre Bodenstäniigkeit aufzugeben und ihre Zuflucht nach dem Osten 2ti nehmen, wo sie aber ihre deutsche Muttersprache beibehielten. Gegen Dinier. Wie Dr. Dinter in manchen Kreisen der christlichen Geistlichkeit beurteilt wird, zeigt am deutlichsten eine Besprechung der Zeitschrift „Mut und Kraft", Zeitung für evangelische Kirchengemeinden. Geheimrat Dr. Lutgers, Professor an der Universität in Halle, schreibt im ersten Jahrgang Nr. 5 dieser Zeitschrift unter d^*r Ueberschrift „Das Wort vom Hakenkreuz" über Arthur Dinters Buch „Das Evangelium unseres Heilandes Jesus Christus" u. a. folgendes: „Wir haben es also, wie es ja von Arthur Dinter nicht anders zu erwarten war, mit einem fanatischen Antisemitismus zu tun, der sich in blinder Wut gegen das Alte Testament richtet, ohne das geringste Verständnis für das Evangelium, welches sich im Alten Testament befindet. Mit einem oberflächlichen, durchsichtigen Schleier von Wissenschaft, in frViiriklichkei t: mit willkürlicher Gewalttätigkeit, wird alles, was in dieses Evangelium des Hakenkreuzes nicht hineinpaßt, als Fälschung gestrichen oder ganz beliebig und ohne jeden Beweis \ erändert. Von einem wissenschaftlichen Wert kann also keine Rede sein. Der Flitter von Büchertiteln und griechischen Worten kann nur Unkundige täuschen. Das Buch wäre also nicht wert, besprochen zu werden, wenn es nicht in hohem Maße charakteristisch wäre für das religiöse und politische Chaos unserer Zeit. Ein solches Machwerk kaun in erster Auflage in zehntausend Exemplaren gedruckt und verbreitet werden - ein bedenklicher Beweis für Urteilslosigkeit weiter Kreise unseres Volkes Ln christlichen und religiösen Dingen, ein Zeiclieu der Zeit und ihrer Verwirrung." Bischof Balthazar über die Luge der Juden In Ungarn. Dr. Desider Balthazar, Bischof der reformierten Kirche in Ungarn, der sich jederzeit mit rühmenswertem Mut für die Rechte der Juden eingesetzt hat und deswegen von der Reaktion insultiert wurde, weht gegenwärtig in Amerika, um für das Kollegium von D e b r e z i n, dessen Präsident er ist, 200.000 Dollars zu sammeln. Er wandet sich mit einem Aufruf an die „führenden Protestanten, Juden und das liberal gesinnte Volk". In einem Interview mit einem Vertreter der I. T. A. sagte Bischof Balthazar: „Die l uge der Juden in Ungarn ist eine sehr traurige und es besteht für die nächste Zukunft keine Hoffnunga u fßesserun g. ludtm ich mich mit meinem Aufruf auch an die Juden wende, stütze ich mich auf die Tatsache, d.iß das Kollegium von Debroiin das einzige Institut für höhere Bildung in Ungarn isc, das den jüdischen Studenten keine Beschränkung auferlegt. Bei ahsn anderen Hochschulen in Ungarn gilt der Numerus clausus, welcher die Zahl der jüdischen Studenten aui 5 Prozent beschränkt In Wirk'ichkeit gibt es fast keini Juden an den ungarischen Hochschulen. Diejenigen, die autgenommen sind, werden von den ungarischenStudeuten so heftig verfolgt, daß sie die Anstalt verlassen müssen. Dasliberalgesinnte Volk in Ungarn", schloß der Bischof, „ist bereit, gegen die Reaktion der Regierung und der Erwachenden Ungarn zu kämpf en." Die bayrischen Judenentrechtungsanträge. Zu den von uns in der letzten Nummer gemeldeten neuen antisemitischen Anträgen der bayrischen Völkischen im dortigen Landtag schreibt uns Siegfried Jacoby: Bayern befindet sich in der Lage des Frosches, der über Vivisektion philosophiert. Unerhörte Qual geschieht. Franzosen, Engländer haben zur höheren Gesundung der „Menschheit" lebendiges Fleisch aus dem zuckenden deutschen Körper gerissen. Wo bleibt Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Kultur? Und die Frösche beschließe» zur Abwehr, zur Rettuug der Menschheit, Gerechtigkeit und Kultur die Vivisektion an schwächeren Tieren ihrerseits einzuführen. „Eine allgemeine Ausweisung der Juden sei in der Praxis natürlich undutch fuhrbar. Das würde ... zu Repressalien führen, zudem fehle hierbei nach der Verfassung die gesetzliche Grundlage." So durfte sich im Verfassungsuusst huß des bayrischen Landtages der neue Innenminister Stütze! auch Marchatti äußern. Oh es gerecht, ob es menschlich sein wird, scheidet aus der Betrachtung aus. Mar. muß und ist