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Die Wahrheit · 1924-12-19 · Heft 51 (19.12.1924) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 51 (19.12.1924)
Date
1924-12-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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_H» DIE WMMtWn Realpolitiker". Auch ob es nützlich oder nicht nützlich ist, fürs „Vaterland". Aber so sehr kann man nicht Realpolitiker sein. Da die Repressalien doch immer vor Augen stehen. Da aber die Juden angeblich mit dem Feindbuhd in engster Verbindung stehen, so mit Frankreich, England, Amerika, Belgien usw., so müssen doch die Juden aus dem Lande. „Aber wieder das böse Ausland" .... Man würde sonst sicher gerne, aber... Und ganz zum Schluß und nebensächlich „zudem fehlt die gesetzliche Grundlage". Zudem. Die Niedrigkeit, das Undeutsche solcher Einstellung scheint niemandem der Minister am Regierungstische aufgefallen zu sein. Das müssen erst die Juden vom Ausland machen, die „Entente", nicht wahr? „Alles verjudet!" schreien die „Völkischen" in Deutschland. „Deutschland", kann das nicht länger ertragen, aber was kann man machen? Die Juden müssen von den Universitäten verschwinden. Die jüdischen Professoren dürfen nicht mit den deutschen Studenten zusammenkommen. Ja, die Professoren müssen aus Deutschland verschwinden. Willstädter und Einstein, das sind die Verderber am deutschen Volke, die veriuden uns. Also raus aus Deutschland .... Wenn man die Juden samt und sonders aufhängte, würden die völkischen Anträge nur angenommen werden. Aber die bayrischen Parteien sehen, es geht nicht, und so muß das Geschrei gegen die Juden immer, größer werden, damit das Volk doch endlich sehen wird, daß die Juden an Deutschlands Unglück schuld sind. Ludendorff, der Mörder am deutschen Volke, Ludendorff, der Reichstagsabgeordnete, dieser Erich Ludendorfr kann eine Hetze in die Welt setzen, die im Auslande kaum glaublich ist. Wielange soll Ludendorff noch das Unglück der Völker sein? Warum schreitet die Kulturwelt nicht gegen Ludendorff ein? Oder wollen die Völker zusehen, wie ein neuer Krieg unter Ludendorff in die Wege geleitet wird? Ja, Bauer, das ist was anders. In Hans Reimanns vorzüglichem „Stachelschwein" (Frankfurt a. M.) lesen wir folgendes Pröbchen deutscher Justiz: Der Holzhändler Kommerzienrat Landauer wurde vom Landgericht München wegen Lieferung schlechter und teilweise verdorbener Bretter an das deutsche Heer (vergleiche hierzu: an mein Volk!) zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt bemerkte („bemerkte!"), das Verfahren Landauers sei nicht nur sehr unreell, sondern auch gewissenlos gewesen. Kriegsverbrechen verjähren also nicht mit Friedensschluß, wenn es sich um einen Juden handelt. Arischer Scharfblick. Ein Leser des „Fridericus" hat eine fabelhafte Entdeckung gemacht. Er schreibt diesem Sudelblatte: „Wenn man richtig hinsieht, könnte man auf dem Mützenband des kleinen Filmbochers Jacob Kohn (Jackie Coogan) statt „Leviathan" richtiger „Levinathan" lesen." Der „Fridericus" meint, der Leser kann Recht haben, hat es aber selbst schon damit nicht, daß Jackie Coogan nie Jacob Kohn heißt oder hieß. Ganz abgesehen davon, daß es doch auffallend ist, daß diesen fulminanten Scharfblick keiner der vielen Besucher des Filmknaben bisher entwickelte, nicht einmal einer der zahlreichen Reporter völkischer Blätter, für die eine solche Entdeckung doch ein gefundenes Fressen gewesen wäre. Aber es kommt noch schöner. Schließlich bemerkt der „Fridericus" zu der angeblich richtigen Aufschrift auf Jackies Mützenband: Getreu dem Wahlspruch des altassyrischen Landadels: „Hodie nec olim — Massel, Chutzbe, Ponim". Haben die altassyrischen Landadeligen wohl kaum lateinisch gesprochen (Hodie nec olim ist es und bedeutet: Heute, nicht einst), so muß uns schon der „Fridericus" erklären, wie die von ihm gegebene jüdische Uebersetzung zu dem lateinischen, pardon altassyrischen Original kommt. Oder ist das Ganze nicht ein kleiner Grubenhund arischen Geblütes? Die Zeiten ändern sich! 1914. Im Dorfe Sandstedt in der Osterstadter Marsch versammeln sich am Kriegerdenkmal die wehrfähigen jungen Männer, die von allem, was ihnen lieb und teuer ist, von ihrer Heimat Abschied nehmen; von der Heimat, die sie verteidigen wollen gegenüber mächtiger Feinde! Da tritt aus der Schar der Kameraden der jüdische Reserve-Unteroffizier Meinhard Goldmann und hält eine kurze kernige Ansprache. — Tränen in den Augen, glühende Vaterlandsliebe im Herzen, so hören alle tief ergriffen zu; vom Greis bis zum Kinde. Am 26. August fällt im Sturm auf Löwen Meinhard Goldmann. Seine Eltern haben den Einzigen hingegeben. — Tief trauern sie um den Geliebten, aber auch stolz sind sie auf ihn! Ohne Ausnahme wallfahrten alle Bewohner des Dorfes zum Trauerhause. . . . 1924. Viele Neugierige bleiben vor dem Goldmannschen Hause stehen und schauen hinauf nach dem Dache. Dort oben haben Bubenhände ein großes Hakenkreuz hingemalt. Der alte fünfundsiebzigjährige Vater des auf dem Felde der Ehre gefallenen Unteroffiziers Meinhard Goldmann steigt mühselig auf das Dach . . . und reinigt es von der Besudelung .... Die Drohbriefe des Kunze-Redakteurs. Der politische Redakteur einer bekannten demokratischen Zeitung Berlins erhielt eines Tages einen anonymen Brief folgenden Wortlautes: „Das Exekutivkollegium der vernichteten Existenzen hat bie zum Tode verurteilt. Das Urteil wird in den nächsten Wochen vollstreckt werden. Durch 10 Pölizeisperren können Sie die Vollstreckung nicht hindern. Wir kommen überall durch. Auge um Auge, Zahn um Zahn! Der Chef des Exekutivkollegiums der vernichteten Existenzen." Der Empfänger des Briefes. Dr. Feder, nahm das Schreiben zunächst nicht ernst, tinige Tage darauf erhielt dann der Herausgeber der „Mitteilungen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus", Ür. btanjek, ebenfalls ein Schreiben, in dem ihm der 21jährige Karl Heinz Ohl, der ihn schon früher, angeblich im Auftrage des Herrn von Gerlach, aufgesucht hatte, politisches Material anbot. In dem bchreiben nieß es nun weiter: „Durch Zufall ertuhr ich, daß gegen Dr. F. ein Todesurteil gefällt worden ist. Es handelt sich um stellungslose Individuen, die nichts zu verlieren hätten, denn die völkischen Drahtzieher haben eine belohnung von 10.000 Mark versprochen. Polizeibeamte stecken mit innen unter einer Decke. Vielleicht läßt sich aber die bache auf gütlichem Wege durch mich regeln." Darauf wurde bei unl Haussuchung abgehalten, wobei weitere Briefe, die ebenfalls Drohungen gegen andere im örientlichen. Leben stehende Persönlichkeiten enthielten, beschlagnahmt wurden, unl üatte sich jetzt vor dem bchöffengericht bchöneberg unter der Anklage der Bedrohung mit einem Verbrechen, sowie der Nötigung und der versuchten Erpressung zu verantworten. Er gab zu, daß alle seine Behauptungen lediglich seiner Phantasie entsprungen seien. Er habe Dr. F. nur argern wollen, weil dieser Material, das er dem betreffenden Blatte über Richard Kunze angeboten hatte, nicht verwendete. Er, Ohl, sei Redakteur des Kurtzeschen Wochenblattes gewesen und habe sich in großer Notlage befunden, da er nur ein Monatsgehalt von 65 Mark erhielt und später selbst diese btellung verlor. Der Hunger habe ihn zu dieser unsinnigen Handlungsweise getrieben. Das Gericht, unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Schneider faßte die Tat des Angeklagten als versuchten Betrug auf und verurteilte ihn zu sechs Wochen Gefängnis, welche Strafe als durch die Untersuchungshaft verbüßt angesehen wurde, so daß der Haftbefehl gegen Ohl aufgehoben wurde. Verstaatlichung eines jüdischen Friedhofes. Die jüdischen Kommunisten der Stadt Schmerinky in der Provinz Podolien haben im Zusammenhang eines Konflikts mit dem Ortsrabbiner den jüdischen Friedhof verstaatlicht. Sie weigern sich nun, Mitglieder der jüdischen Bourgeoisie dort begraben zu lassen, wenn nicht sehr hohe Geldsummen bezahlt werden. Sie begründen dies damit, daß die Bourgeois, solange sie am Leben sind, der Gesellschaft keinen Nutzen bringen, weshalb sie wenigstens nach ihrem Tode von Nutzen sein sollten. Der Streit fing damit an, daß der Rabbiner die Beerdigung eines jüdischen Kothmunisten, die als eine kommunistische Demonstration gedacht war, wobei die Leiche in rote Tücher gehüllt werden sollte, nicht zulassen wollte. Um seine Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof zu erzwingen, wurde der Friedhof verstaatlicht Es hat den Anschein, daß die Verstaatlichung eine ständige bleiben wird. Lösung der Judenfrage. Dieses Ziel hat sich eine deutsche Antisemitenvereinigung gesetzt, die ihrer Zeitung — bezeichnenderweise heißt sie „Der Werwolf" — ein Formular beilegt, in das sich jeder eintragen kann, der auch etwas gegen die Juden hat. Und zwar darf sich jeder das ihm Zusagende aussuchen. — „A Sämtliche seit 9. November 1918 eingewanderten Ostjuden sind auszuweisen. Schärferer Antrag B. Sämtliche seit 1. August 1914 eingewanderten Juden sind auszuweisen" usw. Im schärfsten Antrag E sollen alle jüdischen Vermögen — soweit sie unrechtmäßig erworben — beschlagnahmt und die Juden unter ein besonderes Recht gestellt werden. — Wir schlagen eine noch schärfere und radikalere Fassung F (eine ff.-Fassung sozusagen) vor, daß alle (christlichen, jüdischen und heidnischen) Vermögen, die unrechtmäßig erworben worden sind, beschlagnahmt werden sollen. Einverstanden, „Werwolf"?

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