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Die Wahrheit · 1924-12-19 · Heft 51 (19.12.1924) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 51 (19.12.1924)
Date
1924-12-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seile 8 DIE WAHRHEIT Nr. 51 wie der Amerikaner die Bibel in Ehren halten und an Gott glauben. Nur die religiösen Juden vermögen eine jüdische Gemeinschaft zu bilden. Die jüdische Jugend glaubt, daß sie den Gipfel der Wissenschaft schon erreicht hat und entfernt sich daher immer mehr von dem wahren Kern der Wissenschaft: von der Bibel. Dem ist aber nicht so. Die Bibel ist nicht beendet und ist fortwährend im Wachsen begriffen. Das Wort Gottes hat sogar in unserer Zeit nicht aufgehört. Ich behandle dieses Thema in meinem Drama: „Wir Modernisten"." Ein neuer Nathan Birnbaum in anderer Fassung! (Fortsetzung folgt.) Zum Ohanukafeste. Der Abend sinkt, es flammen auf die Kerzen Und frohe Festesstimmung uns durchzieht. Es dringt der helle Schein in uns're Herzen, Wir stimmen freudig an das alte Lied, Das singt von jenen Helden, die ohn4 Zagen Dereinst in harter, stark bedrängter Zeit, Mit Oottvertrauen und mit kühnem Wagen Ihr Volk geführt in heil'gen Glaubensstreit. Verödet lag der Tempel und die Lehre Ward draus durch schnöde Tyrannei verbannt. Da kämpften muivoll sie für Gottes Ehre Und „Er" gab Kraft und Sieg in ihre Hand. Und Licht erstrahlt in „Seinem" Heiligtume Nach langer, schwerer, ach so düsi'rer Nacht. Wohl zu des Höchsten ew'gem Preis und Ruhme Aufs Neu erstand des Tempels alte Pracht. Und zum Gedächtnis unserer tapfern Ahnen Wir feiern heute noch das Lichterfest. Als frohes Grüßen, doch auch stilles Mahnen, Daß Gott die Glaubenstreuen nie verläßt. 2Ju „Ihm" zu jeder Zeit stets aufzuschauen. Geloben wir beim trauten Lichterschein, Den Makkabäern gleich — stark im Vertrauen — Dies soll der Dank an jene Helden sein! Beate Baumgarten. Die öffentlich-rechtliche Stellung des Judentums in Ungarn. Kürzlich haben wir ein hochinteressantes Urteil der obersten Gerichtsstelle im ungarischen Staate, der königlichen Kurie, veröffentlicht, worin die durcli die Rassenschutzbewegung auigerollte Frage, ob die jüdische Bevölkerung Ungarns als Glaubensgemeinschaft oder als besondere Nationalität anzusprechen sei, auf Grund der diesfalls geltenden gesetzlichen Bestimmungen im ersteren Sinne entschieden worden ist. Im Zusammenhang mit dieser Flage sind uns aus Leserkreisen die folgenden historischen Reminiszenzen zugekommen: „Es war im Jahre- 1887. Der spätere Ministerpräsident Baron Desider Ban ff y war damals Obergespan des Beszterce-Naszoder Konritats. In den behördlichen Ausweisen der dortigen Aemter figurierten die Juden noch als besonderer V ol k ss tainiiL Mit einem Male bestimmte der Verwaltungsausschuß im Wege einer Verordnung, daß die jüdischen Staatsbürger n u r in der Rubrik „Konfession" besonders anzuführen sind; in bezug auf staatliche Nationalität sind sie, unbeschadet" ihrer Muttersprache, immer als „Ungarn" /,u bezeichnen. Sowohl die sächsische als auch die rumänische Nationalitätenpresse, die von diesem Zuwachs der ungarischen Bevölkerung' nicht sonderlich erbaut war, hat diese Verfügung des Obergespans als rechtswidrig bekämpft. In den Schulbüchern der Nationalitäten war damals z. B. noch zu lesen: „Die Gemeinde N. zählt 6000 Einwohner, 400 Juden und 100 Zigeuner." Der vorsichtige Obergespan hatte jedoch diesbezüglich eine Vorbesprechung mit Oberrabbiner Horovitz, der später einer Berufung als rabbinischer Leiter der deutsch-holländischen Palästinaverwaltung für die Gemeinden des heiligen Landes folgend, nach Jerusalem zog. in jener Zeit aber als Rabbiner in Beszterce wirkte. Baron Desider Banffy vertrat den Standpunkt, daß die Juden Ungarns im Jahre 1867 von der Gesetzgebung als Angehörige der ungarischen Nation auch in ungarisch-nationalem Sinne emanzipiert wurden. Er glaube daher nicht, daß die ungarischen Juden selbst — ganz besonders in Komitaten mit verschiedenen Nationalitäten — in eine andere Nationalität eingereiht sein wollen. Rabbiner Horovicz hatte dieser staatsrechtlichen Auffassung des Obergespans vollkommen beigepflichtet und auf dessen Wunsch seinerzeit im Pester Lloyd auch die historischen Gesichtspunkte dieser Frage beleuchtet. Jüdische Nationalität in politischem Sinne — so schrieb damals Oberrabbiner Hnrovicz — war im Leben der jüdischen Nation niemals ein volkstümliches Postulat ihres nationalen Bestandes, indem auch der ehemalige politische Staat als solcher nicht Hauptzweck, sondern Mittel zur Verwirklichung der mit dem Heiligen Lande verbundenen, ihm durch sinaitische Offenbarung überantworteten Lehre gewesen ist. Diese historische ideellle Bestimmung bildet das bleibende Kriterium im Gesamtleben des jüdischen Volkes." * * * Nachschrift der Redaktion. Was damals von der öffentlich-rechtlichen Stellung der ungarischen Juden galt und nach der Entscheidung der obersten Gerichtsstelle im ungarischen Staate trotz allem Rassenschutz auch heute noch dort gilt, ist im übertragenen Sinne für die Gesamtjudenheit ebenfalls stichhältig. Mit dieser Tatsache hat selbst die bekannte Balfour- Deklaration gerechnet, indem sie betont, daß die Errichtung eines „nationalen Heimes für die Juden in Palästina d i e bürgerlich-politischen Beziehungen der Juden zu ihren Heimatländern in keiner Weise berühre." In der Tat denken selbst die englischen Juden, trotz des englischen Palästinamandats, auch heute nicht daran, ihre national-politische Zugehörigkeit zur englischen Nation mit einem spezifisch jüdisch-politischen Nationalismus zu vertauschen. Die französischen Juden wollen in politischnationaler Hinsicht nichts anderes als vollwertige Franzosen sein. Und die amerikanischen Juden, die bekanntlich an dem wirtschaftlichen Aufbau Palästinas am hervorragendsten beteiligt sind, bekennen sich in. modern-politischem Sinne, ohne Rücksicht auf ihre frühere Herkunft und Muttersprache, ausschließlich als nationale Mitglieder der großen, einheitlichen amerikanischen Nation. Und so ist es in den Ländern der ganzen Welt, wo Juden heimatsmäßig eingebürgert sind. Aber selbst im neuen Palästi nsa, wo die englische Mandatsregierung die Errichtung eines „Nationalheims für das jüdische Volk" inauguriert hat, sind die staatsrechtlichen Verhältnisse der dortigen jüdischen Bürger im großen und ganzen die alten geblieben. Die amerikanischen Juden sind Amerikaner, die englischen Engländer und die aus Frankreich stammenden Juden sind Franzosen geblieben. Es gibt dort ebenso ungarische, österreichische, polnische und rumänische jüdische Staatsangehörige, obwohl viele von diesen schon einige Jahrzehnte in Palästina wohnen. Und die Konsuln dieser Länder verabfolgen Pässe und erteilen Visa den jüdischen Einwohnern Palästinas wie in der Vormandatszeit. Die wirtschaftliche Erschließung Palästinas, um den von der Zeiten Not dorthin versprengten Juden ein Heim zu bieten, oderdie an historische Glaubensideale anknüpfende Förderung der Besiedlung von heiligen Orten durch glaubenstreue Brüder verschiedener Landsmannschaften war von jeher und ist auch heute noch ein frommes Ideal der jüdischen Gemeinden aller Länder. An die Schaffung einer jüdischen Nation in politisch-bürgerlichen. Sinne nach dem Muster des modernen Nationalismus hat die Judenheit der ganzen Welt ebenso wie die englische Mandatsregierung niemals gedacht. Das alte, historische Judentum aber hat den politisieTenden Nationalismus, als mit den ewigen Idealen des Judentums unvereinbar, stets abgelehnt.

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