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Die Wahrheit · 1924-12-19 · Heft 51 (19.12.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 51 (19.12.1924)
Date
1924-12-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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üiZ WAHRHEIT Kr 51 antisemitischen Plakaten tapezieren ließ, die in Worten und Bildern den konfessionellen Haß predigten. Hat Marffy nicht Recht, wenn er denkt, daß in dem Milieu, in welchem Beamte wie dieser Stadthauptmann keine auffallende Erscheinung bildeten, man schließlich auch die Leute finden mußte, die von den hetzerischen Worten zu mörderischen Taten übergehen? Wer kann da Marffy widersprechen? * * * Daß dieser Oedankengang seine volle Berechtigung hat, dafür möchte ich als einen klassischen Zeugen den ungarischen Staatsmann anführen, den niemand übertrieben philosemitischer Gesinnungen beschuldigen wird: den Grafen Albert Apponyi, der vor Jahren bereits, entsetzt durch ein an Juden verübtes Verbrechen, in einer Rede unter anderem ausführte: „Darf es mit uns so weit gekommen sein, daß politischer Mord in seiner abstoßendsten Gestalt, in der Gestalt des blind waltenden Massenschlachtens, bei uns Bürgerrecht erwerben soll? Und wie wäre der Staat beschaffen, dem der Wille oder die Fähigkeit abginge, die Sicherheit aller seiner Bürger zu verteidigen, die gegen sie gerichteten Anschläge zu ahnden? Das ist kein Staat mehr, der diese Pflicht nicht erfüllt, oder der einen Unterschied machen möchte in der Einsicht, wann und wem gegenüber er dieser Verpflichtung nachzukommen hat. Was wir fordern, ist nicht Rache, sondern die Wiederherstellung der verletzten staatlichen Ordnung'durch die Sühne. Denn derartige Verbrechen werden durch ihre Straflosigkeit gezüchtet; diese Straflosigkeit ist es, die das im Menschen schlummernde reißende Tier hätschelt und weckt und dem im gesteigerten Maße sich her vorwagenden Verbrechertum auch den wirksamsten Vorschub leiste t." Deutlicher konnte es wohl den Männern der ungarischen Regierung nicht gesagt werden, wer den Willen und die Fähigkeit haben müsse, die Sicherheit aller seiner Bürger zu verteidigen. Unzweideutiger konnte wohl die Anklage nicht erhoben werden, daß für diese Verbrechen jene verantwortlich sind, die sie züchten, indem sie ihre Straflosigkeit dulden. Und die verantwortlichen Herren, die bisher in Ungarn sich für die Straflosigkeit oder die Begnadigung der Mörder einsetzten, konnten angesichts der Mahnung eines A p p o n y i s nicht einmal mit der wohlfeilen Ausrede salvieren: „Bah, so spricht ein Jude, oder ein Judenstämmling!" * * * Marffy und Marosi sind zum Galgen verurteilt. Viele behaupten, die Verurteilung erfolgte, weil es der Kredit Ungarns im Auslande erforderte, daß man Mörder wenigstens verurteilt. Werden die Herren Mörder aber nicht begnadigt werden? Das ist die Frage. Man kennt das geistreiche Wort Kares, der, als von der Aufhebung der Todesstrafe in Frankreich die Rede war, schrieb: „Ja, wenn die Herren Mörder anfangen." In Ungarn müßte es heißen: Wie sollen die Herren Mörder mit dem Morden aufhören, wenn Herr Horthy nicht aufhört die Mörder zu begnadigen? Es wäre wirklich schade, wenn man mit der Praxis, die Verbrechen durch ihre Straflosigkeit zu züchten, nicht endlich brechen wollte. Auch die Begnadigung der Mörder wirkt wieeine Hortikultur des Verbrechens, die keinem Lande auf die Dauer nützen kann. Ego. Hauptmomente aus der Geschichte der Juden in Wien. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Parallel mit dieser religiös-kulturellen Aufwärtsbewegung der Wiener Judenheit ging, sie nicht seltend überholend, der wirtschaftliche Aufschwung derselben. Es ist ein nicht gering zu bewertendes Verdienst des erst vor wenigen Jahren im hohen Alter verstorbenen Politikers und Schriftstellers Sigmund Mayer, den hervorragenden Anteil der Juden an der kommerziellen und sozialen Struktur Wiens im neunzehnten Jahrhundert bis ins einzelne nachgewiesen zu haben. Seine beiden Werke, sowohl die Selbstbiographie, „Ein jüdischer Kaufmann, Lebenserinnerunge n", als auch das bereits angeführte Buch „Die Wiener Juden, Kommerz, Kultur, Politik, 1700 b i s 1900" bilden trotz mancher Flüchtigkeiten und Einseitigkeiten, die ihnen anhaften, Ruhmesdenkmäler der jüdischen Tatkraft auf dem Wiener Boden. Die Anfänge dieses umgestaltenden Eingreifens in das Wirtschaftsleben Wiens gehören in die Neunzigerjahre des achtzehnten Jahrhunderts. Der Zuzug der Juden aius den Provinzen nach Wien war nach dem Toleranzpatent nur dann zulässig, wenn damit die Anlegung von Fabriken und Manufakturen oder die Führung eines Großhandels gegeben war. Viele verpflanzten ganze Industriezweige nach Wien oder verlegten zum mindesten die Führung derselben nach der Hauptstadt, wobei die Treffpunkte für den Großhandel mit Getreide, Wolle und Textilien auf dem Wiener Markte von selbst sich ergaben. Wien wurde so zu einem Bienenkorb aus dem die „tolerierten" Bienen aus- und einflogen, wobei man es nunmehr, der neuzeitlichen Anschauung Folge leistend, unterließ, diese für Staat und Stadt Honig schaffenden Bewohner auf einem der Scheiterhaufen auszuräuchern. Als typische Vertreter dieser schöpferischen Persönlichkeiten, welche, jeder auf seinem Gebiete, zum wirtschaftlichen Aufschwünge Wiens viel beitrugen, wären namentlich drei Männer: Israel Hönig von Hönigsberg, Isak Low Hof mann von Hofmannsthal und Michael Lazar Biedermann zu nennen. Hönigsberg, in Kullenplan (Böhmen) geboren, hatte als Spezialgebiet die ärarische Tabakpacht, zunächst für Prag erwählt. Bald erweiterte er im Verein mit einem Konsortium von zwanzig jüdischen Kaufleuten Wiens seine Tätigkeit über Böhmen, Nieder- und Oberösterreich, 'lim später den Vertrag auch auf die innerösterreichischen Länder auszudehnen, wobei es Hönigsberg gelang, eine neue Bei zart für den Tal*ak einzuführen. Ein bedeutender Pachtschilling und 25 Prozent des Reingewinns wurden dem Staate abgeführt. Durch Hönigsbergs weitausgreifende Aktionen, namentlich beim Einkauf des Tabaks, sowie durch die sorgfältige Organisierung des Absatzes waren die Einkünfte dieses Monopols derart

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