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Die Wahrheit · 1924-12-19 · Heft 51 (19.12.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 51 (19.12.1924)
Date
1924-12-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Metaphysik emporsteigt. Jede Kultur hat diese vorwissenschaftliche, vielfach mythische Epoche der Sehnsucht, aus dem Unbewußten, Ungesagten und der Welt des Gefühls ihre Umwelt schaffend und belebend. Aus einem seelischen Gestimmtsein kommt die erste Naturbetrachtung. Nur langsam reift eine allgemeine Theorie der Dinge. Die Besitzergreifung des Seienden hat ihre besondere Geschichte. Die Personifizierung der Wahrnehmungen beginnt nur mählich zu verblassen und erst dann tritt das eigene Ich mit seinen Geheimnissen und Rätseln, das einst alles in sich verschlang, in den Hintergrund. Dem Schauen und der Verwunderung folgen Nachdenken und Vergleich und schließlich Wissen und Tatsachen. Diesen Weg zurückzugehen von der Theorie zum Menschen, von der Einheit der Natur zum individuellen Einzelfall, von der Wissenschaft 2um Mythos, vom Begriff zum Bild, vom Kosmos zum Ich, von den Gründen, die die Wirklichkeit begründen, zur Vision, von den Problemen des mathematisch-physikalischen Weltbildes zum Naturgefühl und zu Gott, von der modernen Erkenntnistheorie zu den Stammbäumen der menschlichen Ideen und den Elementen des geistigen Lebens. Die Volkskunde und Geschichte der Naturbetrachtung geben uns die Verbindungsfäden solcher Entwicklungen in die Hand, sie scharfen am allgemeinen inneren Zusammenhang, sie machen das niemals unterbrochene Leben fühlbar, das uns alle trägt, des Geschlechtes wir sind und in dem wir leben und weben, kurz, sie klären uns über die vorrationalen Stufen auf, die zu viel späteren gedanklichen Bestimmungen und Zwecksetzung hinanführen. Volkskunde ist zum großen Teil Geschichte des Lebensgefühles und des jahrtausendlangen Bemühens des Menschen, den rätselhaften Charakter aller Dinge und Geschehnisse aufzuhellen. Die Geschichte lehrt vor allem: nichts ist selbstverständlich. Alles ist unendlich, unsichtbar, äußerlich randlos und innerlich undurchsichtig. Was wir verarbeiten und registrieren, sind doch nur unzulängliche Bruchstücke historischen Wissens, die wir durch Nachdenken, Zerklären, Zerreden und Zerschreiben fälschen. Das Entscheidende am historischen Erkennen bedarf einer letzten Hilfe, die aus dem eigenen Geschehen kommt und mit seinen intuitiven Kräften und unbewußten Formungen die bildhaft wirkende Synthese schafft. Alle biographische Kunst wurzelt in dieser Symbolisierung und Sinngebung eines geistigen Lebens. Jeder, der eine Vitalität als „Lebensbeschreibung" wiedergibt, schafft notwendigerweise einen Mythos seines Helden. Grunwalds Jahrbuch für jüdische Volkskunde, das in so sympathischer Weise die Empfindung des religiösen Menschen, nicht nur das Urteil des Fachgelehrten zum Ausdruck bringt, zeigt auch das Werden der Liturgie und Volksandacht, ihren Zusammenhang mit den Elementargedanken der Menschheit und mit dem Urboden der Kultur. Wenn religiöses Leben und Kultus nicht künstlich und unaufrichtig werden wollen, müssen sie immer wieder zu den erhabenen und einfachen Gefühlen der Gesinnungsgemeinschaft des Volkes zurück, zu dem Gemeinsamen und Heiligen, das aus dem Erdboden und der Landschaft kommt. Im „Heiligen" des alltäglichen Lebens bewährt sich eine Religion! Die kleinen, unwissenden Heizen haben dasselbe Recht, sie zu besitzen, wie die Weisen, Dichter und Mythenschreiber. Religion ist Leben, nicht Theologie, nicht Lehre, nicht Konfession und vor allem nicht Politik. Sie antwortet auf die unzähligen, zufallsgebornen Fragen des täglichen Lebens, sie verknüpft die Fäden des Denkens und senkt die Lote der Sehnsucht und Hoffnung in das Meer des Unbekannten. Gott trägt uns an seinem Herzen... Religion ist Heiligung der Gefühle, eine Kraft, die hinüberwirkt; in eine „andere" Welt. Betend lebt der Mensch viele Leben, aber gewiß ein Leben, das reiner und tiefer ist als das gewöhnliche; betend schafft er in sich eine Wirklichkeit, die Gott selbst ist. Das Gebet ist Gottes Geschenk und zugleich ist es das edelste Opfer. Ohne Opfer keine Erweckung, ohne Opfer keine Wiedergeburt, ohne Opfer keine gesteigerte Liebe. Gebet ist immer Opfer, sei es als Gedenken, sei es -als Denken, sei es als Weinen oder Jubeln. Freilich, das Geheimnis (es hat mit dem modernen Okkultismus nichts zu tun) dieses Gebetslebens wird nicht deutlich durch Worte, es lebt am Grenzpunkt des Sprechens. Religiöses „Begreifen' ist ein Ende. In der Religion gibt es nur Subjektivität, alle Objektivität ist hier Tod der Seele und fälschende Lüge. Das Geheimnis des religiösen Lebens und das „Heilige" einer Liturgie wird allezeit unverständlich und unendlich bleiben, auch wenn es uns nicht mehr ei schreckt und zu Boden wirft. Mit Ehrfurcht erfülltes den Menschen, mitten im Alltag, der uns in das Flechtwerk seiner Erlebnisse verstrickt. Wir lernen aus der jüdischen Volkskunde, wie auch das isolierte Gebet zum gottesdienstlichen Gemeindegebet drängt, weil es sich als solches immer wieder erneuert und stärkt. Das ist der soziale Charakter aller Liturgie und religiösen Solidarität. Nicht die Mystik und Kontemplation hat religiös die Welt erobert, sondern die Volksfröiumigkeit, der fromme Brauch unter vielen Menschen, das gemeinsam getragene Wunder der Gottes- und Nächstenliebe. Wie man es nennt, tut ja nichts zur Sache. Friede, Liebe und Sehnsucht ist sein Kern. Der Mystiker flieht (wie Plotin in den „Encaden" so vorbildlich gesagt hat) als Einsamer zum Einsamen. Es ist das Gebet von der isolierten Insel seines Ich aus. Gemeinden, Familien, Völker sprechen zu Gott, indem sie den Nächsten in ihr Gebet mit einbeziehen, denn die „Vielen sind'ein Leib" bekennt Paulus im ersten Korintherbrief (10, 17). So hat die alte Synagoge gebetet und nach ihr die Früh-- gemeinde Jesu, die ihr ja liturgisch so viel verdankt. Es ist ein erfreuliches Zeichen historischer Gründlichkeit und Ehrlichkeit, daß man in neuester Zeit dieses vergessene Erbe aus dem Osten wieder zu sehen, zu hören und zu fühlen beginnt und von diesen Voraussetzungen aus und immer zugleich auf dem Boden der Volkskunde die wechselreiche Geschichte des „liturgischen Erlebens" durchforscht. Wer die Kultfeiern des christlichen Altertums kennt, weiß, wie sich die Grundformen der jüdischen Volksreligion Palästinas in der sakramentalen Gedächtnisfeier des Todes Jesu, der christlichen Feier des Herrnmahles, das heißt im eucharistischen Gemeindegottesdienst, dann in der Gliederung der Tageszeitengebete, in den Fasttagen und anderem unverändert erhalten haben. Auch für diese Tatsache findet man in Grunwalds Untersuchungen wertvolle Materialien, die auch dem Kundigen Neues bringen. Vom Osten hat religiöses Leben immer neue Kraft genommen, von hier kamen die innigste üebctliteratur und die Hagiographie, die Magie des Gebetes und Visionen strahlender Engelschönheit, es kamen der berauschend bunte Bilderreichtum Gottes und das Panorama der Verzückung. Alles kultische Leben nimmt aber seine Kraft aus einem irrationalen und gefühlsmäßigen Denken — denn auch das Gefühl hat seine Visionen der Erkenntnis und des Schauens — und fördert so jene menschlichen Zusammenhänge und Bruderbünde, die die edelste und reinste Gemeinschaftsbildung sind. 12 Jahre Wiener GemeindetStigkeit. (Fortsetzung.) Seither fungieren als Oberkantoren am Stadttempel die gewesenen Ersten Kantoren des Gemeindetempels im XVI. Bezirke. Matthias Matyas und M: B. Kaufmann. Nach dem Ableben des Ersten Kantors am Gemeindetempel im XVIII. Bezirk, Leopold Serebrenik, wurde Kantor Gerson M a r g u 1 i e s, nach der Versetzung des Ersten Kantors M. B. Kaufmann vom Gemeindetempel im XVI. Bezirk in den Stadttempel, zu dessen Nachfolger im XVI. Bezirk Kantor Rudolf K o g a n, und zufolge Pensionierung des Ersten Kantors Heinrich Rosenberg des Gemeindetempels im XXI. Bezirk, an dessen Stelle Oberkantor David Grosz aus Ung.-Brod zu Ersten Kantoren ernannt. Die Stelle des Ersten Kantors am Leopoldstädter Tempel, welche durch das Ableben des Kantors Salomon Jurberger freigeworden war, wurde dem Kantor Leo Funke verliehen. Aus dem Stande der Vereinsrabbiner mit dem Titel von „Gemeinderabbinern" schieden aus: Dr. S. Gelbhaus infolge Pensionierung als Vereinsrabbiner des Tempelvereines im IX. Bezirk und infolge Ablebens des Rabbiners des Tempelvereines für den IV. und V. Bezirk H. L. Reich s. A. Umfassende Reformen hinsichtlich der rituellen Aufsichtsführung und der Administration wurden auf dem Gebiete des Koscherfleischwesens durchgeführt. Das Bestreben des Kultusvorstandes und des Rabbinates war darauf gerichtet, genügend Vorsorge zu schaffen, daß jener Teil der jüdischen Bevölkerung, welcher darauf reflektiert, durch das Vorhandensein einer entsprechenden, auf die verschiedenen Bezirke verteilten Anzahl von Koscherfleischbänken mit rituell einwandfreier Führung leichte Möglichkeit zur Versorgung mit Koscherfleisch hat. Während die Zahl der unter besonderer Aufsicht des Rabbinates der Kultusgemeinde stehenden Koscherfleischbänke im Jahre 1912 sich auf 20 belief, sind derzeit deren 36 vorhanden. Mit der „Adas Jisroel", welche zu den Schächtungen für den Koscherfleischbedarf ihrer Mitglieder und Institutionen eigene Organe beistellt, wurden ein vernehmlich die Schächtgebühren festgesetzt.

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