Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 51 (19.12.1924)
- Date
- 1924-12-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064119--13318-3080817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT Seite 3 Gesinnung aufleuchten lassen." Der Verfasser erinnert sich nicht, Heines Brief an Christiani im „Vorwärts" oder in der „Roten Fahne" gelesen zu haben, jenes Schreiben, in welchem es heißt: „Ich weiß, daß ich eine der deutschesten Bestien bin, ich weiß nur zu gut, daß mir das Deutsche das ist, was dem Fisch das Wasser ist, da ich aus diesem Lebenselement nicht heraus kann, und daß ich — um das Fischgleichnis beizubehalten, zum Stockfisch vertrocknen muß, — wenn ich aus dem Wasser des Deutschtümlichen herausspringe. Ich liebe sogar im Grund das Deutsche mehr als alles andere auf der Welt, ich habe meine Lust und Freude dran und meine Brust ist ein Archiv deutschen Gefühls." Herr Dr. Körner folgert daraus: Kann ein rassenreiner Jude so schreiben? „Nein!" Für seine Beweisführung paßt es ihm, diese Stellen zu zitieren. Warum nennt er nicht „Das Wintermärchen", „Atta Troll", die Kontroversen mit Börne, in denen Heine so unendlich bittere Wahrheiten über Deutschland sagt? Erkennt der Verfasser wirklich nicht, welche unendliche Tragik in diesem Judenschicksal liegt, daß Heine Deutschland, das ihn höhnt und verspottet und ihn, den treuesten seiner Söhne, ausgestoßen hat, liebt, liebt mit der wahnwitzigen, gesteigerten Liebe, mit der man nur sein Heimatland lieben kann. Und dieser Jude fühlte sich eben doch in seiner Heimat, wenn er in Deutschlands Gauen herumschweifte. Sollte dies nicht einmal von den Ariern und Hakenkreuzlern bedacht werden, wenn sie gegen die Semiten, die Fremdrassigen zu Felde ziehen? Wie tief ein deutscher Jude sich — es sei das Wort gestattet — .assimiliert haben muß, wie tief sich mit dem Wesen des Deutschen durchtränkt und erfüllt haben, um ehrlich und stark, so zu empfinden, wie es Heine in der „Harzreise" und in manchen Briefen möglich ist. Nein, das wollt ihr nicht, ihr Pharisäer und Scheinheiligen! Heinrich Heine muß das Kind eines Fehltrittes sein, damit euer Rassendünkel befriedigt werde: „Dann kann jeder, der jetzt einmal wieder die „Harzreise" zur Hand nimmt, eine Stunde erlesenen Genusses daraus schöpfen^ um so mehr, wenn er vertraulich mit dem einen Auge zwinkern kann: „Na ja, ich weiß ja jetzt, halb und halb war Heine ja doch ein Deutscher, auch wenn es noch nicht ganz bewiesen ist." Das sind die moralischen Anschauungen und Wertungen derer vom reinen Ariertum. Verdienen sie nicht, niedriger gehängt zu werden? St. K. Volksbrauch und die Grund formen religiösen Denkens.*) Von Hochschulprofessor Dr. Franz Strunz. In das große und heute noch vielfach nicht aufgehellte Gebiet der jüdischen Volkskunde führen seit 25 Jahren die von dem Wiener Gelehrten und Theologen Dr. Max ürunvv a 1 d herausgegebenen „Mitteilungen" ein, denen küzrlich als Jubiläumsband ein umfangreiches „Jahrbuch" (Verlag Benjamin Harz, Berlin-Wien 1923; gefolgt ist, das wenn auch in erster Linie für den Fachmann bestimmt, auch von dem, der nach einer gründlicheren Erkenntnis dieser verschollenen und fernen elementaren Formen einfachen religiösen Lebens verlangt, gelesen werden soll. Alle höheren Glaubensinhalte kommen aus solchen Anfängen. Auch Seelenglaube und Unsterblichkeitshoffnung, wie überhaupt die Begriffe „Geist** und „Seele**, weiter die ganze Auferstehungsfrage der späteren Theologie haben eine lange vorwissenschaftliche abergläubische Entwicklung. Noch die Gelehrten in den Tagen Jesu lehnen diesen naiven Volksglauben ab, den auch dieser neue Prophet mit den Kindern an Geist teilt. Ja die orthodoxe Theologie nahm scharf und höhnisch Stellung gegen die abergläubische Lehre von einem Leben nach dem Tode. Der Pentateuch weiß nichts von Auferstehung und viele andere heiligen Bücher auch nicht! . . . Solche Lehrentwicklungen im Werden zu sehen ist mit eine Hauptaufgabe der Volkskunde und Geschichte der primitiven Naturforschung. Das Buch bringt Beiträge zu den wichtigsten Bearbeitungsgebieten dieser Wissenschaft: Sitte, Brauch, Gemeindeleben und Berufe; Naturbetrachtung und Naturgefühl; Mundartliches und Namenkunde; volkstümliche Flora und Fauna im Symbolik und Allegorie; Glaube und Sage; Weissagung, Zauber und Volksheilkunde; Astrologie und Alchemie: Trachten und Hauseinrichtung u. a. Von den einzelnen Abhandlungen, die ein allgemeines Interesse beanspruchen, seien neben den Arbeiten des Herausgebers (Jüdische Mystik, Berufe der Juden, Liedertexte und Melodien, Hausapotheke und Hexenküche, Vorgeschichte des Laubhüttenfestes und seines Rituals) die Aufsätze über Religionsgeschichte und Volkskunde (A. Marmorstein), die Auferstehung in der jüdischen Tradition (Adolf Löwinger), den Fuß (Jakob Nacht), Sprichwörter und Redensarten und verschiedene Minhagim (M. L. Bamberger) genannt. Alle einen sich in dem leitenden Gedanken, vergangenem Leben Dauer zu geben, indem es in seinen Wurzeln und Grundtatsachen seelischen Geschehens sichtbar gemacht wird. Nur so nähert man sich dem tieferen, unterirdischen Leben eines Volkes, aus dem seine primitive W, *) Aus der „Neuen Freien Presse", Wien. „Sie wollen wissen, wo Ihr Mann ist. Nun, hinter Schloß und Riegel ist er. Jetzt haben wir ein Tauschpfand. Er wird nicht eher frei, als bis unser . . ." Ewa wurde leichenblaß, ihre Knie schlotterten und sie fragte äußerst erregt: „Aber warum? Was hat mein Mann verschuldet? Er ist . . ." „Ihr gemeine Judenbagage, ihr verfluchtes Pack! Nicht genug, daß eure Tochter unseren Iwan, wie so viele andere vergiftet hat, nicht genug dieser Schmach und Schande für uns, er wagte es noch, gegen mich, und meine Mutter eine Peitsche zu schwingen. Der Tag der Abrechnung ist gekommen. Ausrotten werden wir eure Brut, damit die Vernichtung und Zerstörung der christlichen Moral und Weltordnung durch euch ein Ende findet." Sie sprach und lief wie rasend im Zimmer auf und ab, während Ewa die Ueberzeugung gewann, in welches Mördernest sie geraten, war, und ganz verwirrt einzuwenden wagte: „Aber wir sind doch noch mehr unglücklich als ihr wegen des Schrittes unserer Tochter; wir haben seit dem Tage ihrer Flucht ein verbittertes Leben ..." „Was?" schrie die Komtesse wie wahnsinnig. „Das noch, dieser Hohn! Gereicht es euch vielleicht nicht zu Ehren, daß eure Tochter den Sprößling der gräflichen Familie Wojciechowski in ihre Netze gezogen hat? Das ist unerhört, der Gipfel der Frechheit. Hinaus mit Ihnen, sage ich Ihnen I Sofort, marsch! Sonst passiert Ihnen noch viel Schlimmeres als Ihrem Mann! Hinaus!" Schon war der Knecht neben Ewa, packte sie ziemlich unsanft und schleppte sie mehr als er sie führte hinunter in den Hof, sperrte das Tor auf, drängte Ewa hinaus und schloß es wieder zu. Ewä stand an die Mauer gelehnt, die Augen hielt sie geschlossen, die Knie drohten ihr zu versagen, ein Chaos von endlosen Schmerzen durchtobte ihr Inneres. Nun stand sie allein im Leben! Was anfangen? Was tun? Im rechten Trakt des Schlosses begannen die Hunde plötzlich fürchterlich zu heulen, ein Gewitter war im Anzug und es fing an zu donnern und zu blitzen. Ewa stand so ungefähr eine halbe Stunde, bis ihr die Kräfte versagten, und sie sank wie eine Leiche hin . . .