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Die Wahrheit · 1924-12-12 · Heft 50 (12.12.1924) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 50 (12.12.1924)
Date
1924-12-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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DIE WAHRHEIT B Wahrheiten vorn Tage Sonderbare Käuze sind die Nationalsozialisten. Ihr ganzes Wesen ist Kritik, Kritik und wieder Kritik, Kritik um jeden Preis, Kritik ohne jede sachliche Beschwernis. Des halb werden sie auch nicht mehr ernst genommen. Es geht eben so wie mit gewissen Leuten, die bei jeder Gelegenheit und über alles schimpfen, schimpfen mit dem Brustton der Ueberzeugung. Es scheint, daß die neueste Phase des „Hitler- Koll er s" den Leuten den letzten Rest von den Begriffen geraubt hat, die zu einem Verkehr in anständiger Gesellschaft eben nötwendig sind. Und was hat sich denn wieder Schreckliches ereignet? Der bayrischen klerikalen Regierung, die sich seinerzeit des Tirolers Hitler als Sturmböck gegen das Sündenbabel Berlin bediente, ist Hitler seit den Novembertagen recht unangenehm geworden und sie möchte denselben gerne lossein. Deshalb Anfrage an die österreichische Regierung wegen Staatsbürgerschaft. Diese hat sachlich zutreffend, aber, wenn die Wiedergabe richtig, recht unglücklich formuliert, die Staatsbürgerschaft negiert. Hätte die österreichische Regierung gegen den klaren Wortlaut des Gesetzes anders entschieden, also daß Hitler österreichischer Staatsbürger ist, so hätte die bayerische Regierung Hitler ausgewiesen und nach Oesterreich abgeschoben. Da wäre der Entrüstungssturm losgebrochen, weil man in tückischer Weise Hitler seine weitere Tätigkeit in München vereitelt hat, umgekehrt aber macht man jetzt in Entrüstung, weil man den bayerischen Partikularisten den Gefallen nicht erwies. Also Krawall um jeden Preis, um die ärmliche Parteisuppe davon zu kochen. Ja, hat denn Herr Hitler auch für die Tiroler ein so warmes Interesse, daß man sich seinetwegen so zu erhitzen brauchte? Bereits vor Jahresfrist konnte einwandfrei festgestellt werden, daß gerade Herr Hitlerum der vermeintlichen Unterstützung.durch den Faschismus und Mussolinis willen, der in der nationalsozialistischen Presse nicht genug verhimmelt werden konnte und den derselbe in seiner Weltfremdheit auch in seiner Verteidigungsrede vor den bayerischen Schöffen pries, Südtirol p r e i s z u g e b e n r i e t, ja den Widerstand gegen die unerhörten Gewalttaten der faschistischen Verbrecher als künstliche, jüdische Mache bezeichnete. Man hat versucht, die Sache abzuschwächen und besonders in Tirol zu vertuschen, doch die unter- und oberirdischen Beziehungen zu. den Faschisten blieben aufrecht und erst kürzlich hat ein hervorragender nationalsozialistischer Führer, der in Tirol lange ein gastfreundliches Asyl genoß, einer sehr maßgebenden politischen Persönlichkeit unter Berufung auf Hitler und Ludendorf erklärt, daß für seine Partei die südtirolische Frage erledigt sei und der angeblichen Unterstützung durch Mussolinis willen nicht aufgerollt werden dürfe. — Wo standen diese hübschen Enthüllungen und Charakterisierungen? Etwa in einem jüdischen Blatte? Nein, dies alles war in dem Innsbrucker großdeutschen „Alpenland" zu lesen, und ist doch wahr. Die Kultursünde des XX. Jahrhunderts. Dem Beispiel der schweizerischen Frauenliga folgend hat auch die deutsche Landsmannschaft der internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheiteinen Aufruf gegen den Antisemitismus verbreitet. In dem Aufruf heißt es: „Die deutschen Frauen der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit erheben schärfsten Einspruch gegen die ständig anwachsende unverantwortliche antisemitische Hetze in unserem Vaterland. Wir erblicken in der systematischen Wühlarbeit und Hetze gegen unsere jüdischen Mitbürger, dieser traurigen Folgeerscheinung des Krieges, ein bedenkliches Krankheitssymptom unseres Volkskörpers. Unfähig,, der durch Jahre hindurch künstlich genährten Hassesflut Herr zu werden, innerlich zermürbt und zu schwach, den eigenen Schuldanteil am großen Weltverbrechen des Krieges auf sich zu nehmen, sieht man sich nach dem Sündenbock um: „Der Jude trägt die Schuld am Krieg und allen seinen Folgen." Wir pazifistischen Frauen verurteilen diese Methoden vom religiösen, vom rein menschlichen, vom nationalen und von unserem Frauenstandpunkt aus. Wer weiß, daß die ganze 'Menschheit ein Leib ist, an dem alle Völker, alle Rassen, alle Einzelindividuen Glieder , sind, der wird niemals ..Ja" sagen können zu der schamlosen Verleumdung und Verfolgung eines großen Volkes, von dessen tausendjähriger Kultur wir Heutigen alle zehren. Wer selbst unter ungerechten Anschuldigungen und Verallgemeinerungen gelitten hat, der vor allem sollte es als unwürdig zurückweisen, die Fehler und Vergehen einzelner der Gesamtheit zur Last zu legen. Wir Frauen richten an alle Mütter und Erzieher die dringende Aufforderung: Hütet eure Kinder, empfängliche Seelen, vor dem verderblichen Einfluß antisemitischer Hetzer! Und wir fordern unsere Schulbehörden auf, dem unsittlichen und verbrecherischen Treiben Einhalt zutun, das unter der Flagge „völkischer" Interessen in unseren Schulen Eingang gefunden hat! Wer sein Vaterland wahrhaft liebt, der nehme den Kampf auf gegen diese Kultursünde des XX. Jahrhunderts!" Neue Judenentrechtungsanträge in Deutschland. Völkische Blätter veröffentlichen Anträge auf Erlaß eines Schutzgesetzes gegen die Juden, die den gesetzgebenden Körperschaften als eine Ergänzung der bekannten „Judenordnung" zugehen sollen. § 1 lautet: Sämtlichen in Deutschland ansässigen oder sich aufhaltenden Juden wird der Charakter als Staatsbürger genommen und sie werden als Ausländer erklärt. § 3 lautet: Alle Juden, die nach dem 1. Jänner 1914 in Deutschland zugezogen sind, werden ausgewiesen. Ihr gesamtes Vermögen bleibt zurück und sie erhalten für sich und ihre Familienangehörigen nur das Reisegeld bis zur Grenze. § 6 lautet: Es steht den Juden, deren Aufenthalt in Deutschland gestattet ist, frei, unser Land zu verlassen, doch dürfen sie nicht mehr als ein Fünftel ihres Ver nöz^ns mit über die Grenze nehmen. Der zurückbleibende Vermögensteil verfällt der Staatskasse. Weitere Paragraphen fordern das Verbot der Ausübung der „Schriftstellerei und der übrigen freien künstlerischen Berufe", ebenso des Aerzte-, Juristen-, Presse- und Bankenberufes für Juden. Die jetzt in ihren Händen befindlichen Bankhäuser. Zeitungsdruckereien und Verlage, sowie auch die Theater und Filmfabriken werden als Staatseigentum erklärt. § 9 lautet: Sollten durch dieses Gesetz Verwicklungen mit dem Ausland entstehen und die Juden in anderen Staaten Repressal:en herbeiführen, so werden sofort tausend der angesehensten Juden verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Bei einem ausbrechendem Kriege aber haften alle Juden mit ihrem Leben für die sofortige Beilegung des-.Konfliktes. Wieder ein verjährter Hitler-Prozeß! In Nr. 159 der „Münchener Post" vom 11. Juli 1922 erschien ein Artikel: Gewissensfragen an den Grafen Lerchenfeld. In diesem Artikel wurden an den damaligen Ministerpräsidenten Lerchenfeld Anfragen über die Nationalsozialistische Partei gestellt. Hitler erhob wegen dieses Artikels Klage, und zwar weil es unwahr sei. daß in irgend einer Sitzung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei über die Pläne zur Ermordung Erzbergers und Rathenaus beraten oder über die Art und Zeit derErmordung verhandelt wurde. Mit Rücksicht auf die politische Lage wurde der Termin, der bereits für Sommer 1923 anstand, von amtswegen vertagt. Nach dem Hitler-Putsch im November 1923 bemühte sich der Verteidiger des Zerfaß, Rechtsanwalt Saenger, einen Termin zur Verhandlung zu bekommen. Das Verfahren blieb jedoch weiter ruhen, bis am 2. Oktober das Amtsgericht München, Abteilung für Strafgericht, den Beschluß erließ, daß die Strafverfolgung wegen eingetretener Verjährung unzulässig sei. Das ist innerhalb kurzer Zeit der dritte wegen Verjährung eingestellte Hitler-Prozeß. Das gibt doch zum Nachdenken nach mancher Richtung hin Anlaß. „Kulturkampf?" Theodor Fritsch veröffentlicht in seinem „Hammer" einen Artikel, der von Schmähungen gegen beide Konfessionen des Christentums und gegen das Judentum strotzt. Ueber die protestantische Kirche wird darin gesagt: „Solange die protestantische Geistlichkeit es als ihre Hauptaufgabe erachtet, das scheußliche Judenwesen in Schutz zu nehmen und die Ungeheuerlichkeiten des Alten Testaments höher zu stellen als die lautere Lehre Christi — die Lehre des Mannes, der das ganze Judenwesen und seinen Gott verwarf — solange diese Geistlichkeit in ihrer Verblendung und Irreleitung es fertig bringt, das unsittlichste und gottesfeindlichste Volk der Welt den übrigen Völkern als Muster anzupreisen und — in der Verfälschung eines Bibelwortes — es als ein „heiliges Volk" — als das „V<ik Gottes" hinzustellen, solange kann sie nicht verlangen, ven denkenden Menschen ernst genommen zu werden". Es ist unbegreiflich, daß angesichts solcher deutschvölkischen Kundgebungen immer noch ein nicht unbeträchtlicher Teil der protestantischen Geistlichkeit der deutschvölkischen Bewegung Interesse entgegenbringt und sie fördert. Der EvangelischeBund hat zwar auf seiner in München abgehaltenen Tagung die Ausschreitungen der deutschvölkischen Bewegung abgelehnt, er hat sie aber für 'eine große bedeutende Bewegung erklärt, an-der die Kirche nicht vorübergehen dürfe. Und der Zentralvorstand für Innere Mission in Berlin hat Leitsätze zur völkischen Frage veröffentlicht, worin es u. a. heißt: „Positiv

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