Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 50 (12.12.1924)
- Date
- 1924-12-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064118--13306-3080804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 WAHRHEIT Nr, 50 Oktober 1811 wurde mit Bewilligung des Kaisers der Dempfingerhof am Katzensteg (I., Seitenstettengasse 4) um 90.000 Gulden erworben; September 1812 erfolgte die Einweihung des Betzimmers, einen Monat hierauf die Eröffnung der Religionsschule; September 1821 wurde die Armenanstalt, ins Leben gerufen: die 3 Grundsäulen des Judentums: Lehre, Gottesdienst und Wohltätigkeit, waren, wenn auch nur in schwachen Umrissen gegeben; die Vereinigung derselben zn der festfundierten Einheit: Gemeinde, sollte erst viel später erfolgen. (Fortsetzung folgt.) Rachel. Sie war so schön wie der Sonne Licht Die Töchter der Heimat glichen ihr nicht. Holdseligste Blume, die je geblüht. In Liebe sein Herz ihr entgegenglüht. Rachel, liebliche Rachel! Wie diente Jakob so lange um sie! Seine Kraft, seine Treue erlahmten nie. Kein Klagelaut seinen Lippen entwich, Wenn die Zeit auch träge vorüberschlich. Er dient ja um Rachel! Und endlich, trotz Labans falschem Spiel, Er hat es erreicht, das ferne Ziel. Vorbei des Wartens unendliche Pein Und Rachel, die schönste der Frauen sein. Rachel, holdselige Rachel! „In Frost und Hitze das Haar mir erblich, Doch litt ich gerne, litt ich ja für dich. Nun zieh* ich zur Heimat mit dir zurück Fest halt* ich das schwererrungene Glück. Rachel, meine Rachel." Welch seltsamer Zug kommt die Straße entlang? Gebete hört man und Trauergesang. Wem schaufelt man schluchzend ein frühes Grab? Wen senkt man tief bekümmert hinab? Rachel, ach Rachel! Sie starb am Wege. Und zart und leicht Ein jedes Lüftchen den Hügel umstreicht. Die Sonne, die sie so sehr geliebt, Die Stätte mit lichten Strahlen umgibt. Ruhe sanft, Rachel! Beate Baumgarten. Bei unseren Brüdern in New York. Wahrnehmungen und Betrachtungen. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) Sonmtag, am 14. Oktober in aller Frühe, näherte sich unser Schiff der amerikanischen Küste. Die Freih.eitsstatue im Hafen von New- York wurde sichtbar, eine überlebensgroße Frauengestalt, die eine Fackel mit grell leuchtendem Schein schwingt, von der ein Witzbold, mit Anspielung auf die letzthin erfolgte Absperrung behauptet, daß sie keine Fackel, sondern ein Gummiknüppel ist. Ich weiß nicht, ob Noah zur Zeit der Sündflut, als er von der Arche, dem ersten Schiff der Welt, aus Land erblickte,* eine größere Freude empfand; als ich, da ich nach zehn Tagen wieder festem Boden sah. In den Strahlen des jungen Morgens lang N e w - Y o r k, die größte und einwohnerreichste Stadt der Welt. Die Einwanderungskommission, die an Bord katn^ prüfte die Papiere der Reisenden erster und zweiter Klasse. In zuvorkommender Weise wurden wir von einem Arzte in Sicht genommen. Die Untersuchung dauerte fast eine Stunde. . Einige Reisende hatten das Pech, daß einige Tage vorher die Einwanderungsquote ihres Heimatlandes voll wurde. Ihnen wurde beschieden, daß sie nach E11 i s -1 s 1 a n d — der sogenannten „Träneninsel44, die galizischen Emigranten haben ihr einen noch schöneren Namen gegeben: „Kesselgarten" — gebracht werden, wo über ihr Schicksal entschieden werden sollte. Bei einem anderen Reisenden fand der begutachtende Arzt verdächtige Augen. Auch er wurde nach der Insel bestimmt. (Ich habe einige Tage später erfahren, daß ihnen allen die Landung durch das Einwanderungsamt bewilligt wurde.). Die Reisenden dritter Klasse wurden, soweit sie keine amerikanischen Bürger waren, ausnahmslos nach Ellis- Island gebracht. Mir wurde die Landung anstandslos gestattet. Ich verließ dien Dampfer und begab mich mit Sack und Pack in die Zollhalle, wo ich lange warten mußte, bis an mich die Reihe kam." Bei der Zollrevision in Reih und Glied stehend, hörte ich plötzlich eine kräftige Stimme meinen Namen rufen. Mr. Jakob Kirschenbaum, Redakteur des Jorgen-Journals", der bedeutendsten jiddischen Tageszeitung Amerikas, war herbeigeeilt, um mir bei der Landiung zu helfen'. Er hatte mir nur noch bei der Zolluntersuchung beizustehen. Mr^ Kirschenibaum stellte mich dann dem Vertreter der American Telegraph Agentur vor, was zur Folge hatte, daß am folgenden Tage fast alle New- Yorker Blätter von meiner Ankunft in Amerika berichtet haben. Nun konnte ich unbehindert, von Kirschenbaum begleitet, das Land betreten. Kirschenbaum stammt aus Oesterreich — es berührt herzlich, daß die aus Qalizien eingewanderten Juden sich noch heute als „O e s t e r r e i c h e r" ausgeben — und ist ein Mann voll Gemüt. Am Pier stand eine tausendköpfige Menge, ein jeder wartete auf irgend einen Verwandten. Auch ich wurde von meinen guten Verwandten, der Familie Wieder, erwartet und in ihre Wohnung in der Bronx gebracht; sie bemühten sich, mir den Aufenthalt angenehm und gemütlich zu machen. * In New York traf mich die niederschmetternde Nachricht vom Tode des Dr. Joseph S. B1 o c h, meines Freundes und Meisters, dem nahezustehen ich in den letzten Jahren das Glück hatte. Alle Blätter gedachten voll Wehmut des mutigen zähen Kämpfers für die Ehre des jüdischen Volkes. (Fortsetzung folgt.) &eWes 1-ROTGASSE-1 *