Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 50 (12.12.1924)
- Date
- 1924-12-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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*fe. 50 tm w^mmn Seite 7 anfangs in.' ihm den Jungen Mann sahen, den der Staatsanwalt in Verdacht hatte, er sei noch schlimmer.über eine alte Frau hergefallen. Das ist dehn doch eine Handlung, die eigentlich den Rahmen des privaten Familienlebens ein wenig überschreitet. * * * Von einem Freunde und Verehrer Professor Gersunys, dem gewesenen Oberarzt des Rudolfinums, Herrn Dr. Paul Eichenwald, erhalten wir eine Zuschrift, in der darauf aufmerksam gemacht wird, daß die Eltern Gersunys wohl Juden gewesen sind, sich aber bereits vor dessen Geburt hatten taufen lassen. Er selbst habe erst im reifen Mannesalter erfahren, daß er ein direkter Judenstämmling sei und er habe aus dieser Tatsache nie ein Hehl gemacht, sondern sie im Gegenteil wiederholt hervorgehoben und bei verschiedenen Anlässen deutlich unterstrichen. Gerne Pehmen wir von dieser Zuschrift Kenntnis, erinnern aber daran, daß wir schon beim Tod Gersunys, anläßlich der Behauptung, er sei als Kind von seinen Eltern der Taufe zugeführt worden, bemerkten, es würde uns nur mit Genugtuung erfüllen, wenn es sich bestätigen sollte, daß der edle, hervorragende Mann sich nicht freiwillig zum Abfall vom Judentum gedrängt habe und sein Ehrenschild auch von diesem Flecken frei geblieben. Es entspricht sicherlich auch nur dem Charakterbild dieses ausgezeichneten Mannes, wenn er aus seiner Abstammung kein Hehl gemacht, ja, sie gelegentlich deutlich unterstrichen hatte. Der Idealist Gersuny wäre, auch wenn er nicht jüdischen Eltern sein Leben verdankt hätte, auch wenn er nicht gewußt hätte, daß Juden zu den Größen der medizinischen Wissenschaften zählen, von Abscheu und Empörung geschüttelt worden, angesichts der Tatsache, daß es selbst Aerzte gibt, die unter der verrohenden Einwirkung des Antisemitismus Unterschiede zwischen Menschen machen und Juden und Judenstämmlinge für minderwertig halten. * * * Der Haupt verteidig er in dem Prozeß der Bombenwerfer, Dr. Franz U1 a i n, hat schon gelegentlich der Vertretung mancher „Erwachender Ungarn" in früheren Prozessen Ungeheuerlichkeiten gewagt, die selbst seine eigenen Parteigenossen überraschten. Aber das alles sei ihm verziehen für den Ausspruch, mit dem er sein Plaidoyer im Prozeß M a r f f y und Genossen begonnen. Er sagte, für das Verbrechen, das die Attentäter des Elisabethstädter Klubs verübten, könne es nur eine Strafe geben — die Todesstrafe. Das war endlich ein ehrliches, ein erlösendes Wort, wie. man. es schon lange nicht in Ungarn gehört hat, wo man unzähligemale ungestraft den Pogrom an Juden als patriotisches Unternehmen verkünden durfte. Dieses Wort soll dem Dr. Ulain nicht vergessen werden, wenn er auch im weiteren Verlaufe seiner Rede dessen mächtige, überwältigende Wirkung gerne abgeschwäclit hätte, indem er Marffy und Genassen als. unschuldige Üimmchen hinstellen wollte, Lämmchen, die Ekrasit verstecken. Blutgerichte organisieren und unter Umständen die „Verräter" im eigenen Lager, in ein — man kann in Bezug auf das heutige Ungarn der Hajjas und Marffy saigen — besseres Jenseits befördern. Ego. Hauptmomente aus der Geschichte der Juden in Wien. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Der in sich abgeschlossene, fast homogene Kreis der Tolerierten, die einzeln wirtschaftlich und zum Teil auch gesellschaftlich von starkem Einflüsse, in ihrer Gesamtheit aber rechtlich ohnmächtig waren, versuchte trotz der beengenden Bestimmungen des Toleranzpatentes gewisse Organe und Zentren für Kult und Kultur ins Leben zu rufen. War schon 1763 die Chewra Kadischa gegründet worden, so erhielten die Tolerierten auf Grund eines Vortrages der Ilofkanzlei vom 17. Juli 1792 das schwerwiegende Recht, „Vertre-ter" zu wählen, deren erste Fürsorge dem neuerbauten Spital in der Rossau galt, sowie der Erlangung der kaiserlichen Bewilligung, für Schule und Betzimmer ein eigenes Haus erwerben zu dürfen. Diese innere Zusammenfassung der Tolerierten verstärkte nicht wenig ihr Streben nach Emanzipation und Geichstellung mit den christlichen Mitbürgern. Einerseits von Berlin aus, wodieMend'elssoh©sche Anschauung umwälzend auf die Gedankenwelt wirkte, und anderseits von Paris aus, wo die Morgenröte der Freiheit für die Menschheit aufgegangen war, erfolgten gewisse Einflüsse auf das kleine Häuflein der „Geduldeten", die nunmehr mit mehr Mut ihr Haupt zu erheben wagten. Sigmund H u s s e r 1, der gewesene Archivar der Wiener Kultusgemeinde, hat in seiner „G r ü ndungsge schichte des Stadttempel r/* gleichsam als politische Vorläufer dieses bedeutsamen Ereignisses eine Anzahl Eingaben veröffentlicht, welche die Wiener Judenschaft in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts an den Kaiser sowie die maßgebenden Instanzen gerichtet hatten. Es ist darin bereits ein Ton enthalten, der bei aller gebotenen tiefsten Ergebenheit bis „zum Ersterben in Demut" doch eines gewissen Selbstbewußtseins nicht entbehrt wenn um die Revision der gesetzlichen Verhältnisse der Israeliten ersucht wird. Freilich gehörten zu diesen „Geduldeten" viele Persönlichkeiten, die man sowohl in den Aemtern bis zu den Hofkanzleien hinauf, als auch in den Salons mit nicht geringer Zuvorkommenheit begrüßte und mit Erhebung in den Adelsstand, Erteilung von Auszeichnungen und Belobungsdekreten mannigfacher Art belohnte. In einem an Kaiser Franz gerichteten Promemoria konnten die Bittsteller darauf hinweisen, daß „viele derselben wegen ihres rechtlichen Betragens sowohl hier als auch im Auslande Achtung und Zutrauen genießen". Namen wie Arnstein, E s k e- 1 e s, H ö n i g s b e r g, Wertheimst ein hatten bereits einen vollen Klang und bedeuteten in der kritischen finanziellen Lage, in die Oesterreich durch die Kriege mit Napoleon geriet, recht viel. Der Weg, den mancher dieser Männer oder ein von ihnen empfohlener „Vertreter" einschlug, führte trotz des offiziellen Ueberwollens schließlich doch zum Ztelev