Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 50 (12.12.1924)
- Date
- 1924-12-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 50 schon dank dem rückhaltslosen Maulheldentum — an dem es doch einem antisemitischen Hetzer wie Ludendorff nicht fehlt — als Sieger aus einer Wahlschlacht hervorgegangen ist. Daß diese Illusion für Ludendorff nunmehr gründlich zerstört wurde, bleibt auf alle Fälle ein erfreuliches und hoffentlich auch dauerndes Ergebnis der deutschen Wahlen. nn. Die Bibel in der Gegenwart. Von Benjamin Segel. Vor kurzem hätte ich Gelegenheit, *auf der Staatsbibliothek in Berlin die neueste Auflage der sogenannten Kautzsch-Bibel zu sehen und zu studieren, und mich überkam ein Gefühl des Neides und der Bewunderung, der Wehmut und des freudigen Stolzes; Neid und Wehmut darüber, daß dieses Werk nicht von uns Juden, mit unseren geistigen und materiellen Mitteln geschaffen worden ist, Bewunderung für die Größe der Leistung und freudiger Stolz darüber, daß es ja die Schöpfung des jüdischen Geistes, des Volkes Israel ist, um derentwillen sich Andersgläubige soviel Mühe geben, welcher sie soviel Geisteskraft und hingebende liebevolle Arbeit widmen .... Seit der Mendelssohnschen Bibelübersetzung hat es an jüdischen Uebersetzungen der Heiligen Schriften des Alten Testamentes nicht gefehlt, aber zu einer modernen, den Ansprüchen der Bibelwissenschaft genugtuenden und zugleich für den gebildeten, bibeiverehrenden Laien lesbaren Ueberlüjjpllj Feuilleton Ijgpjf Der Triumph der Sinne. Von Bernhard Horowitz. (Fortsetzung.) IV. Das Schloß des Grafen Jan Wojcichowski war ein riesiger Komplex von Bauten, Gärten, Blumenbeeten, einem großen Teiche, einem Sportplatz, großen Pferdeställen, einer Hühner- und Taubenzucht. Das Schloß war mit einer hohen dicken Steinmauer umgeben, auf deren Kamm Stacheldrähte angebracht waren. Beim Eingang, nahe dem Haupttor, plätscherte ein Springbrunnen und gleich nebenan war eine Bank, welche für angemeldete Gäste bestimmt war. Es war so gegen 7 Uhr abends, als Josef K. auf der Bank saß und wartete. Das gräfliche Wohngebäude war hell erleuchtet, an den Fenstern huschten immer Schatten vorüber. Die gräfliche Familie war vollzählig zu Hause. Sie bestand aus dem alten Grafen, der Gräfin, deren etwa 17jährigen Tochter Magda und einem Burschen von etwa 15 Jahren. Nur der 19jährige Iwan fehlte. Im großen Spiegelsalon wurde folgende Konversation geführt: Die Gräfin: Laß doch den Juden nicht heraufkommen, ich kann nicht in sein Gesicht schauen. Mit seiner Brut hat er die Seele unseres Iwan vergiftet. Heilige Mutter, stehe ihm bei! Magda: Herauf soll er kommen, ins Gesicht will ich ihm spucken, ich weiß es ja, ein gemeines Setzung der gesamten Bibel hat es die Judenheit der deutschsprachigen Länder noch nicht gebracht. Im Gegensatze zu den amerikanischen Juden, bei denen Konservative und Liberale im Vereine eine auch von der christlichen Welt viel bewunderte Bibelübejr setzung nebst einem ausführlichen, sechsbändigen Kommentar zu schaffen vermocht hatten, die beide im besten Sinne volkstümlich sind und zugleich auf der Höhe der wissenschaftlichen Forderungen stehen. Bei uns dagegen kommt zu den dogmatischen Schwierigkeiten auch noch die Not der Zeit hinzu, die uns auf lange Zeit hinaus nicht gestattet, die nötigen Mittel zu einem so großen Unternehmen aufzubringen. Wir müssen vorläufig unseren Durst an einem fremden Bruimen stillen, aus dem uns aber unser eigenes Wasser mit seltener Frische und Klarheit entgegensprudelt. Die Kautzsch-Bibel, von der hier die Rede*) ist» ist zwar von evangelischen Theologen übersetzt, hat aber nichts einseitig Konfessionelles an sich, wie alle anderen christlichen, Uebersetzungen, dreht und wendet nicht den Bibeltext, um in ihm das im alten Testament angeblich .angekündigte Christentum hineinzulesen, sondern will nur streng wissenschaftlich objektiv den Text des alten Testamentes in deutscher Sprache dem gebildeten Leser wiedergeben. Die Uebersetzung widerspiegelt den augen- *) Die Heilige Schrift des Alten Testaments, übersetzt von E. Kautzsch, vierte, umgearbeitete Auflage, tierausgegeben von A. Bertholet. 2 Bände. Tübingen. Vertag von J. C. B. Mohr. Manöver, ein schändlicher Trick war es, unseren lieben Iwan ins Netz zu ziehen. An diesem Scheusal werde ich meine Erbitterung auslassen. Diese Schande, diese entsetzliche Schmach! Der Graf (vor ihm stand eine große Flasche Schnaps, aus der er schluckweise trank): Meine Lieben! Macht doch nicht so viel Aufhebens mit dieser ganzen Geschichte. Unser Iwan kommt schon wieder, er bleibt bei der Jüdin nicht. Nachdem er sie ausgekostet hat (dabei schnalzte er lüstern mit der Zunge), kommt er wieder, ja er kommt wieder. — er kommt wieder. Die Gräfin und Magda gleichzeitig: Diese Schande, diese Schmach! Magda stand auf, schaute durchs Fenster in den Hof, wo Josef wartete, und dachte, er soll nur heraufkommen, dieser schändliche Mensch, der Beschmutzer ihrer Ehre. Sie gab einem livrierten Diener ein Zeichen, Josef heraufkommen zu lassen. Als Josef eintrat, gmg ihm der Grai der sich in einem ziemlich angeheiterten Zustand befand, entgegen, reichte ihm die Hand und schüttelte sie stark und lange» sang dabei einige unverständliche Strophen und lud Josef dann ein, mit ihm zu trinken. Die Gräfin und Magda waren zunächst sprachlos vor Wut und Zorn. Besonders Magda wurde leichenblaß, ihre grüngelben, kleinen Augensterne blitzten, die Lippen zitterten leise und ihre vorspringende Nase spitzte sich erheblich zu. Josef entging das alles nicht und sich vom Grafen ein wenig zurückziehend sagte er: „Ich bin in einer tieftraurigen Angelegenheit gekommen, nicht um zu trinken.6'