Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 49 (5.12.1924)
- Date
- 1924-12-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 9 Wahrheiten vom Tage Bilder aus dem deutschen Wahlkampf. Die Jude tili etze der Deutschnationalen übertrifft noch die der Völkischen. Die Berliner Tageszeitung „Die R e p u b 1 i k" gibt unter der Ueberschrift „E i n Abend bei den Schamlosen" ein Bild von einer deutschnationalen Wahlversammlung in Berlin. Während eines Referates der städtischen Lehrerin Neumann, die d i e deutschen Mütter zur Racheerziehung aufforderte, riefen die aufgehetzten Hörer, besonders die Frauen, mit einem von Indianergeheul nicht mehr zu unterscheidendem Getöse: „Die Juden, die verfluchten Juden, die L a u s e j u d e n!" Die Zeitung meldet weiter: „Alle drei Versammlungsredner verstanden mit wahrhaft s a d i s t i s c h e r W o 11 u s t die A b s c h 1 a c ht u n g der Juden zu propagieren. Man muß das gehört und gesehen haben, um es für möglich zu halten. Dabei enthielt die dort angepriesene „Nationalpost'" (das neugeschaffene Organ der deutschnationalen Volkspartei) mehrere Inserate jüdischer Firmen, die wohl das S c h ämen verlernt haben." Die Zeitung fährt fort: „Den Saalschutz bildeten hellblonde Schüler höherer Lehranstalten! Das Auditorium — 135 Personen — setzt sich aus Beamten der Republik, weiß- und grauhaarigen Sozialrentnern und deren Frauen und aus — richtigen Arbeitern zusammen. Neben den „deutschen Müttern" waren es die Arbeiter, die sich wie Rasende benahmen!" — In einer Frankfurter Wahlversammlung der Deutschnationalen hielten die Führer der Frankfurter Deutschnationalen arge judenhetzerische Reden. Die Rev o- 1 u t i o n, so sagten sie, sei von der jüdischen Freimaurerloge gemacht, die Verfassung stamme vom Juden Preuß und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold sei eine jüdische Gründung. Ein völkischer Justizskandai. Am 31. August 1921 brachte das republikanische „Hamburger 8-Uhr-Abendblatt" einen Artikel unter der Ueberschrift „Achtung! O b e r s c h 1 e s i e n h i 1 f e!", der behauptete, daß Gelder der Oberschlesienhilfe an illegale Selbstschutzorganisationen, aber nicht an die bedürftigen Flüchtlinge abgeliefert seien. Zum Schluß heißt es: „Wir richten an die der Regierung nahestehende Presse das dringende Ersuchen, unverzüglich Abrechnung über den Verbleib der Oberschlesiengelder zu verlangen." Beleidigt fühlten sich dadurch zwei Herren vom Oberschlesienhilfswerk, Dr. Kolshorn und Kapitänleutnant Stöhr, sie reichten Klage ein. In einer Verhandlung vor der damaligen Hamburger Strafkammer 5, Anfang 1922, kam ein Vergleich zustande, wobei der verantwortliche Redakteur dieses Blattes, der Jude Alfred Müller-Förster, die Erklärung abgab, daß er niemals dem Oberschlesienhilfswerk an sich habe einen Vorwurf machen wollen. Als Bedingung für das Zustandekommen des Vergleiches war von den Nebenklägern Dr. Kolshorn und Kapitänleutnant Stöhr die Erstattung ihrer persönlichen Unkosten in der Höhe von 12.000 Mark verlangt worden. Alfred Müller-Förster, der genau wußte, wie völkisch orientierte Oberschlesien-„K ä in p f e r" mit gewissen Geldern „gearbeitet" hatten, erstattete jedoch nicht die geforderten 12.000 Mark, so daß nunmehr vor der Strafabteilung 13 des Amtsgerichtes ein neuer Termin anstand, was Alfred Müller-Förster erreichen wollte. In ihm gab Müller- Förster zu seiner Verteidigung an, daß er mit seinem polemischen Artikel niemals das Oberschlesienhilfswerk angegriffen habe, sondern nur auf die vielen wilden, illegalen Sammlungen warnend habe hinweisen wollen. Der Staatsanwalt war der Ansicht, daß das offizielle Oberschlesienhilfswerk an sich und nicht die wilden Sammlungen gemeint waren. Die Behauptungen stellten eine Beleidigung und Kränkung im Sinne des § 186 dar. Er beantragte eine Geldstrafe von 1000 Goldmark. Der Verteidiger führte aus, daß eine vorsätzliche Beleidigung nicht vorliegen könne, da der Angeklagte damals noch nichts von dem Bestehen des offiziellen Oberschlesienhilfswerkes gewußt habe. Vor allem jedoch stehe dem Angeklagten der Schutz des § 193 (Wahrnehmung berechtigter Interessen) zur Seite. Das Gericht konnte sich aber dieser Ansicht nicht anschließen, sondern verurteilte den Angeklagten Müller-Förster zu einer Geldstrafe von 500 Goldmark, event. 10 Tagen Gefängnis. Gegen dieses Urteil legte Alfred Müller- Förster Berufung ein, die am Freitag, den 7. v. M., vor der Großen Strafkammer 2 in Hamburg zur Verhandlung kam. Da der Angeklagte nicht „rechtzeitig" zum Termin erschienen war und das Gericht einige Minuten angeblich vergeblich wartete, wurde die Situation benützt und die Berufung verworfen. Bald darauf erschien Alfred Müller-Förster mit der Entschuldigung, die Verspätung sei infolge Verkehrshinderung eingetreten und stellte den Antrag auf Wiedereinsetzung in den früheren Stand. Dieser Antrag wurde ebenfalls verworfen, indem das Gericht feststellte, daß er so rechtzeitig von Hause sich entfernen konnte, um den Termin nicht zu versäumen. Die norddeutsche Antisemitenpresse beniitzt den Fall, um zu betonen, daß damit „dieser Prozeß, der Jahre hindurch die Gerichte beschäftigte, endgültig erledigt" sei. — Die „Ansicht" der Antisemiten mag sein, wie sie will; wir werden mit unseren Beweisen gegen die antisemitische Korruption nicht locker lassen. W. Funder. Jüdischer Radiogottesdienst. Die Ita meldet, daß in der vorigen Woche in Frankfurt am Main ein jüdischer Radiogottesdienst mit Chor und Predigt stattgefunden habe. Die Predigt hielt Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann. Dazu schreibt die „Jüd. Zeitung für Ostdeutschland" folgende treffenden „Unpolitische Bemerkungen": „Dieses Faktum bedarf einer kurzen Ueberlegung. Warum? In Amerika gibt es doch schon seit längerer Zeit jüdische Radiogottesdienste. Warum also hier nicht? Wer die Frage so stellt, verkennt, daß das Reformjudentum in Amerika denn doch einen anderen Sinn hat als bei uns, ja daß überhaupt Religion dort drüben anscheinend in der gleichen Sphäre liegt wie die übrigen „Bedürfnisse" des Menschen, die dann in der möglichst geld- und zeitsparenden Weise „befriedigt" werden. Warum also in Amerika keine Radiogottesdienste? Bei uns in Deutschland liegt das aber doch ganz anders. Für diejenigen Juden in Deutschland, denen Religion wesentlich ist - und das sind gewiß nicht allein die Orthodoxen, sondern eine große Anzahl von Zionisten und eine sehr beträchtliche Anzahl der Liberalen —. bedeutet ein jüdischer Gottesdienst durch Radio eine Blasphemie sondergleichen. Man ist versucht, eine Satire auf diesen Radiogottesdienst zu schreiben. Dazu aber ist die Sache zu ernst. Denn sie ist nicht der verrückte Einfall von Herrn Seligmann, eines einzelnen Rabbiners also, sondern es ist dies der Endpunkt der Entwicklung einer gewissen Richtung im jüdischliberalen Lager, den man kommen sah. Das ist das Ende der unentwegten liberalen Sonntagsgottesdienstverfechter, derer, ciie noch immer in reiner Ethik machen, und damit das ..Wesen" des Judentums ergründet zu haben meinen; das Ende derer, die mit beiden Augen auf die Nichtjuden sehen und mit Rücksicht auf sie reden, agieren, arbeiten und die das Judentum dann nur durch die Brille zu sehen vermögen. Das ist die gerade Entwicklung jener Reformler, die nicht einsehen wollen, daß alles Hinübergleiten des jüdischen Gottesdienstes in die Sphäre protestantischer Andacht und Erbauung den Sinn des jüdischen Gottesdienstes verfehlt, daß gerade der spezifisch jüdische Gehalt des Gottesdienstes das Gemeinschaftsgebet ist. Was will nun eigentlich der Rabbiner Seligmann? Will er — der „Gottesdienst" fand am Sonntag statt — den Juden bequem und billig ohne Berufsstörung sozusagen einen Ersatzgottesdienst schaffen? Wenn ja, dann verkennt er die soeben gekennzeichnete Eigenart des jüdischen Gottesdienstes. Will er aber — was möglicher scheint — mit der Predigt Apologetik treiben, so muß man sagen, daß es eine Schändung der Religion und ihrer Werte bedeutet, wenn sozusagen unter dem Protektorat des lieben Gottes Wahlpropaganda gemacht wird. Man macht den Juden die Religion bequem. Man kann beim Abendbrot — bei Rühreiern mit Schinken — von jetzt an statt Tischmusik Verbindung mit dem lieben Gott haben. Wir möchten meinen, daß kaum eine Veranstaltung des Liberalismus die ernsthaften Menschen in ihren Reihen und auch außerhalb so sehr abgestoßen hat, wie gerade dieser Radiogottesdienst. Für viele ist nunmehr der Liberalismus — gewiß zu Unrecht — zu einem Warenhaus geworden, in dem Religion zu billigsten Preisen angeboten wird." Heinrich Heine — ein Arier. Ein gewisser Dr. Paul Körner veröffentlicht in Berliner völkischen Zeitungen einen Artikel, in welchem er nachzuweisen versucht, daß Heinrich Heine arischen Ursprunges sei. Nach seiner Behauptung sei Heine der natürliche Sohn eines preußischen Aristokraten und einer jüdischen Mutter. Der Verfasser sucht seine These aus Heines Schriften zu erweisen, unter anderem aus seinem „oft so urdeutschen tiefen Gefühl". Es heißt dann weiter: „Jeder, auch der schärfste Judengegner, findet so manches bei Heine, was sein arisches Herz seltsam freudig erregt und tiefdeutsche Gefühle in ihm auslöst." Gehört zu diesen „schärfsten Judengegnern" nicht auch der Heineiresser Bartels? Was wird er