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Die Wahrheit · 1924-12-05 · Heft 49 (5.12.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 49 (5.12.1924)
Date
1924-12-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 DIE W AHRHEIT Nr. 49 der diffamierenden Bestimmungen von sich abzuwälzen. In den bereits erwähnten „Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Wien" von A. F. P r i b a m wird im II. Bande ein Gutachten des kaiserlichen Direktoriums. über eine Eingabe aus dem Jahre 1796 wiedergegeben. Die Tolerierten erbaten die Aufhebung der Bolettentaxe. Der Bescheid lautet: „Die Bittsteller seien mit diesem wiederholten Gesuche neuerdings und oim so mehr abzuweisen, als diese Taxe nichts Entehrendes habe und immer etwas zur Vermeidung der so häufigen Herkunft der Bettel- und anderen Binkeljuden, welche eine mehr schlechte Menschengattung ausmachten, dienen würde." Also eine offenbare Verbeugung vor der Empfindlichkeit der Tolerierten, wobei dieselben in scharfen Gegensatz zu den Bettel- und Binkeljuden gebracht wurden; ein trauriger Trost für den selbstb ewußtcn Jude n. (Fortsetzung folgt.) Zehn Meter Distanz. Anläßlich der Enthüllung des zur Erinnerung der Einverleibung der Bukowina errichteten ,,Unirea"-(Einigkeits-) Denkmals weilte das rumänische Königspaar dieser Tage in Czernowitz. In seinem Gefolge befand sich der Bukarester Universitätsprofessor J o r g a, der es verstanden hat, als Politiker zur Geltung zu gelangen. Herr Professor Jorga erblickte in dem rumänischen Nationalfest in der noch gut deutschen Stadt Czernowitz den geeigneten Anlaß, sich in einem Interview in einer Czernowitzer Zeitung also vernehmen zu lassen: „W as die jüdischen Intellektuellen betrifft, so kann ich es mir nicht erklären, warum sie sich an eine gewisse heruntergekommene deutsche Kultur vierten oder fünften Grades hängen. — Wo stand die Wiege des Antisemitismus? Nicht etwa in Deutschland?" Während der auf den fortschrittlichen Geist seines Großrumänien so stolze Universitätsprofessor die heruntergekommene deutsche Kultur so höhnte, spielte sich in Czernowitz folgendes ab: Bei der Defilierung der Abordnungen vor dem König fiel es allgemein auf, daß die jüdischen Studenten fehlten. Es war bestimmt, daß die Vertreter der jüdischen Studenten, die in ihren Farben und Festkleidern gekommen waren, zusammen mit den übrigen Studenten beim König vorbeidefilieren sollten, der sicherlich ein guter Mensch ist und nicht weiß, wie schlecht die Menschen sind. Da erschien der Platzkommandant in der Mitte der jüdischen Studenten und bedeutete ihnen, daß sie gesondert von denanderen Studenten defilieren werden. Auf die Entgegnung eines der jüdischen Studenten, es sei hierüber bisher nichts verlautet worden, vielmehr habe es geheißen, daß alle zusammen defilieren, ging der Platzkommandant zu den Rumänen, die es ablehnten, mit den Juden zusammenzugehen. Die deutschen Studenten interveniertien. wobei der Vorschlag gemacht wurde, daß die Juden zehn Meter hinter den Rumänen vorbeimarschieren. Der jüdische Student erklärte, ihm sei es egal, ob er mit den Rumänen oder ohne sie defiliere, er defiliere vor seinem König. Da bei den Rumänen plötzlich die Ansicht auftauchte, die Juden könnten unmittelbar vor dem König ihr Tempo beschleunigen, um an die andern Studenten anzuschließen, verlangten sie, daß zwischen den Juden und ihnen eine andere defilierende Gruppe eingeschoben werde, um die Distanz zu wahren. So hätten sie nichts gegen eine Teilnahme der Juden an dem Defild einzuwenden. Die Distanz von rehn Metern müßte aber unbedingt gewahrt werden. Was hätten die jüdischen Studenten tun sollen? Die erste Antwort war: Wir marschieren wo und wie wir wollen. Darauf replizierte die rumänische Jugend: Dann wird es einen Skandal geben. Die Dinge spielten sich rascher ab, als wir sie niederschreiben. Was sollten die jüdischen Studenten tun angesichts dieser Drohung? Sie hätten es eventuell auf den „Skandal" ankommen lassen sollen und — es wäre vielleicht zu gar keinem Skandal gekommen. Im Angesichte ihres Königs hätten sich die jungen, rumänischen Hitzköpfe die Sache zweimal überlegt. Aber immerhin, eine gewaltsame Verdrängung der Juden und eine Rauferei war nicht ausgeschlossen. Und da, dachten die Studenten, wird man u n s für das Abscheuliche verantwortlich machen. Man wird sagen: Die Juden sind aufdringlich. Sie müssen nicht überall dabei sein. Sie provozieren durch ihre Anwesenheit, sie sollen sich bescheiden. Es handelte sich doch nur um zehn Meter. Jüdische Frechheit, die nicht Distanz wahren will. Und schließlich: „Der Jude wird verbrannt." Und die Studenten taten schließlich das, was die Besonnenheit ihnen angeraten hatte: sie salutierten ab und gingen weg. Sie nahmen an der Defilierung nicht teil und entfernten sich vom Festplatze, still, ohne Demonstration, sang- und klanglos. Juden schreien, wenn man ihnen weh tut. Aber diese jüdischen Jungen haben Würde gewahrt. Ihr Schweigen jedoch gellt mehr in den Ohren als aller Jammer. Unbemerkt aber ist die Szene nicht geblieben. Man hat gesehen, wie General M i r c e s c u die jüdischen Studenten eingeladen hatte, sich dem Zuge der anderen Studenten anzuschließen. Man erkannte, daß dann etwas vorging, was nicht recht war, und es entging nicht, daß die jüdischen Studenten beim Defile vor der königlichen Familie fehlten. Es scheint, daß dem Könige über den Vorfall berichtet worden ist und daß die Herren um ihm Scham empfanden über das, was geschehen war. Denn sie erwiesen dem Rabbiner der Gemeinde, der zum Königsbankette gekommen war, einige Freundlichkeiten und der König in seiner Güte zeichnete den zum Königsmahl doch erschienenen jüdischen Studenten durch ein Ansprache aus. Die Herren Minister haben diese sichtliche Auszeichnung dadurch unterstrichen, daß sie dem jüdischen Jüngling ganz besonders gratulierten — alles ein Beweis, daß die Offiziellen gut machen wollten, was die rumänische studentische Jugend augenfällig verbrochen hatte. Die rumänischen Juden waren natürlich ganz entzückt über diese Herablassung der Herren Minister, und sie fingen schon an, an eine Wendung in der Judenpolitik der rumänischen Regierung zu glauben. Aber wer die Herren kennt, weiß, daß diese Freundlichkeiten bestenfalls auf das Konto der rumänischen Gastfreundschaft zu setzen sind und darauf, daß es dem König wirklich fernliegt, die Juden zu kränken. Hat doch 1919 keine Geringere als die Königin selber es bestätigt, daß der König derjenige ist, der am wenigsten Antisemit ist in seinem Lande. Der Vorfall aber ist symptomatisch für den Geist, der im ganzen rumänischen Reiche lebt. Nie und nimmer hätte die leider so sehr verirrte rumänische akademische Jugend es gewagt, ihren jüdischen Kommilitonen einen solchen Affront anzutun, wenn die rumänische Regierung nicht mit ihren Staatsbürgergesetzen u. a. das Beispiel gegeben und den Ton angesetzt hätte. Nach unserer Empfindung ist nämlich die Forderung nach der Distanz von zehn Metern der größte Schimpf, der einem angetan werden kann. Diese Forderung ist ungleich schlimmer, als die blutigen Ausschreitungen in den Hallen der Universitäten, sie ist ungleich kränkender als ein Pogrom, bei dem es uns selbst ans Leben geht. Wer die Sache bedenkt, wird diese Unterscheidung verstehen. Aber nicht die jungen rumänischen Studenten sind schuld an diesem ach! so schmerzlichen Schlage, der zweitausendjährige Wunden aufreißt sondern es tragen die Schuld d i e großen Herren im rumänischen Staate, die alles tun, was bei der Jugend die Meinung aufkommen läßt, daß dem Juden gegenüber alles erlaubt ist. Da ist noch sehr die Frage, was schlimmer ist: heruntergekommene deutsche Kultur, die hoffentlich doch eines Tages von allen Schlacken gereinigt werden kann, oder fehlende rumänische. •JJ\p 11 /\ m f ET ¥^ Kleider«, Pelzeu. Gummimäntel-Fa IUI I Vi fA V I K Zentrale: Detailverkauf: ß I I T II * irt« * B Wien I!.,Glockengasse 24 Wien IL, Taborstra

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