Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 49 (5.12.1924)
- Date
- 1924-12-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 49 DIE WAHRHEIT Seite T alten Frau E b e r 1 übergeben hätte. Der Schlüssel führt zu der Wohnung und dem Herzen der Vierundsechzigjährigem Herrn Ernst -Meiche zieht es mit Zaubergewalt zu ihr. Der biedere Deutsche verschmäht schnöde Etikette. Er zieht nicht die Glocke, er klopft nicht an, sondern öffnet selbst mit dem Schlüssel die Türe. Idealismus der Jugend! Kann man zarter ohne Worte es andeuten: Ich weiß, hier wartet meiner ein -liebevolles Herz, bereit, mit mir alles, alles zu teilen! Und Herr Ernst Meiche teilte wirklich alles mit ihr, bis an ihr unglückseliges Ende. Wie hingen die Beiden bald aneinander! Die paar Stunden abgerechnet, die der Jüngling im Kaffeehause im Kreise politischer Gesinnungsgenossen verbrachte, weilte er fast immer bei der Frau, die seine Mutter, ach was, seine Großmutter hätte sein können. Wie ehrte er ihr Andenken, nachdem ihr die Augen und — leider — auch die Gurgel zugedrückt worden waren. Er dachte zunächst nur daran, wie sehr er ihr Schuldner gewesen! Empört wies er jede Vermutung, daß dieses zärtliche Verhältnis seinerseits durch unreine, sinnliche Wünsche entweiht worden wäre, zurück. Am liebsten hätte er sogar nicht nur verschwiegen, sondern selbst abgeleugnet, daß er sich mit einem solchen Anliegen einmal an die erst 54jährige Freundin der Eberl gewandt hatte. So war Herr Ernst Meiche, so zeugte er selbst gegen sich, so lernten wir ihn im Gerichtssaal kennen und schätzen. Er wird wahrscheinlich jetzt Wien verlassen haben, aber es steht zu hoffen, daß wir von ihm hören werden. Gegenwärtig haben Leute wie er eine Zukunft. Ego. Hauptmoinente aus der Geschichte der Juden m Wien. Von Rabbiner Dr. M. Rosenman n. (Fortsetzung.) Das Jähr 1782 bildete einen gewaltigen Wendepunkt in der Geschichte der Wiener Juden. Anfangs allerdings bloß mehr theoretisch. Das Toleranzpatent des Kaisers Josef IL vom 2. Juni dieses Jahres hebt im ersten Absatz besonders hervor, daß es keinesfalls des Kaisers Wille sei, „der in Wien wohnenden Judeuschaft in Beziehung auf die äußere Duldung eine Erweiterung zu gewähren", daß es vielmehr dabei auch in Hinkunft zu verbleiben habe, „cl a ß dieselbe keine eigentliche Gemeinde unter einem besonderen Vorsteher ihrer Nation ausmachen soil, da? ihr kein öffentlicher Gottesdienst, keine öffentliche Synagoge gestattet werde, daß ihr eine eigene Buchdruckerei für i h r e Gebete und andere hebräische Bücher zu errichten n i c!i t erlaubt s e i." Ebenso wird im Absatz II unzweideutig betont, daß es nicht die Absicht sei, „durch diese neuen Verordnungen die Zahl der jüdischen Religionsgenossen in Wien oder in den Staaten zu vergrößern," daß es vielmehr — nach A"bsatz III „keinem Juden auch1 künftig frei stehe, aus anderen Et blander n nach Wien zu kommen, um beständig h i e r z u bleibe n. es sei denn, daß er von der Regierung — bei ausländischen Juden vom Kaiser selber — gegen Nachweis eines namhaften Vermögens, der Ausübung eines Gewerbes und Erlegung einer Toleranzsteuer die Bewilligung hierzu erhalten habe." Diese Toleranz erstreckte sich — nach Absatz VI — weder auf Sohn noch -Tochter, w-enn sie sich verehelichten. Und trotzdem bedeutete dieses Patent, einen Fortschritt Von weittragender Bedeutung. Wenn auch der Zuzug erschwert urid die Bildung einer Ge'mefrischräft unrnoglfch 'gemacht wurde. ist dennoch den in Wien wohnenden tolerierten Juden eine beträchtliche Anzahl von Rechten und Freiheiten gewährt worden. Der Besuch sämtlicher Schulen wurde den Juden freigegeben, ebenso die Ausübung aller Gattungen von Handwerken und Gewerben sowie das Ergreifen von allerlei Handlungszweigen und die Anlegung von Manufakturen und Fabriken. Aber auch äußerlich sollte der eingetretene Umschwung zum Ausdruck kommen. Alle bis dahin strenge eingehaltenen unterscheidenden Merkmale wurden — nach Absatz XXIV — aufgehoben und überdies den Großhändlern und ihren Söhnen, sowie den Honoratioren das Tragen von Degen, damals eine besondere Auszeichnung, erlaubt. V o n der Verweisung der Juden in einen bestimmten Stadtteil, von der Feststellung eines Ghetto war keine Rede m e h r. Sigmund Maye r, der in seinem umfangreichen Buche „Die Wiener Juden 1700 bis 1900" gerne den Gegensatz zwischen den gedrückten Ghettojuden seiner Geburtsstadt Preßburg und den aufrechten Wiener Juden des Vormärz hervorhebt, schreibt von diesen: „In Wien bewegten sich die Juden ohne Scheu nicht nur auf der Straße, sondern auch im Bierhaus, ebenso in den vornehmsten Restaurants wie im Kaffeehaus und in den Vergnügungslokalen; man konnte sie in gleicher Weise, wenn auch nicht allzuhäufig zwanglos und ohne daß es irgendwie auffiel, mit ihren Damen auf allen Elitebälien, auch auf den damals vornehmsten, der Redoute in der Hofburg, dem Bürgerball, dem Juristenball usw. finden, sie waren gewohnt, die schöne Umgebung Wiens genau so wie die übrige Bevölkerung zu genießen." Allerdings, es sei nochmals angemerkt, galt dies nur von den Tolerierten. Dieser mit mehr als einem Makel behaftete Name wurde nach und nach denjenigen Juden gegenüber, die nicht einmal eine „Duldung" erlangen konnten, zu einer Auszeichnung, so daß auf manchen Grabsteinen mit besonderem Stolze hervorgehoben wurde, der Verstorbene sei ein „Tolerierter "gewesen. Die Aufklärung»- Periode rauschte allerdings schnell vorüber und die Nachfolger 'Kaiser Josefs II. waren den Juden alles eher denn freundlich gesinnt; allein die Spuren des Toleranzpatentes konnten nicht ganz vernichtet werden. In meinem 1922 erschienenen Werke: Isak Noa Mannheimer wird in einem besonderen Kapitel: „Die Judenschaft Wiens*' der politische Hintergrund gezeichnet, von dem das spätere Eingreifen dieses providentiellcn Mannes sich abheben sollte. Es wird darauf hingewiesen, „daß die in der Folge drakonisch verschärften Bestimmungen bei Verleihung der Toleranz und die hieran geknüpften Bedingungen der Errichtung einer ,k. k. tandesbefugten Fabrik* oder die Erlangung eines .k. k. Großhandelsprivelegiums', sowie "die hohe Toleranzsteuer es bewirkten, 4aß die Tolerierten zumeist aus Bankiers. Großkaufleuten und Fabrikanten bestanden, welche großzügig auf den verschiedensten Gebieten sich betätigten und h.i e.r-b e i a u i d i e Tu t e^.r i tü.t it.r^e s V o r^g e-li e:n s n i"c h t w e n i g b-e c.h t waren." Von diesem Bewußtsein erfüllt, wasen die Tolerierten fortwährend bestrebt, die Üeberreste