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Die Wahrheit · 1924-12-05 · Heft 49 (5.12.1924) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 49 (5.12.1924)
Date
1924-12-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 49 DIE WAHRHEIT Seite S züge zumlligen, welche die städtischen Angestellten damals erhielten, er konnte jedoch keine Bindung dahin einsehen, daß jede bei der Gemeinde.Wien erfolgend« Bezugserhöhung oder Zuwendung an die Angestellten automatisch eine gleichartige und gleich hohe Auszahlung bei der Kultusgemeinde im Gefolge haben müßte. Diie Verwaltiungsjahre 1918 und 1919 hatten mit Defiziten abgeschlossen, für das Jahr 1920 waren die Kultussteuervorschreübungen bereits erfolgt und es konnte der Kultusvorstand eine Verpflichtung nicht einsehen, deren Umfang nicht abzusehen und deren Erfüllungsmöglichkeit sehr zweifelhaft erscheinen mußte. Als die ersten Aussichten bestanden, die hierfür erforderlichen Mittel aufzubringen, hat der Kultusvorstand dem Begehren der Angestellten Folge gegeben. Am 15. März 1923 wurden vom „Verbände der Angestellten der israelitischen Kultusgemeinde" dem Kultusvorstande Forderungen überreicht, in welchen das Begehren um Bewilligung einer dreißi'gprozentigen Erhöhung der Bezüge gegenüber denen der städtische« Angestellten vorgebracht war. Ohne Anerkennung einer rechtlichen Verpflichtung und unter Hinweis auf die Ablehnung jeder Bezugserhöhung über das Ausmaß der den städtischen Angestellten zukommenden Gehälter hinaus, machte der Kultusvorstand am 18. März 1923 den Vorschlag, einen Bebrag von K 100,000.000 als Pessachaushilfe zu leisten, soferne der angedrohte Streik unterbleibe. Dieses Angebot wurde abgelehnt. Im Zuge der weiteren Verhandlungen erhöhte dar Kultusvorstand sein Aushilfeangebot auf den Betrag von K 300,000.000, zahlbar in zwei Teilbeträgen von K 200,000.000 zu den Pessachfeiiertagen und K 100,000.000 am 15. Mai 1923, falls es nicht zu Ausstand komme. Auch dieses Angebot wurde abgelehnt und so begann am 20. März 1923 der Streik. Mit beispielloser Opferwilligkeit standen die Gemeindemitglieder dem Kultusvorstaude zur Seite und widmeten sich dem Dienste für die jüdische Gesamtheit. Die Mitglieder des Kultusvorstandes, der Bethauisvorstände, der Bezirkskcmmission. aller in Wien bestehenden Chewra Kadischas, sowie zahlreiche sich freiwillig zur Verfügung stellende Geniieindenritglieder hatten die primitivsten Verrichtungen übernommen und durchgeführt, -um hinianzuhalten, daß jüdische Leichen unbeerdigt bleiben. Die Trauungen, wurden in entsprechender Form vorgenommen, in alttracBtioneller Weise versahen Gemeiiiidemitglieder die Vorbeterfunktionen in den Bethäusern, den Annen, die die zuständigen Aemter der Kultusgemeinde geschlossen fanden, wurde durch das Präsidium Hilfe zuteil. (Fortsetzung foljjf.) Abwehr. Wenn wir die Psyche des Antisemiten verstehen wollen, tun wir gut daran, auf unsere persönlichen Erfahrungen mit dieser eigenartigen Abart des Speeres homo sapiens zurückzugreifen. Unsereins hält sich für halbwegs normal, weil man doch sieht, wie im praktischen Leben immer Recht behält, was uns unser klarer Verstand sagt. Geht es einmal schief, so erkennen wir zu spät, daß unser Hirn nicht ausreichte, um uns gut zu beraten, oder aber, daß wir unklugerweise ihm night gefolgt waren. Keinen Menschen mit gesunden Sinnen und geradem Denken wird es einfallen, wenn es sich um sein Wohl und Wehe handelt, einer Sache Glauben zu schenken, bevor er sie nicht genau geprüft hat. Ebenso wenig wird man, wenn man sich nicht selbst betrügen will, teine Schuld, die man selbst Kegtrahiert hat, einem anderen in die Schuhe schieben, um d&f eigene Gewissen zu entlasten. Das Gegenteil von alledem findet man höchstens beim unreifen Kinde, ^beim Geisteskranken, den Alkoholiker mitinbegriffen, und beim — Antisemiten. Vor Jahren hatte ich viel in einem hiesigen Archiv zu tun. An einem der Nachbartische saß ein verhutzeltes Männchen, „Herr Professor" titulierten ihn die Beamten. Es war offenbar ein abgelegter Luzifer für Geschichte an Mittelschulen. Der ergriff nun jede Gelegenlfccit, einem seiner Nachbarn ein bißchen die Zeit zu stehlen, . indem er ihn mit seinen historischen Entdeckungen beschenkte. Mit possierlichem Augenzwinkern, ein triumphierendes Lächeln in den zahnlosen Mundwinkeln, verriet dieser ungelegene Dampfplauderer dem erstaunten Opfer seines Ueberfalles, daß hinter allem umstürzlerischen Weitgeschehen als Drahtzieher sich versteckt halte — der Freimaurer. Alle Revolutionen, alle Erschütterungen von Thron und Altar, alles, „was wir das Böse nennen", ist das Werk dieser geheimen Sekte. Mit der verblüffenden Eleganz eines Schwarzkünstlers eskamotierte er Tatsachen, jonglierte er mit Daten, daß man ganz konfus wurde. Vor mir sprach er nur von Freimaurerei, Ich hatte ihn aber, wenn er ün Flüsterton mit andeten sein Experiment vornahm, stark im Verdacht, daß er dort statt des Freimaurers den Juden in Aktion treten ließ. Möglich, daß es diesen anderen bei seinen historischen Balancierkunststückchen nicht so wie mir schwindelte. Sie waren vielleicht nicht so immun, vielleicht durch Erziehung und Lektüre dafür mehr disponiert. Jedenfalls hörte ich wenig energische Abwehr. Wenn man von Kindheit auf den Kopf vollgestopft bekommt mit allerhand Teufelsspuk, wenn man in Mysterienglauben und Ammenmärchen Freischwimmer geworden ist, wenn man frühzeitig den Magen an die unverdaulichsten Legenden gewöhnt hat, warum nicht auch eine solche gruselige Fabelei verdauen, nicht auch solche Wege der Geschichtsklitterung gangbar finden? Unter diesem Eindruck verstand ich die massensuggestive Macht der Judenhetze, insbesondere jener, die sich der Wissenschaft als Köder „für die Gebildeten unter ihren Verächtern" bedient. Um so tiefer aber empörte sich mein sittliches Empfinden über die Hetzer selbst, über diese Kämpfer mit vergüteten Waffen, und um so unabweisbarer erschien mir die Pflicht des jüdischen Forschers, mit allen Mitteln diesen zielbewußten Fälschern auf die Finger zu sehen, ihre lichtscheuen Schlupfwinkel auszukundschaften und ihnen mit der blendenden Fackel der Wahrheit in die Verbrechervisage zu leuchten. Es ist eine Sisyphusarbeit, es ist ein Kampf mit der Hydra. Doch es hilft nichts. Dieser Kampf muß immer wieder aufgenommen, der Stein muß immer wieder ins Rollen gebracht werden. Es gilt nicht nur unser Leib und Leben, nicht nur unsere Ehre und Existenz. Es gilt die Ehre des Menschentums. Wahrheit, Recht und Friede kämpfen um ihre Existenz mit unseren Waffen. Darum darf uns nichts entmutigen. Und wenn auch Männer, zu denen wir lange Zeit wie zu Halbgöttern bewundernd emporgeblickt, Gemeinschaft mit diesen Licht- und Menschenfeinden machen und wenn auch wissenschaftliche Autoritäten dem Dämon Judenhaß das Opfer des Intellekts bringen — mit dem ganzen unbeugsamen Mut des berufenen Anwalts einer gerechten Sache nrüssen wir bis zur letzten Etappe den Kampf bestehen, wofern es anders noch einen Sinn haben soll zu leben und einem künftigen Geschlecht das Leben zu geben. So sehen wir jetzt das deutsche Judentum einen gigantischen Kampf führen gegen einen Judenhaß, der seinesgleichen sucht in allen Geschlechtern, die vor uns waren und der mit seinen Spinnenfäden die ganze bewohnte Erde in sein Netz zu ziehen droht. Woche um Woche lassen der .„Zentralverein deutscher Staatsbürger" und ihm angegliederte Unternehmungen sowie verwandte Zentralen eine gewaltige Aulklärungsliteratur aus der Presse hervorgehen. Zur Ehre des deutschen Volkes sei aber betont, daß auch aus nichtjüdischen Kreisen, ja vereinzelt sogar aus dem Lager des weiteren, zahmeren Antisemitismus Männer auf den Plan treten, die diese Lügeuschmiede und Schmutzfinken von ihrem Rock abzuschütteln redliches Bemühen zeigen. Heute liegt wieder eine ganze Reihe einschlägiger Schriften vor uns. So B. Segel, Die Protokolle der Weisen von Zion. kritisch beleuchtet, Philo-Verlag, Berlin 1924. Der Verfasser, den Lesern dieses Blattes ein guter Bekannter, ist für Arbeiten dieser Art wie geschaffen. Was er auf diesem Gebiete bisher geleistet hat, ist staunenerregend. Er kennt jedes Detail, ist in der Vergangenheit ebenso zu Hause wie in der offiziellen und Hintertreppenpolitik der Gegenwart. Ein glänzender Dialektiker, weiß er aus dem reichen Schah; seiner „Lozclach" die schärfste Polemik mit schmackhaften Entrefilets zu spicken. Jahrelange Arbeit erforderte dieses Sezieren des widerlichsten Kadavers. Segel selbst gebraucht dafür das Bild: „Ich hatte oft das schreckliche Gefühl, als wäre ich in eine Senkgrube versetzt und hätte die Aufgabe, mitten in dem schauerlichen Unrat und der erstickenden Atmosphäre mit bloßen Händen einen Abzugskanal zu geben." Aber er möge es sich nicht reuen lassen. Er hat ganze Arbeit geleistet. Seine überaus gründliche Leistung stellt wirklich, wie er sie bezeichnet, „eine Erledigung" der neuesten und unverschämtesten Antisemitenlüge dar. (Nur eine Kleinigkeit: Th. Ritter v. Taussig war nicht, wie es S. 223 heißt, „Präsident" der Wiener Kultusgemeinde, sondern Mitglied des Vorstandes.) Einer auch von Segel behandelten Antisemitenerfinduiu tritt B. Weil, Die jüdische Internationale (Berlin 1924, Verlag für Politik und Wirtschaft, M. 4.50) mit erprobter Streitbarkeit entgegen. Mit Recht erinnert Weil daran, daß Oberst Bauer namens des deutschen Zweiges der Weißen Internationale das Burgenland bei Ungarn belassen wollte, mit der Erklärung: „Wir müssen um der Freundschait mit Ungarn willen auf die paar deutschen Dörfer verzichten'". Weil gelangt zu

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