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Die Wahrheit · 1924-12-05 · Heft 49 (5.12.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 49 (5.12.1924)
Date
1924-12-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 49 Spinngewebe; war doch der Tempel schon seit dem Versöhnungstage nicht geöffnet gewesen. Aber auch kleinliche Zeichen von Egoismus finden wir, insbesondere bezüglich Verweigerung der Zahlung von Kultussteoiern. Es ist soweit gekommen, daß in einer zu einer nordmährischen Kultusgemeinde gehörigen Stadt ein großer Teil der jüdischen Einwohnerschaft sich konfessionslos erklärte, weil sie sich mit den Juden am Sitze der Kultusgemeinde bezüglich der lokalen Aufteilung der Kultusmandate nicht einigen konnten. Erst zufolge Eingreifens des Landesverbandes mährischer Kultusgemeinden ist es nach langwierigen Verhandlungen zu einer leidlichen Einigung gekommen, worauf der Rücktritt der abtrünnig gewordenen Glaubeiisgenossen zum Judentum erfolgte. Allerdings darf nicht übersehen werden, und dies gibt uns Zuversicht für die Zukunft, daß das Gefühl der politischen Zusammengehörigkeit wieder wachgerufen und gestärkt wurde. Bei den Wahlen, welche nach dem Umstürze in der tschechoslowakischen Republik stattgefunden haben, in die Nationalversammlung, in die Gau-, Bezirks - und Gemeindevertretungen sind fast überall jüdiche Kandidatenlisten aufgestellt worden, wo Juden in größerer Anzahl beisammen wohnen, und bis auf die Nationalversammlung, wo gleichfalls eine stattliche Stimmenanzahl auf die jüdischen Listen vereinigt wurde, wo aber zufolge einer ungünstigen Bestimmung der Wahlordnung kein Mandat erlangt werden konnte, wurden fast durchwegs positive Erfolge erzielt, was sich bereits vielfach wohltuend äußerte, sowohl in aktivistischer als auch in abwehrender Hinsicht. ISPjlj Feuilleton Der Triumph der Sinne. Von Bernhard Horowitz. (Fortsetzung.) HI. Im Hotel Esplanade in einem Seebad des Südens itieg am nächsten Tag gegen Mitternacht das Paar ab. Iwan führte Recha wie ein schlaftrunkenes Kind 4in der Hand ins Hotelzimmer, welches für sie bereitgestellt worden war. Als sie das Zimmer betraten und Iwan die Türe hinter sich schloß, befiel Recha eine namenlose Angst, zaudernd und mit fest geschlossenen Augen ließ sie sich von Iwan in die Arme schließen. Ihr Herz pochte wild. Nun war die Stunde gekommen, nach der sie sich in schlaflosen Fiebernächten gesehnt hatte, nach der ihr Blut schrie, unaufhörlich schrie. Und die ganze Genesis ihrer Liebe stand ihr deutlich vor dem Sinn. Wie sie Iwan vor einem Jahr etwa auf einem seiner Ritte außerhalb der Stadt bemerkte, als sie mit einer Freundin, nach einem heißen Soortmertag, um in frischer Luft zu atmen, ausgegangen war. Wie stolz und majestätisch er auf seinem Vollbluthengst dahinritt. Nachdem er durch einen unzweideutigen Blick Recha den Eindruck, den sie auf ihm gemacht hatte, merken ließ, verlangsamte er den Trab des Pferdes, so daß er neben Recha und ihrer Freundin zu reiten kam. Er grüßte zunächst, indem er die Wenn es gelinge« wird, auch in religiöser Beziehung eine Regeneration zu erzielen, dann wird fener Ideaizustand eintreten, den alle aufrichtigen Anhänger des Judentums anstreben. Und auch die Wiener Judenschaft wird der weiteren Entwicklung der Ereignisse in der Tschechoslowakei keinesfalls teilnahmslos gegenüberstehen. Sind doch die vielen landsmännischen Vereinigungen der in Wien lebenden, aus Mähren stammenden Juden ein deutlicher Beweis dafür, daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit zur alten Heimat zustrebt. Im heurigen Sommer haben Exkursionen solcher Wiener Landsmannschaften in ihre mährischen Hetmatgemeinden, nach Nikolsburg und nach Kostel, stattgefunden, wodurch der Kontakt mit den in der Kehiüa gebliebenen Glaubensgenossen erneuert wurde. Wir laden auch die übrigen mährischen Landsmannschaften ein, ihre Heimatgemeinden aufzusuchen und diese Ausflüge lungefähr alle zwei Jahre zu erneuern, im Interesse der Stärkimg der Solidarität mit der alten, meist verfallenden Judengememde, dem Wohnsitze ihrer Vorfahren, welcher gleichfalls dessen bedürftig sind, daß ihm neues jüdisches Leben zugeführt wird. Uebersteigt doch die Anzahl der Wiener Vereinsmitglieder oft die Anzahl der noch in der alten Heimat wohnhaften Juden um ein Beträchtliches und haben die Wiener Vereine bis zum Kriegsbeginn alljährlich dazu beigetragen, am die Armen und Bedürftigen zu unterstützen. Und wenn auch heute die Staatsgrenzen zwischen Wien und den mährischen Judengemeinden bestehen, so ist hierdurch die Anhänglichkeit unserer in Wien lebenden Landsleute an ihre alten Heimat- Sportmütze lüftete. Recha wurde über und über rot. Ihre Freundin bemerkte das und sagte weltlich überlegen: „Aber bist du noch naiv und schamhaft! Paß' auf, er spricht uns noch an." Im selben Moment näherte er sich ihnen, sprang vom Pferde und auf beide Mädchen zugehend stellte er sich ihnen vor. Sie wußte vor Verlegenheit nichts anzufangen. Es war der erste Mann, der sich ihr genähert hatte. Sie erinnerte sich jetzt, wie Iwan dann ungefähr eine Stunde lang auf sie einredete. Wie er seiner Begeisterung für sie m den schwungvollsten Worten Ausdruck verlieh. Und sie dachte an das erste Rendezvous mit ihm allein. Es dauerte Sänger als drei Monate, bis sie sich entschloß, einmal gegen Abenddämmerung in einen umbelauschten Winkel des gräflichen Schloßes zu kommen, trotzdem kein Tag verging, ohne daß Iwan seine Bitten und Werbungen wiederholt hätte. Er schickte ihr Berge von Blumen, unzählige Schachteln mit Naschzeug, verschiedene kleine Aufmerksamkeiten. Die Geschenke wurden auf Verlangen Rechas immer um die Jausenstunde gebracht, d& der Vater im Geschäfte war und die Mutter gewöhnlich ausging. Sie fühlte es dann nach und nach, daß der große, schlanke Jüngling mit seinen schönen aristokratischen Gesichtszügen, seinem überschwängliohen Pathos, seinen slavisch-schwärmerischen Augen in ihr das Blut aufpeitschte, das Weib geweckt hatte. Und an jenem Nachmittag kn Schloßpark schwöre» sie sicii ewige Liebe.

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