Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 48 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Saite 9 Veranlagung, sondern durch ihr Herz werden Kantor und Rabbiner erst zum Vorbild, letzterer zum Berater und Tröster in Schicksalstunden wie zum Segen- und Glücksspender. Sie haben aber, Herr Oberbaurai, übersehen, daß Sie nicht hier wie sonst bei Wahlreden Menschen beleidigen, sondern haben den Menschen als Vorbild dienende Persönlichkeiten angegriffen, deren Tun und Lassen, jeder Schritt von der Oeffentlichkeit kontrolliert wird. Von menschlichen Fehlern und Schwächen sind auch diese Menschen nicht frei, aber an unseren Kautoren und Rabbinern hat nie die vorgesetzte Körperschaft, das Präsidium der Kultusgemeinde, etwas auszusetzen gehabt. Also warum hetzen Sie, warum stelien Sic als Kultusvorsteher nicht die angeblichen Uebelstände ab und weisen nicht hin auf bestehende Mängel und Fehler. Ich überhebe mich nicht, wenn ich das Wort in dieser Sache ergreife, ich sehe fast jeden Sonntag dem Getriebe am Friedhof zu, ich habe noch nie davon etwas gehört, daß Kantor oder Rabbiner Beträge fordern oder darum bitten. Aus freien Stücken geben Trauernde bei der Feierlichkeit für El mole rachamim Beilage, weil dieser Gesang resp. dieses Gebet einen Sonderwunsch darstellt. Nie und nimmer sah ich aber, daß ein Rabbiner Geld forderte, selbst den „Händedruck" meiden die Rabbiner am Friedhof. Dies alles ist Ihnen ebenso bekannt wie allen. Also je länger Sie mit Ihrer Entschuldigung zuwarten, umsomehr sinken Sie in den Abgrund, den Sie sich gegraben: Eduard Engel, Delegierter der Cliewra Kadtscha. Wie man sich doch irren kann. Es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Das Grazer Antisemitenblatt „D e r Michel" erachtet uns eines Briefes für würdig, noch dazu eines höflichen. Es, beziehungsweise sein Herausgeber Hans Kipper, schreibt uns nämlich: „Sie bringen in Ihrer Folge 45 eine Merke: „Wie ein Ueberläufer dTüben aufgenommen wird." Wir müssen Ihnen daran! mitteilen, daß Sie unsere Bemerkung „Heil ihm und der Kirche" mißverstanden haben. Wir haben den Uebertritt und die Aufnahme Korngolds in die katholische Kirche damit ironisieren wollen. Wir sind selbstverständlich gegen die Aufnahme von Juden in die christliche Kirche: denn Juden bleiben Sie ja immer. Und daß Sie g.egen das Ueberläufertum Stellung nehmen, finden wir von Ihrem Standpunkte aus vollkommen in der Ordnung. Jeder bleibe dort, wohin er gicihört." Dazu bemerken wir nur. daß wir selbst feststellten, daß „Michels" Ruf „Heil ihm und der Kirche!" „wohl kaum ehrlich", also ironisch gemeint sei.. Ansonsten deckt sich einmal wenigstens in dieser Frage unsere Auffassung mit der des Gegners. Jeder bleibe dort, wohin er gehört. Hitler, der Vaterlandsverräter. Diesen Vorwurf hatte Rechtsanwalt Dr. Ludwig Holländer. Direktor des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, gegen Adolf Hitler in einem Artikel der „Zentralvereins-Zeitung" erhoben. Daraufhin hatte Hitler gegen Dr. Holländer einen Prozeß angestrengt, ließ die Strafverfolgung aber verjähren und das Verfahren wurde auf seine Kosten deshalb eingestellt. Neuerdings erklärt der Anwalt Hitlers der Presse, daß Hitlers Verhaftung diesem Veranlassung gab. von der Fortführung der Prozesse Abstand zu nehmen, und' das Dr. Holländer selbst die Möglichkeit gehabt hätte, den Prozeß fortzuführen und Beweise für seine Behauptungen zu erbringen. Hierzu sendet uns Dr. Holländer folgende Erklärung: 1. Hitler ist in Nr. 16 der „Zentral vereins-Zeitung" ein Vaterlandsverräter genannt worden. Er hat diese Bezeichnung auf sich sitzen lassen und hat den Versuch, sich durch ein öffentliches Gerichtsverfahren hiervon z u r e i n i g e n, f a 11 e n 1 a s s e n. 2. Durch Urteil des Volksgerichts München vom 1. April 1924 ist Hitler des Hochv e r r a t e s schuldig gesprochen. Hierdurch ist der B eweis des Verrates in aller Oeffentlichkeit gegeben. Hebräische Trauung. Als Gast bei einer Trauung im großen Leopoldstädter Tempel am Dienstag voriger Woche, war ich Zeuge eines Vorfalles, der sieh bisher wohl noch nie in Wien ereignet hat. Das Brautpaar waren Chaluzim, die jetzt aus Polen nach Palästina auswandern, und der Brautvater ersuchte den Herrn Rabbiner, die Trauung in hebräischer Sprache zu vollziehen. Diesem Wunsche wurde sofort entsprochen und ich hörte zum ersten Male eine Trauung ganz in hebräischer Sprache. Nur eine amtliche Formel war deutsch. So einfach und bescheiden der Rahmen dieser Feier war, die klangvollen Laute der Sprache unserer Väter gaben ihr doch eine erbebende Weihe und machte auf alle Anwesenden den tiefsten Eindruck. H. G. n. Wahrheiten vom Tage Der Fall Grusen. So oft widerlegt und blamiert, s.hweigen die Hakenkreuzler noch immer nicht still. Ihre „Deutschösterreichische Tageszeitung" erklärt in einer der letzten Nummern, Material zu besitzen, aus dem sich ergebe, daß an Gruselt ein Mord, und zwar von mindestens drei Personen, begangen worden sei. Das Blatt tritt auch einen ziemlich umfangreichen Beweis für seine Mordtheorie an. Das Hauptgewicht wird darauf gelegt, daß die Kleider des toten Knaben geordnet neben der Leiche lagen, und daÜ die Unterhose fehlte. Das ist nicht wahr. Die Kleider, unter ihnen die Unterhose, lagen zerstreut umher und wurden erst von den Polizisten geordnet neben den Körper gelegt. Dann wird von rätselhaften 151 u t s p u r e u außerhalb der Planke gesprochen. Diese Spuren hat niemand gesehen, sie existieren nur in der Phantasie der Hakenkreuzler. Ebenso ist der dritte Punkt des Materials, daß die Polizeibeamten im ersten Augenblick auf Mord schlössen und erst später anderer Ansicht wurden, erlogen. Hotrat W a h I, der Meidlinger Bezirksleiter Dr. B e r n e r und Polizeikommissär Dr. Schenk erklärten sofort nach der ersten Besichtigung der Leiche, sie sei von den Hunden zerfleischt worden, eine Erklärung, die nun auch amtlicherseits bestätigt wurde. Die Hakenkreuzler sind demnach mit ihrer frechen Ritualmord k o n s t r u k t i o n auf den Hund gekommen. Wie die Korrespondenz Wilhelm erfährt, wird die Staatsanwaltschaft trotz der vorher geschilderten nachgewiesenen Unstictili ä 11 i g k e i t all dieser Angaben das angeblich vorhandene Beweismaterial überprüfen. Szegediner Studenten. Der Szegediner jüdische Frauenverein veranstaltete letzten Sonntag ein Wohltätigkeitsfest, an welchem auch der Bürgermeister der Stadt Szegedin teilnahm. Gegen Mitternacht erschienen zwanzig rassenschützlerische Studenten vor dem Veranstaltungslokal und vollführten einen regelrechten Sturm auf das Hotel, in welchem das Fest in bestem Gange war. Der Stadthauptmann, der dem Feste als Inspektionsbeamter beiwohnte, vermied es, die Ruhestörer kurzerhand verhaften zu lassen. Mit noch einigen sogenannten christlichen Notabilitäten, die sich herabgelassen hatten, der Veranstaltung beizuwohnen, führte er lange diplomatische Unterhandlungen, bis es gelang, die zumeist aus Studenten bestehende Bande zum Abziehen zu bewegen. Grazer Hochschulautonomie. Die Zustände an den Grazer Hochschulen sind wieder einmal haarsträubend geworden, die dortigen Senate und Rektorate sind heute nichts anderes als Exekutivorgane der Hakenkreuzkammern. Die schändliche Affäre der Technik zeigt dies in solcher Klarheit, daß keine Regierung mehr darüber hinweg kann. Die Technik mußte letzten Montag geschlossen werden, weil die Völkischen den Professor Leon nicht lesen lassen wollen und sich durch die hinterhältige Mithilfe der Professoren ermutigt sahen. Das christlichsoziale „Grazer Volksblatt" gibt genauen Aufschluß über diesen vorläufig letzten Teil der über den tapferen Professor Leon verhängten Marter: Der „Fall Leon" ist fast auf den Tag zwei Jahre alt. Professor Dr. Leon ist einem Teile der I echnikerhörerschaft mißliebig geworden, weil er etwas viel verlangt, weil er Verfehlungen von Studenten gegenüber nicht blind war, weil er jüdischer Abstammung sei, obsehon die Taufscheine väterlicher- und mütterlicherseits bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts das Gegenteil beweisen usw. Leider haben die unzufriedenen Hörer aus verschiedenen, alles eher als wissenschaftlichen oder sonst berechtigten Gründen offene und geheime Unterstützung bei einem Teile des Professorenkollegiums gefunden und sich so ermutigt gefühlt. Wir mußten bereits im Frühjahre vorigen Jahres von widerlichen Vorfällen auf der Technischen Hochschule berichten und dringendste Klärung verlangen. Nun ist endlich die Entscheidung im Ministerium für Kultus und Unterricht gefallen. Professor Leon wurde von allen gegen ihn erhobenen Anklagen freigesprochen. Die oberste Instanz hat gesprochen, das Professorenkolleg und zumindest auch der Rektor haben sich dahin eingestellt, wer aber rebelliert und auch weiterhin die Vorlesungen des Professors stört, ist ein Teil der Studentenschaft. Abgesehen davon, daß der