Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 48 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 48 Das Zeitalter der Kaiserin Maria Theresia sollte den Juden Wiens eine lange, oft ununterbrochene Folge von Drangsalierungen bringen. Es regnete geradezu von Erlässen einschränkender Art, so namentlich über den „unbefugten Handel und Aufenthalt der Juden außerhalb der Jahrmarktszeiten" (1743). „Fremden Juden wird der Aufenthalt in den Wiener Vorstädten verboten" (1747). „Solidarhaftung der Judenschaft bei Diebstählen" (1757), wobei Beratungen über eventuelle Separierung der Juden und der in Wien wohnenden türkischen Juden von den Christen stattfanden, die den auch sonst Geängstigten neuen Schrecken einjagten. Die „Verminderung" der Juden in Wien, ungefähr etwa wie die Beschränkung der „Famiiianten" in Böhmen und Mähren, bildete oft den Inhalt der Randbemerkungen der Kaiserin zu den ihr erstatteten Vorträgen der Hofkanzlei. Nur durch große Geldmittel, direkt oder indirekt erlegt, konnte manche drohende „Geseran" hintaneehalten werden. Bezeichnend dürfte die historische Anekdote sein, nach der der Kanzler K a un-i t z eines Tages von seinem bei ihm beliebten Ofenheizer ersucht wurde, eine Judendeputation zu empfangen, die ihm (dem Heizer) versprochen habe, für ein einziges Wort, das sie an dem allmächtigen Kanzler richten wollte, es ihm durch Aufbringung der Mitgift zu ermöglichen, seine Braut heimführen zu können. Kaunitz gewährte die Bitte, aber nur mit der Bedingung, daß die Juden eben nicht mehr als e i n W o r t zu sprechen hätten. Die Deputation erschien und brachte nur das eine Wort vor: „Schweigen!" In der bevorstehenden Beratung, die über das Schicksal der Juden zu entscheiden und deren Vorsitz Kaunitz zu führen hatte, waren bereits die Hofräte und Minister durch nachdrückliche Geldargumente gegen die „Geserah" gewonnen worden; nur Kaunitz allein konnte alles zunichte machen. Die befriedigte Sehnsucht seines Günstlings, des Ofenheizers, nach einem eigenen Heime bewirkte, daß der einflußreichste Mann Oesterreichs den anderen Beratern der Kaiserin das Wort überließ und selber schwieg, so daß die Juden in ihrem schwer erkauften Heime weiterverbleiben konnten. Klopstock sollte bald in einer Ode singen: Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht. Wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht Und tut er's nicht, weil unsere Fürsten Sic ihn zu eisernen Fesseln sehmieden? (Fortsetzung folgt.) Was man uns schreibt Zu dem Protest der Wiener Rabbiner und Kantoren gegen die Angriffe des Herrn Kultusvorstehers Oberbauraf Stricker Ist uns eine Fülle von Zuschriften zugekommen, die, wenn wir sie alle veröffentlichten, wohl den Großteil einer Nummer unseres Blattes ausfüllen würden. Wir beschränken uns deshalb auf die Wiedergabe zweier Schreiben, indem wir. von dem Grundsatz ausgehen, einem hochstehenden Vertreter des angegriffenen Standes und einen' Laien das Wort zu erteilen. Allen anderen Einsendern danken wir für das Interesse, wobei wir feststellen müssen, daC sämtliche Zuschriften einmütig das Vorgehen des Herrn Oberbaurates mißbilligen. Sehr geehrte Redaktion! Zunächst empfangen Sie herzlichsten Dank für den ausgezeichneten Artikel des Herrn Oskar Hirschfeld: Die Wiener Kultuswahlen, in der letzten Nummer Ihrer trefflichen Wochenschrift. Der Autor hat in diesem Artikel tausenden i-nd abertausenden Juden, nicht den schlechtesten, aus der Seele gesprochen und Ihr Blatt hat sich dadurch zahlreiche neue Freunde erworben. Wie treffend diese Ausführungen sind, ersieht man am besten aus dem Verhalten des Herrn Stricker so bedeutenden Männern gegenüber, wie sie im Rabbiner- und Kantorenverbande der Wiener Kultusgemeinde vereinigt sind. Jeder Kulturmensch hat die Verpflichtung, selbst in der Siedehitze eines Wahlkampfes sich Hemmung aufzuerlegen, namentlich wenn man bedenkt, welche Reaktion solche Schmähungen in der uns feindlichen Umwelt auszulösen geeignet sind! Doch mit Herrn Stricker wollen wir r.ns gar nicht befassen, sondern nur mit dem mich offen gesagt erschütternden Proteste des Rabbiner- und Kantorenverbandes. Hier wäre ein weniger mehr gewesen! Denn die Herren hätten ja nur hinzuweisen brauchen, daß, solange es ein Judentum gibt, diese Emolumente gang und gäbe waren. Vom Hohepriester Aron angefangen bis auf die größten Geonim unserer Zeit wurden sie alle mit Emolumenten alimentiert. Priester und Lewiten hatten keine Gehälter, sondern waren auf Gaben und Zehnten angewiesen. Man mag d;is bedauern, aber die Tatsache besteht. Und wenn nun die Herren Beamten diese Emolumente abschaffen wollen, was ein schöner Beweis ihrer Standesehre ist, so übersehen sie hierbei die Mentalität der Juden, die sich niemals diese Alimentierung nehmen lassen wird. Es ist dies traurig, aber es ist einmal so und selbst in Deutschland, wo die Emolumente in vielen Gemeinden abgeschafft worden sind, können sich die Rabbiner nur schwer dieser Emolumente erwehren, weil 'ie von den Gebern in den meisten Fällen nicht als Spende, sondern als ein Zoll der Anerkennung gegeben werden. Aber selbst dort, wo man diese Geldüberweisungen als Spende betrachtet, werden sie unmöglich ganz abgeschafft werden können, weil, wie erwähnt, dies mit der jüdischen Mentalität zusammenhängt, die. nur darum nicht tragisch zu nehmen ist, weil sie harmlos und oft einem guten, wohltätigen Herzen entspringt. Unverständlich aber bleibt es, wie ein Redner derartige Schmähungen in zahlreichen Wählerversammlungen widerspruchslos hinschleudern konnte! Soll man etwa daraus auf die Zusammensetzung dieser Zuhörer schließen? Das ist überaus traurig! Denn welches bessere Kind wird sich unter solchen Umständen noch einem so schweren, verantwortungs- und entsagungsvollen Studium — Matura, Universität i.nd Seminar — widmen, das vor vorneherein, sogar von Vorstandsmitgliedern, zu einem Schnorrerberuf stigmatisiert wird? Was soll aus dem Judentume werden, wenn sich keiner mehr der jüdischen Beamtenlaufbalm — und zwar mit Recht — wird widmen wollen? Was wird aus unseren Kindern werden, wenn wir keine jüdischen Lehrer mehr haben werden? Und last but not least, was wäre aus dem Zionismus geworden, wenn nicht Rabbiner und Lehrer 'von den Kanzeln und in den Schulen ihn in die Herzen der Jugend eingeprägt hätten? Caveant consules! Ein Kanalräumer aus der Provinz. Herrn Oberbaurat R. Stricker! In Verkennung Ihrer Rechte und Pflichten haben Sie, verleitet durch Ihren angeborenen Rednerfleiß und Ihr Rednertalent in Versammlungen Behauptungen aufgestellt, die Sie nicht in Ihrer Gänze oder auch nur teilweise in der Lage sind nachzuweisen. Ich aber will hoffen, daß Sie heute nach besserer Einsicht diese Worte mit ihren beleidigenden und schwerkränkenden , Absichten nicht aufrecht halten werden. Als Mann wird es Ihre Pflicht sein, diese für Kantoren, Rabbiner, aber auch das Gesamtjudentum beschämenden Anwürfe zurückzuziehen. Weshalb haben Sie aber die Menschen, die von Ihnen und von Ihrer Tätigkeit im Leben doch nicht schlecht dachten, enttäuscht, nur allein deshalb, weil auch Sie nur ein Mensch mit allen seinen Fehlern und Vorzügen sind? Was aber Ihre Worte für Schaden angerichtet haben, das vermögen Sie nicht zu ermessen, denn den Stand und Beruf der Gottesdiener haben Sie in den Abgrund werfen wollen, und sich selbst haben Sie begraben. Wer ist ein Gottesdiener, wer ein Priester, und welche Eigenschaften müssen ihn zieren? Die Verantwortung dieses schweren heiligen Amtes ist eine große. Nicht durch Ihre Bildung allein, ihre