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Die Wahrheit · 1924-11-28 · Heft 48 (28.11.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 48 (28.11.1924)
Date
1924-11-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 48 DIE WAHRHEIT Seite 7 katholischen Wochenschrift „Universe" öffentlich die Gründe für seine Bekehrung mitzuteilen. Etwas Läppischeres, Würdeloseres als dieses „Bekenntnis" ist kaum zu denken. Mag es auch schmerzlich jeden Juden berühren, daß ein Sohn Theodor Herzls, der voll glühender Liebe und Begeisterung für das Judentum gelebt und gestorben, so pietätlos seinen Abfall von der Religion seiner Väter in die Welt hinausschreit, so soll es doch nicht verschwiegen bleiben, daß Hans Herzl durch die Darstellung, wie er zur Taufe gelangte, auch der katholischen Kirche keinen besonderen Dienst leistete. Den ersten Gedanken, Christ zu werden, weckten — wie er mitteilt — einige getaufte Juden, die er in Wien kennen lernte. Einer derselben sprach, den Namen Theodor Herzls preisend, zuerst die Idee aus, der Sohn des — „gepriesenen Vaters" möge Christ werden. Hans Herzl gab darauf nicht die ziemlich naheliegende Antwort, sein Vater habe die Täuflinge als elende Fahnenflüchtlinge bezeichnet, sondern begann den Gottesdienst der Baptistengemeinde in Wien zu besuchen und ließ sich bald darauf von ihrem Prediger zum ersten Male taufen. Nach England zurückgekehrt, erzählte er einer Verwandten und Freundin, was mit ihm in Wien geschehen. Obwohl selbst nicht Katholikin, meinte diese, daß alles auf die Notwendigkeit hinwies, ich sollte einer werden. Diese Dame, versicherte Hans Herzl, beirachte er als seine zweite Mutter und ihr danke er mehr, als er sagen könne. Er fragte sie aber nicht, warum sie nicht auch für sich die Notwendigkeit erkenne, Katholikin zu werden, sondern folgte ihrem Rate und ließ sich in der Kapelle unserer lieben Frauen von Sinn zum zweiten Male taufen, in Gegenwart einer Anzahl jüdischer Konvertiten, die den verlorenen Sohn Theodor I~brzls als einen „wiedergefundenen Bruder" bewillkommten. Der Zionsgedanke Theodor Herzls hätte vielleicht selbst den; Täufling die Wahl einer anderen Kirche empfehlenswerter erscheinen lassen sollen, aber Hans Herzl dachte weniger an seinen Vater als an seine ..wiedergefundenen Brüder". Der Wunsch, mit dem Hans Herzl sein öffentliches Bekenntnis schließt, der Erzengel Raphael, der dem Tobias sein Gesicht wiedergegeben, möge auch ihn erleuchten, war offenbar damals noch nicht in Erfüllung gegangen. * .i. * K a r d i n a 1 - F ü r s t p r i m a s C z e r n o c h, der gegenwärtig anläßlich seines 50jährigen Priesterjubiläums der Gegenstand großer Ovationen ist, hat einer jüdischen Deputation gegenüber u. a. geäußert: ..In der. Reihen des Judentums hatte ich Gelegenheit, viele vorzügliche Männer zu sehen und kennenzulernen, und ich kann wirklich sagen, daß diese allezeit bestrebt waren, im Verein mit ihren übrigen Menschenbrüdern gewissenhaft für das Vaterland zu arbeiten." Daran knüpfte der Fürstprimas die Hoffnung: „Die Wellen werden sich binnen kurzem legen und zur Herrschaft werde wieder die echte Nächstenliebe gelangen, so daß wir wieder im vollen Einvernehmen vereint für das Vaterland wirken können." Es braucht wohl nicht erst gesagi zu werden, daß jedes dieser Worte ein Peitschenhieb gegen die Antisemiten ist, die knirschend vor Wut, aber schweigend diese Zurückweisung über sich ergehen lassen müssen. Die Hejjas-Leute, deren mörderisches Programm der Pogrom ist, waren sich wohl dessen bewußt, daß ein Czernoch in ihnen nur die Verhöhner der Lehren des Evangeliums erblicken kann, aber sie haben vielleicht gehofft, daß auch der greise Kirchenfürst angesichts ihres terroristischen Treibens sich in Schweigen hüllen w erde. Das ist nicht geschehen. Man kann aber ruhig sagen, einer Deputation aus diesen Kreisen wird kein echter Priester der Nächstenliebe zurufen: „Ich hatte Gelegenheit, in Ihren Reihen viele vorzügliche Männer zu sehen und kennen zu lernen." Ego. Hauptmomente aus der Geschichte der Juden in Wien. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Eine nicht minder interessante Persönlichkeit, welche der damaligen Juden'heit Wiens nicht bloß Schutz und Stütze, sondern auch ein höheres geistiges Niveau verlieh, war Samson (Simson) W e r t h e i m e r, der Neffe Oppenheimers. Diesem gegenüber besaß er den Vorzug, „Thora und weltlichen Umgang" in sich zu vereinigen. Oppenheimer war der großzügige Abenteurer von nur geringer allgemeiner und hebräischer Bildung, Wertheimer der bedächtige Bankier, der in seinen Mußestunde n d e m Talmudstudium oblag und neben seinen weltlichen kaufmännischen Titein eines kaiserlichen, königlich polnischen, pfälzischen Oberfaktors noch die Würde eines Rabbiners vieler Städte und und Länder bekleidete. In Wertheimer kam bereits jener Zug zum Vorschein, aer etwa ein Jahrhundert später die prominenten jüdischen Reichen auszeichnete: ein gewisses Mäzenatentum auch für ferne Gemeind e n. Ueberall in ganz Deutschland und Oesterreich kannte und schätzte man seinen Namen und Einfluß, er wurde ebenso von Nikolsburg und Aussee und Mähren in der Not angerufen, wie er von Jen Juden des heutigen Burgenlandes als Gönner verehrt wurde. Er ließ ebenso die Erbauung der stattlichen Synagoge in Rechnitz durchführen, wie er in Frankfurt am Main eine neue Ausgabe des Talmud (1721—1722) veranstalten ließ. Er trat mit gleicher Kraft für den Schutz der Juden in Wien gegen die Ausschreitungen der Studenten ein, wie er gegen das Erscheinen von Eisenmengers Schmähschrift: ..Entdecktes Judentum" beim Kaiser erfolgreich wirkte. Die gewaltig großartige finanzielle Gestion Wertheimers gab der Struktur der Wiener Judenheit ein eigenes Gepräge. Der Wiener Historiker A. F. P r i b r a m hat im ersten Bande seiner ,.U rkunden und Akten zur Ge schichte der Juden i n W i e n" eine Reihe Erlässe aus dem ersten Viertel des XVIII. Jahrhunderts veröffentlicht, aus denen hervorgeht, daß vom Kleinhandel, wie er im ersten und zweiten Ghetto üblich war, keine besondere Rede mehr ist, wohl aber vom Umstände, daß die Juden Wiens mit dem „aerario publico und Wechselstand in creditis auf große Summen verflochten sind." Samson Wertheimer war der Finanzier des Hofes und des Staates, und besaß, um seine Bankgeschäfte durchführen zu können, einen Stab Beamte unter den verschiedensten Titeln. Nicht weniger als 100 Personen, zur „Familie" Wertheimers gehörend, zählt ein Referat der Hofkanzlei vom März 1723 auf. In einigen Häusern auf dem jetzigen Bauernmarkt wohnten zuerst * die „Privilegierten" mit ihrem „Gesinde". Der Versuch, sie von dort zu verdrängen und sie nach dem Hause „Kissenpfennig" (Küß' den Pfennig) nächst dem Rotenturm (jetzt Griechengasse 3, Hafnersteig 3, Adlergasse 4) zu verweisen, fand nicht die Billigung des Kaisers, da es nicht dafür stehe, besondere Auslagen zu machen, denn seine Absicht sei, sie binnen 2 bis 3 .Jahren aus Wien zu entfernen. Schwer lastete der Alpdruck auf der geringen Anzahl der Juden in Wien und als Wertheimer am 6. August 1724 rm Eckhause der Kärntnerstraße an der Bastei seine Augen für immer schloß, durften sie mit Recht auf dem errichteten Denkstein mit den Worten klagen, „daß Ansehen und Schutz ihnen genommen seien".

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