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Die Wahrheit · 1924-11-28 · Heft 48 (28.11.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 48 (28.11.1924)
Date
1924-11-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 48 den Sechzigerjahren nach Shanghai einwanderte. Er selbst ist bereits ganz chinaisiert, spricht aber trotzdem ein schönes Hebräisch und spielt im jüdischen Gemeindeleben, welches in den letzten Jahren zu neuer Blüte gelangte und seit einigen Jahren auch einen tüchtigen geistlichen Führer, Rabbi Dr. Hirse h, hat, eine angesehene Rolle. Er schilderte mir die Lage der Juden in Shanghai in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht als sehr günstig, sie sind in dieser internationalen Handelsstadt im gesellschaftlichen und sportlichen Leben gut vertreten. Er erzählte mir sehr Interessantes von unseren Stammesbrüdern in K a i - F o n g f u, der alten Hauptstadt der Provinz Honon, wo noch die Ruinen einer vor mehr als achtzehn hu nd e r t Jahren erbauten Synagoge zu sehen sind. Es leben dort heute ungefähr zweihundert jüdische Seelen, die aber dem jüdischen Glauben entfremdet sind. Es werden Anstalten getroffen, um sie wieder ihrem Glauben zuzuführen. Der betreffende Herr unternahm im März 1923 eine Reise nach dem Heiligen Lande und lernte dort eine junge Witwe aus Ungarn kennen, die er dann — er war Junggeselle — zu seiner Frau machte. Nun reiste er mit ihr nach Cleveland zum Besuche von Verwandten. Eines Morgens kam in meine Kabine ein Herr, in dem ich einen christlichen Amerikaner vermutete, und begrüßte mich mit „Schalom!" Der oben erwähnte Pastor hatte ihn auf mich aufmerksam gemacht. Der Mann stammt aus Moskau, wohnt seit vielen Jahren in San Franzisko und gilt dort als ein Oelmagnat. Auch er war auf dem Heimwege aus Palästina, wo er mehrere Monate verweilte. Er schilderte mir die wirtschaftliche Lage des Landes als ausgezeichnet und erklärte, daß* er bald mit Bohrungen nach Oel in Palästina beginnen werde. Wir hatten noch einen interessanten Reisegefährten, Professor Willi B u r meiste r, den bekannten deutsch-amerikanischen Volinvirtuosen. Er führte eine zweihundert Jahre alte Guarneriusgeige mit, die er von einer alten Familie in Deutschland, in deren Besitz sie sich seit vier Generationen befand, für zwanzigtausend Dollar erworben hat. Leider war ich am Dampfer auch Zeuge eines Unglücks. Ein zu unserem Schiffe gehöriger Seemann sprang über Bord und ertrank trotz sofort angestellter Rettungsversuche. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Die Ritual mord hetze in Wien, die ungehemmt und ungeahndet unaufhörlich die bestialischeste Hetze gegen die Juden betreibt, weist darauf hin, daß wiederholt christliche Kinder vor Ostern verschwunden sind. Das hat sich in der Tat in älteren und auch in späteren Zeiten Öfter ereignet. Schade, daß diese Ritualmordpresse zur Beantwortung der Frage, was mit diesen armen Kindern geschehen, nicht auch die Aeußerung einer Persönlichkeit anführt, deren Autorität so hoch steht, daß sie wohl verdient, bei dieser Gelegenheit zitiert zu werden. Da heißt es unter anderem: „Es kommt bisweilen vor, daß Christen ihre Kinder verlieren «nd dann die Juden durch ihre Feinde bezichtigt werden, sie rauben und töten heimlich Christenkinder und opfern mit dem Herzblut derselben und es kommt vor, daß die Väter eben dieser Kinder oder andere Christen, Gegner der Juden, heimlich eben diese Kinder verbergen, um den Juden etwas anzuhaben unü als Preis des Loskaufes von den Quälereien eine gewisse Summe .Geldes von den Juden erpressen zu können und sie dann die völlig falsche Angabe machen, daß die Juden heimlich und verstohlen die Kinder geraubt und getötet haben usw. usw." Diese Aeußerung stammt von dem PapsteOresor.K., sie ist enthalten in einer Bulle dieses großen Papstes, die die Ritualmordbeschuldigung gegen Juden in der schärfsten Weise mißbilligt. Die beiden Wachmänner und auch der Polizeiarzt, über die wir in der vorwöchentlichen Nummer berichteten, die sich mit dem Staatsanwalt Dr. Karaczony in so fesselnder Weise auseinandersetzten, fanden bei der Gerichtsverhandlung die glänzendste Verteidigung, die man ihnen wünschen konnte. Der Anwalt des braven Josef T o t h wies in einer prachtvollen Rede darauf hin, daß dieser eigentlich ganz unschuldig sei, schuld sei nur die Mentalität, die in den Kreisen der Polizei herrsche. Dieser habe sich d.cr junge, unerfahrene Mensch doch unmöglich entziehen können. Das wäre auch zu viel verlangt. Der Verteidiger war in der angenehmen Lage, sogar die von ihm mit eigenen Ohren gehörte Aeußerung eines alten Polizisten zitieren zu können, der laut gesagt hatte: „Wenn Dr. Karaczony in meine Hände gefallen wäre, hätte er hier als Kläger nicht auftreten können, denn ich hätte ihn kalt gestellt." Auch d^r Verteidiger des Polizeiarztes führte entzückend aus, daß sein Klient niemals zu einem strafbaren Mißbrauch seines Amtes gelangt wäre, wenn die ungarischen Staatsanwälte gegen die polizeilichen Mißbräuche immer eingeschritten wären und nicht erst gewartet hätten, bis auch einmal ein Kollege das Opfer geworden. Weiß der Himmel, wieso es kam, daß der Vorsitzende von diesen trefflichen, überzeugenden, ja überwältigenden Reden nicht gerührt wurde. Er hat nicht nur die Angeklagten verurteilt, sondern offenbar gute Lust, auch deren Verteidiger zu — bestrafen. Er wies sie so oft als möglich zurecht, entzog ihnen schließlich das Wort. Sollte er vielleicht gar den Eindruck gewonnen haben, daß diese Verteidiger zugleich auch glänzende — Ankläger waren? Die antisemitische Jugend Berlins hat wieder einmal den Versuch unternommen, die in liberalen Zeitungen oft wiederholte Behauptung, daß sie für Literatur und Kunst kein Interesse hätte, zu widerlegen. Die jungen Herren wollten ad oculos demonstrieren, daß sie nicht nur der heimischen Kunst der Gegenwart Verständnis entgegenbringen, sondern auch die großen aus der Vergangenheit in unsere Zeit herüberleuchtenden Sterne am französischen Kunsthimmel kennen. Sie gingen hin und demolierten das berühmte Denkmal der großen französischen Schauspielerin Rachel, das neben dem Schlößchen auf der Pfaueninsel bei Potsdam stand. Zwei Fliegen mit einem, oder, wie es diesmal richtiger heißen mag: mit mehreren wuchtigen Schlägen. Der nichtswürdige Anstoß traf die Französin und die Jüdin zugleich. Konnten die antisemitischen Jugendbündler schlagender beweisen, daß ihnen nicht unbekannt geblieben, wer in Frankreich noch heute als das größte schauspielerische Genie gilt? Das Denkmal der Rachel war nebenbei bemerkt nicht nur ein entzückendes Kunstwerk, es besaß auch historische Bedeutung. Als im Jahre 1852 Zar Nikolaus Gast des preußischen Königs war, lud Wilhelm IV. die berühmte Tragödin, die gerade damals ein Gastspiel in Berlin absolvierte, ein, vor der Hofgesellschaft eine Probe ihrer unvergleichlichen Kunst zu bieten. Der Zar wurde durch das Spiel der. Künstlerin in eine gehobene, begeisterte Stimmung versetzt. Der preußische König schrieb dieser die Wirkung zu, d;\H der Zar den gewünschten Bündnisvertrag unterzeichnete. Aus Dankbarkeit hatte Wilhelm IV. der Rachel das Denkmal errichten lassen. * ' . * Hans Herz!, der Sohn Theodor H e r z 1 s, hat nicht. nur das unabweisbare Bedürfnis empfunden, innerhalb kurzer Zeit - sich wieder umtaufen . zu lassen, um „Ruhe im Katholizismus" zu finden, er hat es auch für nötigt gefunden, in der Londoner

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