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Die Wahrheit · 1924-11-28 · Heft 48 (28.11.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 48 (28.11.1924)
Date
1924-11-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Ht. 48 mg WAHRHEIT Seite * fünften Mal seinen Sieg vom 9. November feiern wollte, da kam die erhebende Nachricht durch alle deutschen Gaue, daß in München mit dem Internanonaltemus gebrochen sei, daß Hitler und Qeneral Ludendorff, Herr v. Kahr und Qeneral von Lossow im Münchener Bürgerbräukeller das nationale Deutschland ausgerufen hätten. Hoch schlugen die Herzen aller völkischen Männer im Norden des Reiches. Endlich war es so weit, Deutschland würde wieder frei sein. Mit glühenden Augen verfolgte man die Nachrichten, mit klopfendem Herzen erhoffte man den Sieg der völkisch-deutschen Sache. Und dann kam die kalte Dusche. Dann kam die undurchsichtige Nachricht von dem Umfall des Herrn von Kahr, der jetzt gezwungen sein wollte, gezwungen unter roher Waffengewalt von Hitler und seinen Anhängern, Kameraden! Wir sind Frontsoldaten. Wir könen so etwas nicht begreifen. Ein völkischer Mann, ein Mann, der noch einen Funken Ehre im Leibe hat, der läßt sich nicht zwingen, der hat seine eigene Meinung, der geht gerade aus auf sein Ziel ios und nicht auf heuchlerischen Umwegen, und sollte gegen ihn die ganze Welt mit Waffen stehen. Mag Hitler auch mit der Pistole in den Saal gekommen sein. Mag er auch den Herrn von Kahr mit dem Revolver in der Hand gezwungen haben, sich der Sache anzunehmen. Wäre Herr von Kahr ein deutscher, ein wahrhaft völkischer Mann gewesen, dann hätte er offen und frei heraus bekennen müssen* Hört, Leute, höre, Hitler! Ich mache nicht mit euch mit! So und so liegen augenblicklich die Verhältnisse. Schießt mich meinetwegen über den Haufen, aber es geht so beim besten Willen nicht. Wir erreichen nichts, es ist heute noch zu früh! Und niemals hätte Hitler auch nur einen Schuß gegen Herrn von Kahr abgegeben. Hitler hätte den Revolver eingesteckt und hätte seinen Truppen den Rückzug befohlen. Aber Herr von Kahr befürchtete seineu Sturz, ihm bangte vor dem Abschied aus der politischen Laufbahn, wenn die Sache schief ginge, ihm bangte vor sich selbst. Ein Feigling war dieser Mann, auf den Millionen deutscher Männer und Frauen geschworen hatten. Er klebte, wie die Bonzen an der Futterkrippe und dachte nicht daran, seinen Staatskommissariatsposten aufzugeben. Der Mann rechnete mit eine eventuellen Schiefgehen der Gegenrevolution und fürchtete für seinen armseligen Holzkopf, daß mau ihm den vom Leibe trennen könnte. Auf der anderen Seite aber paßte es ihm nicht, daß er nicht der Mann gewesen war, der den Stein ins Rollen gebracht hatte und Haß und Neid gegenüber Hitlers allgemeiner Beliebtheit waren die Triebfeder, diesen Führer des völkischen Deutschtums in das Verderben zu jagen. Nicht taktische und diplomatische Geschicklichkeit war es, sondern eine Gemeinheit, wie sie grenzenloser in der Weltgeschehtc sich nicht wieder findet. Wenn auch der 9. November vorigen Jahres durch das Verhalten des Herrn von Kahr und seiner Anhänger von vornherein zum Mißerfolg verdammt war, so brachte doch dieser Tag eine reinliche Scheidung zwischen den nationalen Vaterländischen und den völkisch Germanischen. Und das ist ein größerer und schönerer Erfolg, als wenn der Futsch im Sinne des Ultramontanismus gelöst worden wäre. Diese Scheidung machte sich nicht nur in Bayern am Herd des völkischen Gedankens bemerkbar, nein sie ging weiter hinauf bis nach Norddeutschland. Und auch hier in Hamburg ist diese Scheidung eingetreten. Gab es doch hier im Holzdamm 8 einen Führer der vaterländischen Verbände, einen gewissen Zentrumsfritzen Vering, der sich nicht scheute, in einer Führerbesprechung die geflügelten Worte zu sprechen: Wenn die Völkischen hier in Hamburg loslegen, dann schießen wir genau so darein wie in der mich zu seiner Frau macht. Ich kann nicht anders. Es ist für mich das unabänderliche Schicks il. Ich liebe ihn glühend und er mich auch. Ich bin tief traurig ob des Leids, das ich dir und Papa damit zufüge. Aber ich kann nicht anders. Ich weiß, du wirst mir verzeihen, liebe, gute Mama, und mein künftiges Glück wird auch euch glücklich machen. Lebt wohl! Eure treue Recha.1' II. Abermals entquoll ein Tränenstrom ihren Augen, sie rang verzweifelt die Hände und ihr Herz zerfloß in Kummer und Leid. So saß sie bis Mitternacht und konnte sich nicht beruhigen. Stumm und finster waren die Gassen. Ein Frühherbst hatte die Natur ihrer Zierde beraubt. Die Bäume, die vor den Fenstern standen, hatten ihr welkes Laub und Blattwerk abzuschütteln begonnen. Vereinzelt blinzelte ein liebliches Sternchen durch die Wolkenschichten und hielt Ausschau nach dem Jammertal, genannt Erde. Die großen Kerzen, die an diesem Abend angezündet wurden, flackerten unheimlich und ächzten ein geheimes, trauriges Lied und der Wind draußen pfiff die Melodie dazu. Ein leises, wehes Klagen ging durch das Weltall. Da läutete die Uhr zwölf. Die schönen, glockenreinen Schläge weckten Josef aus dem Schlaf. Er schlug die Augen auf, schaute umher und vermißte Ewa neben sich. Unruhig sprang er aus dem Bette und eilte ins zweite Zimmer, wo er Ewa am Tische gelehnt sitzend in Tränen aufgelöst fand. Sein Blick fiel auf das vor ihr liegende Schreiben. Mit klopfendem Herzen und sausenden Pulsen durchlas er die Zeiten, nun stand der ganze Jammer vor seinen Augen. Unfähig ein Wort zu sprechen, kehrte er um, ging langsamen Schrittes und mit gesenktem Kopfe ins Schlafzimmer zurück und entfaltete das Schreiben, um es nochmals zu lesen. Seine schlimmsten Erwartungen waren übertroffen. Er sah nichts. Es flunkerte und flimmerte ihm vor den Augen. Der Ohnmacht nahe, legte er sich hin und lag wachen, tränenlosen Auges, aber tief ins Herz getroffen bis zum Morgengrauen, während Ewa die ganze Nacht an der Tischkante saß, bis sie gegen Morgengrauen eine Schwäche anfiel und sie in leichten Schlummer verfiel. Während die Eltern durch diesen furchtbaren Schlag der Verzweiflung anheimfielen, sausten Recha und Iwan im Coupe erster Klasse glückstrahlend und in Wonne gebadet dem Süden zu. (Fortsetzung folgt.)

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