Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-11-28 · Heft 48 (28.11.1924) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 48 (28.11.1924)
Date
1924-11-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064116--13266-3080762
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT Nr 48 Seite 2 Die Programmrede desLndendorff- Bundes. Antisemitische Selbstzerüeiscfauag. Wir bringen nachstehend die am 9. November d. J. in der Hamburger Ortsgruppe des „Ludendorff- Bundes" gehaltenen Rede zum Abdruck, deren Stenogramm durch einen glücklichen Zufall unserem Hamburger Mitarbeiter in die Hand gespielt worden ist. Diese Rede, die scheinbar nach einer gemeinsamen Richtlinie an allen Orten Deutschlands, natürlich hinter verschlossenen Türen und unter Anpassung an die jeweiligen lokalen Verhältnisse gehalten wurde, ist für uns von besonderem Interesse. Einmal, weil sie die totale Konfusion im nationalbolschewistischen Lager zeigt, und ein anderes Mal läßt die Rede den pogromistishcen Zündstoff erkennen, der in den deutschvölkischen Wirrköpfen lagert. Rein historisch betrachtet, tragen die in dieser Programmrede des „Ludendorff-Bundes" enthaltenen inneren Kompetenzkämpfe der Antisemiten die Keime der weiteren völkischen Spaltungsprozesse in sich. „Kameraden! Vor einem Jahre geschah das Unglaubliche. Vor einem Jahre schössen in München national sein wollende Männer blindlings auf nationale, auf völkische Männer. Vor einem Jahre wurde in München zu den unzähligen Schandflecken in der deutschen Geschichte der größte und schmutzigste Schandfleck hinzugefügt. Am 9. November 1923 wurden vor der Feldherrnhaile die mit echt vaterländischen Gefühlen und wahrem völkischen Empfinden erfüllte Truppe unserer völkischen Kameraden unter ihren Führern Hitler und Ludendorff hinterrücks von deutschen Soldaten und Polizeibeamten mit einem Feuerüberfali bedacht. 18 tote und verletzte Kameraden blieben auf dem ilpjj Feuilleton Der Triumph der Sinne. Nach einer wahren Begebenheit. Von Bernh. H o r o w i t z. I. Als Josef K., der reiche Lederhändler, am Vorabend des Versöhnungstages 'gegen 10 Uhr nach Hause kam, legte er seine zeremonielle Tracht ab und fragte seine Frau Ewa, wo denn Recha zu so vorgerückter Stunde und ah diesem heiligen Abend sei. „Ich weiß nicht," anwortete verlegen die Frau. „Sie dürfte mit Dora spazieren gehen." „Aber du mußt ihr doch einmal ganz energisch verbieten, solche nächtliche Ausflüge zu machen. Weißt du denn nicht, daß sich das für ein anständiges jüdisches Mädchen nicht schickt? Warum bist du so nachgiebig gegen Recha, wo du doch weißt, daß mir die Haare zu Berge stehen, wenn ich daran denke, daß meine Recha, unsere Recha unter verderblichen Einfluß geraten, ja wenn sie nur in üblen Ruf kommen könnte. Hast du denn nicht bei deinen seligen Eltern eine streng häusliche, gute, alt- Odeonplatz liegen. 18 deutsche Männer wurden von den eigenen Brüdern niedergemetzelt. Man wollte die Mär von dieser Mordtat, denn etwas anderes ist es nicht, außerhalb Münchens nicht glauben. Man konnte sie nicht glauben und doch war sie Tatsache. Und was war der Grund, daß diese blühenden Menschenleben ausgelöscht wurd-en? Der Grund war Eifersucht und Neid, war Herrschsucht und Ueberheblichkeit einiger führender Politiker, die unfähig waren, die Staatsgeschäfte in Bayern, respektive in Deutschland zu führen. Der Herr von Kahr, dieser Knecht des Ultramontanismus, der lange Zeit hindurch nichts als Hoch- und Landesverrat geübt hat, dieser Mann, der di-e Führer der völkischen Bewegung Hitler, Ludendorff, Kriebel, Dr. Weber und die anderen alle in niederträchtigster Weise an der Nase herumführte und einiulite und sie zu ihrem Vorstoß am 9. November geradezu herausforderte, wollte die unbeschränkte Macht an sich reißen, wollte dem Ultramontanismus, das ist der römischkatholischen, internationalen Jesuitenpolitik zum Siege verhelfen. Unter dem Deckmantel Kampf gegen Marxismus und Kommunismus gewann er für seine dunklen Pläne die völkische Bewegung, die ihm vertraute und ihm glaubte. Wohl wußte er, daß diese völkische Bewegung außer gegen Marxismus, Kommunismus und Internationalismus auch gegen den Ultramontanismus kämpfte. Unter dem Deckmantel, selber völkisch eingestellt zu sein, unterstützte er größtenteils die völkische Bewegung, anstatt sie mit offenem Visier zu bekämpfen. Er wollte die völkische Bewegung mißbrauchen, damit sie ihm zur Herrschaft verhelfen solle. Und als der Tag gekommen war, an dem sich zum fünften Male der dunkle Punkt in der deutschen Geschichte jährte, als der Internationalismus zum jüdische Erziehung genossen? Warum so indolent, so schwach gegenüber einem Brauseköpfchen, das noch nichts vom Leben weiß und dem Schein für Echtheit, Talmi für Gold und jede Gefühlsregung für wahre, echte Begeisterung gilt? Du, nur du bist an allem schuld!" Ewa stand mit dem Rücken gegen Josef und dem Gesicht zum Fenster gewendet und Tränen entquollen ihren großen, schönen, schwarzen Augen. Josef hatte sich durch diese Strafrede sein Gemüt ein wenig erleichtert. Er legte seine Hand um die Schulter seiner Frau und wurde sanft und weich. „Heute ist ja Versöhnungstag,11 sagte er, „lassen wir den Zank. Hoffentlich kommt Recha bald wohlgemut nach Hause.44 So stand er eine Weile und besänftigte seine Frau mit guten, lieben Worten, erzählte ihr allerhand Geschichten, um sie von der Kränkung abzulenken, die er ihr zugefügt hatte. Es verging eine Stunde, es läutete bereits 11 Uhr, Josef ging zu Bett. Ewa zog sich unter verschiedenen Vorwänden in das zweite Zimmer zurück. Als sie bald das ruhige Schnarchen ihres-Ge» mahls vernahm, zog sie aus ihrer Tasche das Briefchen, das sie bei ihrer Ankunft am Tische vorgefunden hatte, hervor, und las es nochmals. Es lautete: „Liebe, teure Mama! Ich verreise heute mit Iwan,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.