Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 48 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064116--13265-3080761- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
0€iil$clB0sl€rrelchlscHe Wochenschrift fOr indische Interessen HW dem Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union deufschösterreichischer Juden* Redaktion und Administration: Wien II., W«iTO«*tfr»0« 13. - Femruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 28. November 1924 Nummer 48 Die Bombenwerfer als Ankläger. Der Prozeß, in welchem die Bombenwerfer von Budapest auf der Anklagebank saßen, hat während der mehrtägigen Verhandlung wieder den Beweis erbracht, daß es keinen zweiten Staat in Europa gibt, der eine solche Sicherheit — den Mördern garantiert, wie es der ungarische Staat seit Jahr und Tag tut. In dem Szolnoker Prozeß konnte man die kleinen Provinzgrößen aus dem Lager der „Erwachenden" beobachten, wie sie nach ihrer mörderischen Tätigkeit in Csongrad, der drei Menschen zum Opfer gefallen waren, auch im Oerichtssaal einen Bombenerfolg davontrugen. Und zwar mit ganz einfachen Mitteln. Sie kehrten die Rollen einfach um: aus Angeklagten, die nach vollbrachten Verbrechen im ersten Moment unter der Wucht der Beweise Geständnisse abgelegt hatten, wurden sie im Gerichtssaal Ankläger. Sie beschuldigten die Polizeiorgane, sie hätten die Geständnisse durch Peinigungen erpreßt, sie beschimpften den Polizeiarzt, der unter Eid aussagte, keinerlei Spuren solcher Mißhandlungen bemerkt zu haben; sie terrorisierten unter der Beihilfe ihrer den Saal füllenden Parteigenossen den Präsidenten, den Staatsanwalt, die Zeugen und zogen triumphierend, freigesprochen aus dem Saal. Ein Fackelzug ehrte schließlich die Märtyrer, die man wegen ein paar ermordeter Juden in den Gerichtssaal bemüht hatte. Nach demselben Rezept, nur mit kleinen, durch die Verhältnisse gebotenen Aenderungen versuchten die Budapester Bombenwerfer ihre Rolle im Gerichtssaaie zu spielen. Auch Marffy und Genossen wollen nur die Opfer der Polizisten sein, die durch die Folter Geständnisse von ihnen erpreßten; auch sie erklärten den von dem beeideten Polizeiarzte bestätigten Befund für eine Fälschung; auch sie versuchten es, den Präsidenten, der ohnehin voll Milde gegen sie war, völlig einzuschüchtern; auch ihre Parteigenossen außerhalb des Gerichtssaales waren eifrig an der Arbeit, die Belastungszeugen an die Vergänglichkeit des Lebens zu erinnern. Alles, alles leugneten sie und es wäre gar nicht überraschend gewesen, wenn sie im Gerichtssaal mit dem Knalleffekt debütiert hätten, die Juden seien es gewesen, die das Bombenattentat arrangierten, um das Verbrechen den unschuldigen „Erwachenden" in die Schuhe schieben zu können. Wie sehr die Taktik des frechen Ableugnens in Ungarn zur Geltung gelangt ist, konnte man übrigens nicht bloß aus dem Verhalten der Angeklagten ersehen. Der Onkel eines der Angeklagten, ein katholischer Pfarrer, hatte in einem früheren Stadium der Angelegenheit einmal zu Protokoll gegeben, daß sein Neffe ihn wiederholt bestohlen habe, und die Mutter dieses Angeklagten sagte damals gleichfalls aus, ihr Sohn habe mit der Waffe in der Hand von ihr Geld gefordert. Vor Gericht waren der priesterliche Onkel und die Mutter gar nicht abgeneigt, selbst unter Eid ihre Aussagen zu revozieren. Der Präsident ersparte ihnen jedoch diesen Eid. Unwillkürlich muß sich jedem die Frage aufdrängen, wo nehmen Menschen, denen in jedem Rechtsstaate für Verbrechen, wie sie die Csongrader und Budapester Bornbenwerfer begangen, der Galgen sicher wäre, den Mut zu dem provozierenden sicheren Auftreten im Gerichtssaale her? Die Antwort ist bald gegeben. Die „Erwachenden" in Ungarn haben seit Jahren erfahren, daß bei zahlreichen, an Juden begangenen Verbrechen, die Täter, auch wenn man mit Fingern auf sie wies, angeblich entweder nicht eruiert werden konnten oder rechtzeitig mit Pässen versehen ins Ausland flüchten durften, oder wenn alle Stricke rissen, daß sie bald nach der Verurteilung amnestiert wurden. Die Marffy und Genossen dürften daher glauben, daß es in Ungarn unter Umständen viel gefährlicher ist, als Jude zu leben, wie als „Erwachender" zu morden. Den Toten kann keiner, und stünde er noch so hoch, mehr erwecken, der Mörder amnestiert werden. Daß Marffy dies genau weiß, das bewiesen seine immer wieder erneuten Versuche, duich Fragen an die Zeugen sich bestätigen zu lassen, daß er mit den mächtigsten, leitenden Persönlichkeiten des Staates freundliche Beziehungen unterhalten habe, daß diese ihn ihres Vertrauens gewürdigt hatten. Der Präsident unterließ es zwar niemals, den Zeugen zu verbieten, diese Fragen zu bestätigen, aber die Frage allein genügte. Marffy und Genossen waren, und das ist eigentlich das wichtigste Ergebnis des Prozesses, nicht nur Ankläger der Polizei. Ihre Verteidigung wurde zur furchtbaren Anklage gegen weit höher gestellte, mächtige Männer im Staate. Und hinter Marffy und Genossen standen auch als blutüberströmte Ankläger die acht Männer, die das Opfer der Elisabethstädter Bombenattentates waren. Noch aus dem Grabe hören wir ihre Stimme: „Warum habt ihr so lange das Morden geduldet?" Wenn Marffy und Genossen in ihrem Sinn diese Anklagen erhoben, dann, das muß zugegeben werden, waren sie im Recht. Ego.