Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-11-18 · Heft 46-47 (18.11.1924) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 46-47 (18.11.1924)
Date
1924-11-18
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064115--13255-3080750
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 16 DIE WAIfittiEIT Nr; 46/47 spinnen wollen. Die Völkischen und Kommunisten haben beide begriffen, daß in die Zukunft nur ein radikaler Weg mit radikalem Endziel führen kann. Beiden liegt gleichermaßen daran, zu dieser kämpf liehen Klärung zu gelangen, und deshalb ist ihr Interesse ein gemeinsames, die jetzigen Zustände der Halbheit und der Ueberständigkeit zu zerschlagen." Der Endkampf werde zwischen beiden Auffassungen später ausgekämpft werden, meint Reventlow. Dazwischen aber liegt das bekannte Stück Weg, das Völkische und Kommunisten zusammengehen können. Graf Reventlow hat ganz deutlich ein gemeinsames revolutionäres Arbeitsprogramm für die völkischkommunistische Union entwickelt. Wir zweifeln nicht daran, daß auch der Weg der praktischen Zusammenarbeit sehr bald beschritten werden wird; Anzeichen dafür sind vorhanden. Posromstimmung in Hamburg. Aus Hamburg wird uns geschrieben: Am Abend des 30. September gegen 10 Uhr wurde an der Ecke Hansastraße und Klosterallee eine jüdische Dame, die sich in Begleitung von zwei Herren befand, von vier Hakenkreuzlern überfallen. Als die Herren und die Dame sich zur Wehr setzten und um Hilfe riefen, suchten die Täter das Weite. Der Haupttäter ist inzwischen indentifiziert worden. Der Vorfall spielte sich folgendermaßen ab: Unter der zahlreichen Zuhörerschaft der Versammlung der Internationalen Frauenliga in der Universität, in der Anita Augspurg über Pan-Europa sprach, bemerkte man eine Anzahl junger Leute, die teils an ihren Hitlerjacken, teils an ihrem „intelligenten" Gesichtsausdruck als Angehörige völkischer Organisation erkannt wurden. Während des Vortrages wagten die Burschen nicht, etwas zu unternehmen. Nach Schluß der Veranstaltung sammelten sie sich vor der Universität und begannen die Verfolgung der ihnen aus der republikanischen Bewegung bekannten Herren S. Auerbach und Walther Funder, denen es aber gelang, die Ludendorffjünglinge abzuwehren. Alsdann zerstreuten sich die „Helden". Ein anderer jüdischer Herr.^Dr. Rom, befand sich mit seiner Braut und seinem Schwager auf dem Nachhausewege. Plötzlich wurde seine Braut von zwei Hitlerjünglingen und einem Zivilisten an der Ecke Klosterallee und Hansastraße tätlich angegriffen. Dr. Rom .wehrte die Burschen mit seinem Spazierstock ab, worauf diese es vorzogen, das Weite zu suchen. Nach einigen Minuten wurde Dr. Rom bei Ueberkreuzung der Straße von denselben Landsknechten angefallen — natürlich hinterrücks. Dieselmal waren es vier Burschen, die mit Gummiknüppeln aui Dr. Rom und seinen Schwager einschlugen. Der Schwager wurde blutig geschlagen. Nach einem Handgemenge von fünf Minuten eilten auf die Rufe der Dame Passanten herbei, worauf die Angreifer die Flucht ergriffen. Als Haupttäter ist von Passanten der völkische Buchhändler Lehmann, Kattrepel, erkannt worden. Dieser ehrenwerte Herr pflegt republikanische Veranstaltungen regelmäßig zu stören. So hat er bei der Rathenaufeier der Republikanischen Partei, in der Stephan Großmann sprach, antisemitischen Radau veranstaltet, so daß die Polizei gegen ihn und seine Spießgesellen einzuschreiten gezwungen war. Die Polizei hat den Vorfall zu Protokoll genommen unter Beisein von verschiedenen Zeugen. Der im nächsten Monat ebenfalls in Hamburg stattfindende Prozeß gegen die Hakenkreuzler dürfte außerordentlich interessant werden, denn als sich die PogromAntisemiten zum erstenmal entfernten, riefen sie demonstrativ: „Wir kommen eines Nachts wieder und stecken mit Dr. Jacobson das ganze Judenviertel in Brand." Da nun der Rechtsanwalt Dr. Alfred Jacobson der Hauptführer der Hamburger Antisemiten ist, dessen Einfluß über ganz Norddeutschland reicht, nehmen wir an, daß dieser Prozeß mehr als einen Zwischenfall bringen wird. Frankreich ohne antisemitische Zeitung. Das Ereignis der vorigen Woche in Paris war der totale Zusammenbruch des einzigen antisemitischen Hetzblattes in Frankreich, der „Libre Parole". Dreißig Jahre fristete dieses Blatt ein allerdings recht erbärmliches Dasein in Paris, und wenn es anfangs auch einen Leserkreis erwarb, schwanden doch von Jahr zu Jahr die Leser, und nun, da das Blatt einging, schreiben die Zeitungen, daß es zum Schluß gar keine Abonnenten mehr hatte. Drumont, der Gründer dieser Zeitung, hatte seinerzeit mit seinem Buch: „La France Juive" Aufsehen hervorgerufen. In diesem Machwerk wurden zahlreiche Persönlichkeiten der Pariser Gesellschaft beschimpft; — und dergleichen lockt immer Leser, allerdings bloß moralisch tiefstehende an. Charakteristisch oder eigentlich selbstverständlich war, daß Drumont seinen Wohltäter Percire, einem berühmten jüdischen Bankier, in nichtswürdiger Weise angriff, und zwar aus dem Grunde, weil dieser ihn nicht zum Chefredakteur der liberal-radikalen Zeitung „La Liberte" machen wollte. Wie die meisten Antisemiten und Reaktionäre, verließ auch Drumont das Lager des Freisinns, weil er glaubte, durch seinen Gesinnungswechsel ein besseres Geschäft zu machen. Seine Intrigen konnten dem Antisemitismus in Frankreich keinerlei Bedeutung im politischen Leben verschaffen, denn alle Politiker wandten sich mit Ekel von diesem Treiben ab. Völkische Phantasien. Der „Bund völkischer Lehrer Deutschlands" hat eine Anzahl allgemeiner Grundsätze aufgestellt, deren neunter lautet: „Wir bekämpfen keine Glaubensgemeinschaften, legen uns auf keinen kofessionellen Standpunkt fest; wir verlangen aber von unseren Mitgliedern, daß sie für die E n t j u d u n g der christlichen Kirche eintreten!" Die Hakenkreuzler-Schnorre bei Juden. Von verschiedenen Seiten wird uns mitgeteilt, daß Delegierte eines studentischen Asylvereines in der letzten Zeit jüdische Philanthropen besuchen und sie um Unterstützung des humanitären Wirkens dieses Asyls anbetteln. Wir machen darauf aufmerksam, daß es sich hierbei um eine hakenkreuzlerische Institution in Meidling handelt, die geschickterweise zwei oder drei Paradejuden in ihr Heim aufgenommen hat und diese zu den Bittgängen bei bemittelten jüdischen Persönlichkeiten verwendet. Dieser Asylverein, der sich den klingenden Namen „Hochschülerheim" beigelegt hat, ist nicht zu verwechseln mit dem Wohlfahrtsverein „Studentenheim" in der Porzellangasse. Hans Herzl jetzt umgetauft. Der Londoner Korrespondent der katholischen Tageszeitung „De Maßbode" — der getaufte Jude J. H. Boas — berichtet seinem Blatte, daß Hans Herzl am Sonntag, den 19. Oktober, nachmittags, in der Kirche des Londoner „Liebfrauen-Klosters" durch Father Day S. J. in die katholische Kirche aufgenommen worden ist. Hans Herzl, der im Juli d. J. in Wien evangelisch getauft wurde, klagte vor Father Day, daß ihn der evangelische Glaube nicht befriedige; er hoffe, Ruhe im Katholizismus zu finden. Die Seelenfänger in Hamburg. Ein Jude, der nach Hamburg fuhr, um dort Arbeit zu suchen, berichtet über seine Erlebnisse mit der Hamburger Judenmission. Er schreibt: Nur wenigen dürfte es bekannt sein, daß es in Hamburg, Danzig und, wie mir hier erzählt wurde, auch in Damaskus sogenannte Judenmissionshäuser gibt, die sich scheinbar die Aufgabe stellen, jüdische junge Leute, die in Not sind, mit Arbeit, Wohnung und Verköstigung zu versehen. In Wahrheit jedoch sind es, wie ich und noch drei junge Juden glücklicherweise noch rechtzeitig dahinterkamen, ganz gewöhnliche Seelenfallen. Wir vier fuhren nach Hamburg, um dort, wie uns in Aussicht gestellt wurde, Arbeit zu finden. Auf der Straße wurden wir vom Stadtkommissär Sachs, einem getauften Juden, angesprochen und über unsere Absichten in Hamburg ausgefragt. Als er unserem Gespräch entnahm, daß wir Juden sind, wies er uns in das Haus Eimsbüttlerstraße Nr. 31, wo wir mit allem versorgt und gut aufgehoben sein würden. Erst später sahen wir, daß wir uns in einem Haus befinden, das ausschließlich dazu dient, die bedrängte Lage der jüdischen Jünglinge auszunützen, um sie zur Verleugnung ihrer Religion zu bestimmen. Jeder, der in das Missionshaus eintritt, erhält Wohnung, Verpflegung und wöchentlich zwei Mark Taschengeld. Dafür muß er für eine Fabrik oder ein Geschäft eine ihm zugewiesene Arbeit verrichten. Auch sonst werden ihm verschiedene Begünstigungen zuteil. Zeigt sich einer zur Abtrünnigkeit geneigt, so wird er besonders bevorzugt und es wird ihm versichert, daß es ihm materiell sehr gut gehen werde. Nach mehrwöchiger Arbeit, die einer Ausbeutung gleichkommt, wird der junge Mann vor die Alternative gestellt, entweder die Taufe zu nehmen oder mit Schande und Spott und nach Wegnahme aller seiner Habseligkeiten auf die Straße gesetzt zu werden. Wer nicht bald die Neigung zeigt, den Glauben seiner Väter abzuschwören, bekommt sehr bald die Rücksichtslosigkeit der Hausleitung zu spüren. Selbst die reine Wäsche wird ihm trotz kniefälligen Bittens verweigert, die Hausverwalterin, die sich „Oberschwester" nennt, bleibt unerbittlich. Wer jedoch durch sein Verhalten verrät, daß die Bekehrungsarbeit bei ihm nicht erfolglos bleiben würde, genießt alle möglichen Bevorzugungen. Die Hausordnung verbietet den „Schützlingen", mit Juden außerhalb der Mission,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.