Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 46-47 (18.11.1924)
- Date
- 1924-11-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Sr, 46/47 Die Wahrheit Sehe 15 Wahrheiten vom Tagejj Regierungskrise und Eisenbahnerstreik. Man greift sich •an den Kopf und-hält es für unglaublich. In Oesterreich soll eine Regierung, dabei: diese Regierung, die so viele Streiks, noch 'dazu mehr ins Gewicht fallende, überdauert hat, über einen Streik gestolpert sein und deshalb ihre Demission gegeben haben. Gerade die bisherigen Erfahrungen mit der Art, wie die Regierung Seipel Streikforderungen beantwortete und wiederholt zu ihren Gunsten und zum Wohle des von ihr geleiteten Staates unterdrückt. hat, geben zu denken. Und die aus diesen Erwägungen folgenden Schlüsse belehren uns, daß nicht der Streik allein der Grund der Regierungsdemission gewesen sein dürfte, sondern daß vielmehr die Gründe ganz wo anders zu suchen sind. Es ist sehr naheliegend als der Uebel größtes die leidige Koalition zu bezeichnen, von der Oesterreich zu seinem Schaden und zur Freude seiner Minorität regiert wird. Und daß .in einefn Kabinett, in dem die Großdeutschen beinahe nur gnadenhalber aufgenommen sind, diese Neun- Männer-Partei, wie es sich in letzter Zeit gezeigt hat, das große Wort führt und ihr mißliebige verdienstvolle Männer durch eine ihr wahlverwandte Gewerkschaft zu Fall bringt, das ist wohl das Absurdeste vom Absurden und gerade noch in Oesterreich möglich. Deshalb hat auch die „Deutschösterreichische Tageszeitung" vollkommen recht, wenn sie triumphierend in den Ruf ausbricht: „Der erste Streik unter völkischer Führung!" Sie hat recht, haben es aber auch die anderen, insbesondere die Sozialdemokraten, wenn sie sich von ihren Gegnern ins Schlepptau nehmen lassen und sogar der vielgerühmte Republikanische Schutzbund für restlose Durchführung des Streiks aus eigenem zum Schaden von Handel und Wandel Sorge trägt? Hat weiterhin auch die Regierung das Recht, wie man so gut österreichisch sagt, den Krempel hinzuhauen, nur weil die Brut, die man mit gezüchtet, anders ausgefallen, als man es erwartet? . Polizeipräsident Dr. Hans Schober. Wenn ein jüdisches Blatt sich den zahllosen Gratulanten, die sich zum 50. Geburtstage unseres Polizeipräsidenten einstellen werden, anschließt, so geschieht dies aus dem ehrlichen Bewußtsein, das gerade wir österreichischen Juden, denen man immer wieder den Vorwurf, ein destruktives Element zu sein, macht, allerhand Ursache haben, diesen wahren Hüter der Ordnung als treue Staatsbürger, denen Ordnung und Zucht in diesem Staate alles ist, zu begrüßen. Wir feiern in ihm vor allem den Mann, der es vermochte, nach dem Zusammenbruche, als zügellose. Elemente in Stadt und Land zurückströmten, hier in den kritischesten Momenten Ordnung zu halten, denn er verstand, wie keiner, die .Volkspsyche Oesterreichs und wußte deshalb, was selbst in dieser furchtbaren Zeit zu tun war. Ebenso wußte er es, als er, der es wahrlich verdiente, zum Bundeskanzler berufen wurde und in dieser Eigenschaft, so wie er früher den Ansturm von Links wehrte, jetzt dem von Rechts energisch entgegentrat. Denn Dr. Hans Schober ist Apolitiker im guten Sinne des Wortes, und nachdem Lenker eines kleinen Staates, wie Oesterreich es ist, dies vor allem sein sollen, so war Dr. Hans Schober, wohin immer er berufen wurde, der richtige Mann am richtigen Platz. Und dies möge er bleiben ad multos annos. Nur ein Judenbub. Ueber den Selbstmord des Oktavaners Schwärz, der wegen eines dummen Jungenstreiches vom akademischen Gymnasium relegiert worden war, hat sich in der gesamten Wiener Presse eine gewaltige Diskussion entsponnen. Die antisemitische Presse wollte ursprünglich nicht mittun und die „Deutschösterreichische Tageszeitung" hat unumwunden ihren Unmut darüber ausgedrückt, daß wegen eines Juden so viel Aufhebens gemacht wird. Die freimütige Aeußerung scheint, uns den Kern der ganzen Angelegenheit klarer bloßzulegen, als der ganze Firlefanz sittlicher Betrachtungen, die auf allen Seiten von der leidlichen Affäre ausgelöst wurden. Der deufschnätionale Standpunkt gibt auch die einzig wirklich stichhältige Erklärung für die Psychologie eines Professorenkollegiums, das den Ausschluß eines begabten Schülers so leicht nahm, daß es sich bei seiner Durchführung nicht einmal umdie formalen Vorschriften kümmerte, die für diese höchste Strafe vorgeschrieben sind. Man weiß ja, wie-verseucht alle arischen Akädemikergehirne, also auch "die von Gymnasialprofessoren, von der die Aula am Franzensring beherrschenden Rassenlehren deutschvölkischer Prägung sind. Zumindest im Unterbewußtsein handelten die Herren unter der Suggestion: „Es ist ja nur ein J u d e n b u b." Verhungern wird er wegen seiner Relegation nicht. Die Juden haben ja alle Geld (bekanntlich ein Axiom hakenkreuzlerischer Anschauung), also wozu viele Umstände, hinaus mit ihm!" Wahrscheinlich hat sich mancher der Professoren, die sonst gar nicht so grausam sein mögen, geradezu die völkische Pflicht suggeriert, dem gesetzlich nicht durchführbaren Numerus clausus bei einer solchen Gelegenheit wenigstens praktisch Vorschub leisten zu müssen. „Kommt halt ein Jud weniger auf die Hochschule, Heil!" Die materiell günstige Lage des Jungen, die in diesem Falle wirklich vorlag, mag das letzte Bedenken beseitigt haben. Mit anderen Faktoren glaubten die Herren nicht rechnen zu müssen. In Betracht gekommen wäre ja höchstens noch das verletzte Ehrgefühl des Relegierten. Aber gerade in diesem Punkt wirkte die Gewißheit: „Es ist ja ein Judenbub!" höchst beruhigend. Hat denn ein Jude Ehrgefühl? Der Hakenkreuzler-Katechismus leugnet dies, wie hätten also Wiener Gymnasialprofessoren auch nur einen Moment an so etwas denken können? Sie haben es ja auch in einer früheren Affäre Schwarz nicht getan. Damals hat der unglückliche Junge einen Turnlehrer gestellt, weil dieser mit dem Hakenkreuz geschmückt in die Schule kam. Wirklich von. humanistischem Geiste — Römergeist! -- erfülltte Pädagogen hätten dieses Vorgehen als Symptom lobenswerter Charakterstärke gewertet. Die Professoren des akademischen Gymnasiums legten es dem Schwarz als Zeichen undisziplinierbarer Frechheit aus und sperrten ihn in den Karzer. Bei der Erörterung des letzten Falles wirkte diese Vorstrafe erschwerend. Ein so merkwürdiges Verkennen jener Tugenden, die durch die Lektüre der antiken Geschichtsschreiber ja erzielt werden sollen — oder liest man den Livius, den Cicero nur, um die Konstruktion des Accusativus cum infinitivo zu kapieren? — ließen den ganzen Wert der humanistischen Erziehung fragwürdig erscheinen, müßte man den Professoren nicht eben den Miiderungsgrund ihrer Auffassung zubilligen: „Es war ja nur ein Judenbub!" Die Handlungen eines Judenbuben wecken in arischen Professorengehirnen keine Ideenassoziationen mit den Handlungen eines G. Mucius Scaevola. Daran sind nicht so sehr besagte Gehirne schuld als vielmehr der Einfluß, unter dem diese Gehirne urteilen lernen: Der Einfluß der Rassenverhetzung. Die Tragödie des Thomas Schwarz ist nur ein besonders repräsentativer Fall der Tragödie unserei Jugend. Dr. Hugo Spie gier. Neuwahlen in Deutschland. Der deutsche Reichstag ist aufgelöst, Deutsehland steht am 7. Dezember wieder vor Neuwahlen. Die Frage, wie diese ausgehen werden, beschäftigt alle, denen Deutschlands Zukunft am Herzen liegt. Man soll nicht den Prophet spielen, aber wenn nicht alle Anzeichen trügen, ist mit einem Erstarken der Mitte zu rechnen. Und das wird gut sein, denn es bedeutet immerhin eine Rückkehr zur Vernunfund Abkehr von der durch die Extreme links und rechts — besonders aber rechts — beeinflußten Politik. Einen der sichersten Stützpunkte für unsere Ansicht bedeutet die Art, wie sich eben diese Extrempolitiker in letzter Zeit benehmen, namentlich gemeinsam aus Angst vor dem gleichen Los gerieren. Zwischen Völkischen und Kommunisten besteht schon seit einiger Zeit Waffenstillstand, wenn nicht eine stille, freundnachbarliche Fühlungnahme. Die Herren haben sich, soweit sie sich nicht schon früher kannten, in den Reichstagssitzungen kennen und schätzen gelernt. Ihre politischparlamentarische Zusammenarbeit ist in Reden und Abstimmungen oft genug in Erscheinung getreten. Vor versammeltem Reichstag hat der Abgeordnete Wu-lle seinen kommunistischen Freunden eine Ehrenerklärung abgegeben. In seiner Rede vom 28. August sagte er: „In dem Kommunisten sehen wir immerhin einen ehrlichen Gegner, der in der Politik konsequent ist, der der Wahrheit die Ehre gibt. Vor einem ehrlichen Gegner haben wir auch Achtung." Noch deutlicher ist Graf Reventlow, dessen frühere freundschaftlichen Debatten mit Radek, nach dessen berühmter Schlageter-Rede, ja noch in der Erinerung sind. Der Graf, der schon lange die Rolle eines Vermittlers, eines völkischen Botschafters bei den Moskauern spielt, schreibt in seinem „Reichswart" folgendes Bekenntnis über die zwischen Völkischen und Kommunisten bestehende Aehnlichkeit: „Beide wollen eine völlige Umwälzung der bestehenden Verhältnisse, sozial, wirtschaftlich und politisch. Beide wollen eine Umwälzung bei bestimmten Zielen. Dadurch unterscheiden sie sich von allen anderen Parteien, die nur alte Fäden foFt-