Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 46-47 (18.11.1924)
- Date
- 1924-11-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064115--13250-3080745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 46/47 DIE WAHRHEIT Seite H übrig als -dafe Flucht m die OeffentBchkeit Oberbaurat St. hat uns mit seinem Auftreten vor den Wählermiassen den Wieg gewiesen. Wir können ihm diafür dankbar sein. Wir betonen nochmals ausdrücklich und legen besonderen Wert darauf, zu versichern, daß wir nie aus träfen Stücken mit unseren Beschwerden vor die Oeffentlichkeit getreten wären. Wir halten es für einen Chiliul Haschern, wenn man, besonders in einer mit Judenhaß gesättigten Atmosphäre, in allgemein zugänglichem Massenversammlungen, in öffentlichen Lokalen vor Kellnern die Kuflitusfunktionäre als „Trinkgeldnehmier" stilgarnatüisJenfi. Die Möglichkeit, Herrn Oberbaurat St. im düese Lokale zu folgen und uns dort mit ihm auseinanderzusetzen, war aber für uns nicht gegeben. Wir wandten uns deshalb rechtzeitig um Schutz an den Kultusvorstand und hofften, daß auf seine Veranlassung von autoritativer Seilte in einer Wahlversammlung eine Zurückweisung jener Ausfälle oder sonst eine Erklärung zu unserer Ehrenrettung erfolgen werde. Da dies, offenbar infolge der Wahlen. büs beute nicht geschehen ist und man, mit Schmutz beworfen, sich sogleich zu reinigen und nicht zu warten pflegt, bis er von selber abfällt, waren wir. gezwungen, uns selbst unserer Haut zu wehren. Hätten wir jenen Schimpf rulhig auf uns sitzen lassen, so wäre für alle Zukunft unsere soziale Stellung und unser Ansehen in der Gemeinde erschüttert, Schweiigen wäre unser Ruin gewesen, Gegen den Kultusvorstand täte Körperschaft darum einen Vorwurf z>m 'erbeben, liegt uns fem. Aus der Haltung des Herrn Oberbauirat St. ersehen wir, auf welche Widerstände in seiner 'eigenen Mitte der Vorstand bei einem Versuche in unserem Sinne gestoßen wäre. Wir wissen, daß dem Vorstände auch Freunde der Kiültusfunktionäre angehören, die für unsere Lage und unsere Wünsche wohlwollendes Verständnis besitzen. Durch diese Darstellung des Sachverhaltes glauben wir 'ihnen einen Dienst zu erweisen und sie zu ermutigen, in dlem neuen Vorstande auf eine Regelung der berührten unhaltbaren Zustände zu dringen. Bei einigem guten Wüllen läßt sich ein Weg finden, der ebenso den Intentionen des Vorstandes, wie unseren gerechten Forderungen entspricht. Wie in anderen Gemeinden, dessen sind wir sicher, ist auch in Wien der Kultusvorstand sich der entscheidenden Bedeutung bewußt, die man' dem Wirken der Kultusfunktionäre für das Gedeihen der Gemeinde beimessen darf. Wir selbst wünschen die Ablösung der Emolumente. Aber nicht weil sie „Trinkgelder", weil sie unehrenhaft sind. Nein! Vielmehr ausschließlich deshalb, weil sie labil sind, weil sie uns nicht in 'die Pension einberechnet werden, weil wir nicht krank werden dürfen, ohne zu verhungern oder Gnadengaben zu erbitten, für ddie wir „Danke" sagen müssen. Wer nicht jede Spur gerechten Sinnes und menschlichen Empfindens verloren hat, muß. doch unsere Empörung verstehen und sich zu eigen machen. Wenn einer von uns erkrankt, wenn er wochen- und monatelang an der Ausübung von Funktionen verhindert ist, verliert er die Nebeneinnahmen. Sind dfie Zeiten, wite gegenwärtig, wirtschaftlich ungünstig, so spart man vor allem am Kultusfunktionär, wo es irgend angeht Nimmt man seine Dienste in Anspruch, so bezahlt mm ihn nicht, da man es doch nicht nötig hat, der Kultusvorstand selbst davon dispensiert. So wird von Nebeneinnahmen, die man gar nicht hat, ein Aufsehen gemacht! Eraölumenite, die besten Falles doch schwankend, von den verschiedensten Umständen abhängig sfed. werden nicht nur vom Publikum, sondern von den maßgebenden Stellen ins Grenzenlose überschätzt! Und das Schlimmste: von dieser Arbeit, aus der wir mehr Spott und üble Nachrede als Nutzen ernten, haben wir nichts im Alter, haben nichts unsere Hinterbliebenen! Im Gegensatz, zu den Verwaltungsbeamten, deren Gehalt weil sie keine Emolumente beziehen, höher berechnet, deren Pension demzufolge reicher dotiert wird und deren fixe Bezüge weiterlaufen im Urlaub, in Krankheitsfällen, gleichviel, ob sie ihren Beruf ausüben oder nicht Herr Oberbaurat St. hätte sich! doch', wollte er gewissenhaft vorgehen, bei' den Großgemeinden in Berlin, Budapest, London, New York usw. erkundigen sollen, ob man dort Emolumente als „Trinkgelder" bezeichnet. Er würde bei dieser Gelegenheit aber auch die Ueberzeugung gewonnen haben, daß man dort unmöglich zugleich Vorsteher einer Gemeinde sein und sich derart gegen Rabbiner und Kantoren benehmen kann. Endlich noch ein Wort über unsere Beziehungen zum Verbände der Angestellten der israelitischen Kultusgemseinde; auf die Oberbaurat St. Bezug nimmt. Als der Verband ins Leben gerufen wunde, war die Lage der Angestellten eine verzweifelte. Unentbehrlich war ein wirtschaftlicher Zusammenschluß. Der Kultusvorstand hatte, was doch sonst in jedem Betriebe in Erfüllung einer gesetzlichen Vorschrift geschieht nicht einmal für eine Krankenversicherung seiner Angestellten gesorgt. Erkrankte ein Angestellter oder eines seiner Familienmitglieder, so war im günstigsten Falle die Aufnahme in das Gemeindespital das einzige, womit ihm der Vorstand sein doppelt hartes Los erleichterte. Das Pensionswesen schwebte in der Luft. Nach jahrzehntelanger Arbeit im Dienste der Gemeinde war der Beamte auf Almosen, Protektionen, ünadenigaben angewiesen. Die Witwe eines obersten Gemeindebeamten hungerte mit ihrer Familie buchstäblich, bis sich ihr endlich eine Erwerbsmöglichkeit bot. Bei dem damaligen Kultusvorstande war nichts zu erreichen. Für eine Regelung des BescldungsWiesens, für eine Angl e i c h u n g an staatliche ^oder städtische Beamte, wie sie in anderen Ländern, zum Beispiel in Deutschland, ohne Anstrengung seitens der Angestellten durchgeführt wurde, war, wie oben schon erwähnt kein Präsidium zu gewinnen. So entstand der Verband der Angestellten, nicht als eine Kampforganisation, sondern eine Vereinigung zu gegenseitiger Hilfe in den wichtigsten Fragen der wirtschaftlichen Existenz. Auch daran sei erinnert, daß so wie damals ein Teil unserer Mitglieder dem Verbände beitrat, dem notabene zu Beginn alle Angestellten der Kultusgemeinde angehört haben, auch hohe staatliche und städtische Funktionäre noch heute organisiert sind. Wenn jetzt der Verband dem einen öder dem anderen Kultusvorsteher nicht paßte, so haben wir hier gezeigt, daß es der frühere Kultusvonstand selbst war. der die Geister rief, zu der Verbandsgründung den Anstoß gab- Nun kreidet man uns an. was man aus dem eigenen Sündenregister eliminieren möchte! Das ist kein Vexierspiel mehr.. Das ist e.ne Vexation, wie sie grausamer Uebermut nur Wesen zumutet, die er wehrlos glaubt. Mit dieser Klarstellung hoffen die unterzeichneten Verbände das eine zu erzielen, daß die Oeffentlichkeit sich auf Grund der angeführten Tatsachen ein selbständiges UrteU über die Beschimpfungen unserer Mitglieder zu bilden in der Lage ißt. Vor allem aber wollen wir bei unseren GemeindemLtgliiadem trotz dieser Angriffe uns das Vertrauen erhalten, das die Grundlage unserer Stellung und die Voraussetzung für ein arbeitsfreudiges. gedeihliches Wirken in unserem Amte bildet. Aus diesem Grunde allein überwanden wir einen begreiflichen Widerwillen und scheuten wir nicht die Zeit, uns mit den Schimpfreden des Herrn Oberbaurates zu beschäftigen. ,. / 19. C h e s c h w a n 5685. Wien, den { 16 November 1924. Für den Rabbiner- Verband: Dr. David Feucht w an g. Obmann. Dr. Moriz Bauer, Obmannstellvertreter. Dr. Arnold1 Frankfurter. Schriftführer. Für den Kantoren-Verein: Isidor L ö w i t, Emanuel F r ä n k i. Präsident. Schriftführer. Bebt uns Adressen von Bekannten! Die Administration II., Heinestraße 13 versendet kostenlos Probenummern