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Die Wahrheit · 1924-11-18 · Heft 46-47 (18.11.1924) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 46-47 (18.11.1924)
Date
1924-11-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 12 DIE W AHRHEIT Nr. 46/47 Religion, Vaterland und Antisemitismus Von Dr. Heinrich F r i c k, ord. Professor der Theologie an der Universität Gießen. In diesen Wochen erscheint die vierte umgearbeitete und erweiterte Auflage der Schrift: „Rasse und Politik" von Prof. Dr. J. Q o 1 d s t e i n. Die Vorrede zur ersten Auflage hatte Prof. F r i c k verfaßt. Er hat für die vierte Auflage einen Nachtrag zu seiner Vorrede geschrieben, den wir in der Lage sind zu veröffentlichen. Seit der Abfassung der Vorrede sind nur wenige Jahre vergangen. Aber die unheilvolle Welle antisemitischer Verhetzung hat in ihnen den zu erwartenden „natürlichen" Verlauf genommen: Wind wurde gesät, Sturm geerntet. Die Ermordung Walther Rathenaus wäre ohne die gewissenlose Agitation der Antisemiten nicht möglich gewesen. Diese Tat befleckt die Blätter deutscher Geschichte ärger als ein Pogrom: denn nicht blinde Volksleidenschaft hat sich in ihr triebhaftdumpf entladen, sondern eine systematische Gewöhnung an jenen wirren geistigen Haushalt, der heute in so viel alten und jungen Köpfen herrscht, sobald sie darangehen, ihre aus Ressentiments und Halbwahrheiten zusammengebrauten politischen Programme zu betätigen. Man wird angesichts einer Kette von Vorgängen, deren schwerstes Glied eben jener unsinnige, gemeine Mord gewesen ist. nicht erwarten, daß der Verfasser der Vorrede dieses Buches etwas von dem, was er seinerzeit geäußert, zurückzunehmen hätte. Er kann höchstens bedauern, daß er nicht in der Lage war, noch schärfer und mit wirksameren Waffen einen Kampf zu führen, der sich inzwischen immer deutlicher zu einem Kampf um Christentum und Vaterland entwickelt hat. Um das Christentum! Ich denke dabei gar nicht in erster Linie an Hakenkreuz, Wotansreligion, Sonnenkult, überhaupt nicht an die Rüst- und Rumpelkammer eines demagogisch aufgeputzten Ariertums. Diese Dinge kommen und gehen wie Spreu mit dem Wind. Sie vermögen sich weder an die Stelle ehrwürdiger biblischer Tradition zu setzen, noch auch etwas Ernsthaftes beizutragen zu dem m m..-!- 'h; zu nehmenden Problem der „Germanisierung des Christentums". Doch darüber zu reden ist hier nicht der Ort. Wohl aber muß in solchem Zusammenhange heutzutage betont werden, daß — unbeschadet der Aufmerksamkeit auf jenes Problem — für den Glaubensmenschen jedenfalls eine andere Aufgabe dringlicher, notwendiger und entscheidungsreicher ist: die der „Christianisierung des Germanentums"! Wer diese Aufgabe für bereits gelöst erachtet oder nicht mehr gelten lassen will, oder gar als ..Ueberfremdung" des reinen Arischen durch das Semitische in Acht und Bann tut, der möge seines Weges gehen: aber er soll wissen, daß er im Sinne christlich-ökumenischen Glaubens nichts mit Christus, ja im letzten Falle nicht einmal etwas mit Religion überhaupt zu tun hat. Das erste Wort echter Religion heißt „heilig", und ihr ist Gott alles, der Mensch aber samt Himmel und Erde nichts vor Ihm. Also kann unmöglich irgendein Stück dieser Welt an Gottes Statt gesetzt werden. Auch nicht das Vaterland! Das sollte der Sinn der ersten Hälfte meiner Vorrede sein. Wer sie guten Willens las, spürte schon, was ich meinte. Es kam mir und kommt mir an auf die Tafel der Werte, die wir für unser Handeln anerkennen. Religion haben heißt: Auf dieser Tafel unter allen Umständen das Wort Gott an die erste Stelle setzen, danach erst das übrige. Ja, das ist noch viel zu schwach und mißverständlich geredet. Es könnte scheinen, als wollten wir um Ehrenplätze markten und Gott gegen das Vaterland abwägen. Davon ist keine Rede und darf überhaupt keine Rede sein. Denn Gott ist vor allem und über alles. Und religiös gesehen ist das der Sinn alles Lebens in Zeit und Geschichte, daß Er werde „alles in allem". Also besteht auch die Hauptsorge echter Frömmigkeit darin, diesem Sinn zu gehorchen, und ihre Hauptaufgabe ist es, wir könnten wissentlich oder unwissentlich unser Leben widerspenstig gegen diesen Sinn führen. Gerade darum aber ist die Stufenfolge der Werte, für die wir leben, leiden, kämpfen, so ungemein bedeutsam. Nur eine Stufenfolge kann die wahre für uns sein: die Gott will! — Und das sagen wir nicht deshalb, weil wir einer konstruktiven Idee religiöser Wertmaßstäbe nachjagten. Nein, diese Werte selbst, auch unser irdisches Vaterland, geraten in Gefahr, sobald das Gefühl für Werte verwirrt, das Urteil unsicher und die einzelnen Glieder der Werttafel an Verkehrte Plätze gerückt werden. Das spezifische Gewicht der großen Lebenswerte ausfindig zu machen, ist, im brutalsten Sinne des Wortes, eine Pflicht der Selbsterhaltung auf diesem Planeten, in diesem Lande, dieser Stadt. Nicht bloß eine „Verheißung zukünftigen Lebens, sondern schon dieses Lebens" schwebt über der Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Das Vaterland selbst, nicht bloß die Religion schwebt in Gefahr, wenn man das Vaterland an Gottes Stelle setzt. Ich bekenne mich erneut zu Tagores Wort: „Wer Götzendienst mit seinem Vaterlande treibt, ruft einen Fluch über es herab." Damit bin ich auch schon bei dem zweiten Gedankengang angelangt: Um unseres Vaterlandes willen muß der Antisemitismus gebrandmarkt werden als das, was er ist: eine geistige Modeseuche, die den Verstand umnebelt und das Gewissen betäubt. Es ist eines deutschen Menschen unwürdig, sich an den lächerlichen Geschichtsklitterungen, an den flachen pharisäischen Verdammungssprüchen ins Allgemeine hinein, an dem billigen Spott über Unglückliche und an dem schwindelhaften, grob materialistischen Rassenaberglauben zu beteiligen. Es ist seiner erst recht unwürdig, statt die Schuldigen da zu suchen, wo sie wirklich sind: nämlich bei den bösen Geistern, die unter uns allen umgehen und in unserer eigenen Brust wohnen, statt dessen eine Minorität mit der ganzen schweren Last der Verantwortung für eine nationale Katastrophe zu beladen. Gewissen haben heißt auch, lieber zehnmal sich selbst richten, als einen anderen verurteilen. Man wende gegen solche Selbstbesinnung heute ja nicht mehr ein: das alles sei ganz schön für die private Frömmigkeit im Kämmerlein, aber es schicke sich nicht für die Politik. Ach, diese große Politik, die mit den Tränen der Mütter (auch der jüdischen!) und mit dem Blute heldischer Jugend (auch jüdischer!) Schacher treibt! Es ist Zeit, mit ihr zu brechen und das Panier der Humanität wieder aufzurichten. Europa geht zugrunde — nicht, weil es zuviel der Humanität aufwiese (womit die Antisemiten unsereinen immer wieder schrecken möchten!), im Gegenteil: es mordet sich selbst, weil die Humanität unter uns am Boden liegt. Allerdings, die Prediger der Humanität, angefangen vom Größten unter ihnen, bis herab zu Gandhis politischem Evangelium, sie alle predigen leiser und scheuer als die lärmenden Antisemiten. Aber ihre Predigt bewegt die Welt! Und Deutschlands, unseres Vaterlandes Zukunft, liegt nur auf dieser Seite, auf der Seite des Lebens, wo Einigkeit und Recht und Freiheit jedem, auch dem jüdischen Volksgenossen, gegönnt werden. Hauptmomente aus der Geschichte der Juden in Wien. Von Rabbiner D. M. Rosen mann. (Fortsetzung.) 1679 erschien er zum erstenmal in Wien, um ausstehende bedeutende Geldsummen vom Staate zu fordern. Das Gebiet seiner Tätigkeit erstreckte sich nunmehr vom Rhein und Main bis zur Donau und Theiß; seine Wagenkolonnen, aber auch seine Schiffe bevölkerten die Straßen und Flüsse. Welche Quantitäten seine Armeelieferungen nicht selten umfaßten, ist aus dem Umstände zu ersehen, daß er sich 1682 erbot, 100.000 Zentner Mehl sowie Hafer in jedem erwünschten Quantum aufzubringen. Er lieferte aber auch fast alles, was die damals kriegerische Zeit in vollem Maße: beanspruchte: Pferde, Sandsäcke, ebenso englfischeis und hollänid^ sches Tuch, wie Rhein-, Mosel- und.: Neckarweine. Aus den von Grunwald sorgfältig angeführten Einzelheiten erfährt man, daß Oppenhfeimer fast gleichzeitig 300 Zentner Tabak, Socken, Schuhe und Hüte für das Heer nach Üngarn und vollsten Proviant samt Munition nach dler bedrohten Festung Philippsburg in Baden am Einflüsse des Salzbaches in den Rhein entsandte, ferner 'daß er später aus dem bereits von den kaiserlichen Truppen wieder-

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