Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-11-18 · Heft 46-47 (18.11.1924) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 46-47 (18.11.1924)
Date
1924-11-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064115--13248-3080743
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M,A{ä4J DIE WAHRHEIT Seite 9 steht? Diejenigen unter uns, die in dem vom Herrn Oberbaalrat berührten Zeitpunkte Mitgire.der des Verbandes der Angestellten der Kultusgemeinde waren, wußten zum Teile gar nicht von dem Vorleben dieses Verbandsangehörigen, hatten auch, zumal nach der erwähnten Lage der Dinge, gar keinen Anlaß, darüber Recherchen zu erheben. Ganz anders freilich läge der Fall, wenn wir in irgend einer Arbeitsgemeinschaft, wie etwa - einem Aufsichtsnate mit getauften Juden oder gar Hakenkreuzlern zusammensäßen oder in einem Klub mit Leuten, die Öffentlich gegen eine Entscheidung des Rabbinates „im Geiste der Thora", wie etwa in der Frage der Leichenverbrennung, Stellung nehmen, und trotzdem als Vertreter des Judentums angesehen werden wollten! Das wäre allerdings eine Moral mit doppeltem Boden, cm Vexierspiel, idJais wir genau so verwerten, wie es der Herr Oberbaurat tut. Herr Oberbaurat St. erklärt, er habe in seinen Ausfällen gegen die „Schnorrer4* davor gewarnt, zu generalisieren. So verfahren die Judenfeinde, denen der Herr Oberbaurat augenscheinlich in die Hände arbeitet, indem er ihnen mit seiner Beschimpfung der jüdischen Kultusfunktionäre eine neue Waffe liefert. Auch der Antisemit schimpft auf „die Juden". Tritt man ihm aber ein wenig näher, so erklärt er: „Sie habe ich nicht gemeint". Ja, als rühmliche Ausnahme erhebt er sogar in den Himmel den, von dem er Geld bekommen oder zu erhoffen hat. Aber wo bleibt da die Logik? Die „Wr. Morgen-Ztg." argumentiert nach den vorliegenden Berichten: Alle Rabbiner und Kantoren beziehen aus Trauungen. Beerdigungen usw. Entöl mm ente. Emolumente sind Geschenke, „Trinkgelder''. Folglich — so lautet der zwingende Schluß — sind alle diese Kultusfunktionäre Schnorrer. Und ob Schnorrerei unehrenhaft ist oder nicht, darüber wollen wir mit der „Wiener Mor&enzeitung" nicht streiten. Uns wenigstens und mit uns sicherlich den Lesern dieser Zeilen, gilt sie diafür. Und da entschuldigt sich der Herr Oberbaurat, der diese Schlußfolgerung der „Wiener Morgenzeitung'* mit seinem Namen deckt, damit, er habe die Massen, die er mit solchen Schlagwortenfaszinieren will, davor gewarnt, zu generalisieren. Bald darauf sagt er denn auch mit mehr Konsequenz und' Offenheit: „Ich habe keinen Grund, irgend etwas zu widerrufen!" Und um ganz deutlich zu sein, will er „den Schein vermeiden, als habe er an Geschenkforderungen und Geschenkannahme nichts auszusetzen". Dies betrifft zunächst nicht die Unterzeichneten. Der Herr Rat betraut uns nur mit der Aufsicht über das Gebaren anderer Funktionäre und macht uns für deren Schnorrerei verantwortlich. Ist denn dem Herrn Kultusrat nicht bekannt, daß für diese Auf Sichtsführung auf dem Friedhofe und im Tempel ein eigener Verwaltungszweig, eigene Friedhofsinspektoren und neuerdings besondere Tempelverwalter bestellt sind? Wie könnten aber auch die Unterzeichneten ihre Autorität geltend machen, -wenn diese, wie sein eigenes Beispiel zeigt, von denen untergraben wird, die sie zu stützen verpflichtet wären? Den Brotgebern jener „Schnorrer", denen sie selbt das Beispiel geben, wie man den Kewod ha-Thora mit Füßen tritt! Das wahre Trinkgeldiumwesen abzustellen, dieses Recht kann und wird dem Kultusvorstande von keiner Seite streitig gemacht oder geschmälert werden. Versagte dieser Apparat wirklich, so sind wir gewiß, daß der Herr Oberbaurat bei der moralischen Rigorosität, die er in seinen Wahlreden an den Tag legte, der erste gewesen wäre, der sein Amt als Kultus- Vorsteher niedergelegt hätte. Er möge nur ruhig gegen „Erpressung" an Parteien, gegen jedle „Schnprrerei" einschreiten. Hierbei wind er auch uns, wenn er darauf Wert legen sollte, auf oder gar an seiner Seite sehen. Aber mit Betteleien, die detm Judentum zur Schande gereichen, lassen wir nicht die Ermoliumenfce zusammenwerfen, die bei allen Konfessionen in allen Gemeinden eingeführt, jedoch noch nie und nirgends, außer in Wien durch Herrn St., als „Trinkgelder" gebrandmarkt wurden und, wie wir zeigen werden, den Wiener Kultusfunktionären überdies vom Vorstande, also auch dem Herrn Oberbaurat, in das Gehalt mii teinb er echnet w erden! Wir selbst indentifizieren diese Emoluimente näicht müt den („Schnorrgeldern" des Herrn Oberbaurates,, wollen uns aber auch von ihm diese Identifizierung „nicht bieten lassen". Aber, wie er uns halb und halb, billigen wir ihm ungeteilt Miflderangsgründte zu. Das Gedächtnis kann einen im Stäche lassen. So vergißt Herr Oberbaurat St von einem Tage zum anderen, daß er 5m „Bayrischen Hof" vom „Schnorren mit der Thora im Arm" gesprochen hat. Tags darauf erklärt er in der „Wiener Morgenzeicung". er habe die Rabbiner und Kantoren „nicht erwähnt". Wir verraten ihm. daß außer Rabbinern und Kantoren niemand die Thora im Arme hält, als höchstens ausnahmsweise ein Vorsteher- Richtig ist nur, daß er nicht alle Rabbiner und Kantoren mit Namen „erwähnt" hat. Man kann, wie gesagt, nicht an alles denken. Es kann einem entfallen, daß man bei der letzten Wahl, obwohl das „Trinkgeld'erunwesen" damals so gut wie heute bestand, m den Wahlreden mit keinem Worte dagegen Front machte. Man spekulierte eben damals auf die Gefolgschaft der „Emolumeutennehmier". Die Situation ist heurte eine andere. Damit naturgemäß aaich die Wahimache und ihre Schlagworte. Und wo die Argumente fehlen, da stellt zur rechten Zeit der Klausel! und Schmutz sich ein. Aber so gründlich wie diesmal ist noch bei keiner Wahl in ihm gewühlt worden. Hier und da als Entgleisung in der Hitze des Wortgefechtes verzeiht man das. Aber wie diesmal ganze Reden nichts als Alkovenschnüffelei1, eine Besudelung des Privatlebens der politischen Gegner, wie sie in jedem anderen Lande, ja in jedem anderen Kreise undenkbar wäre, das verrät ein Niveau, unter das man nicht tiefer steigen kann. Der Herr Oberbaurat hat es dennoch versucht. Er hat in die Diskussion über das „Trinkgeld", von der er so energisch die Thora ferngehalten wissen will, dafür die an sich durchaus ehrsame Gilde der Kanalräumer bemüht. In dem reichen Blütenstrauß von Vergleichen, die ihm zur Verfügung standen, fand er keine duitendere Gabe an die lauschende Hörerschar, als gerade düesen? Er hätte auch mit „Geschmeiß" nicht so freigebig um sich werfen sollen. Gerade ihim empfehlen wir, sich von seinem Gewährsmann im „Geist der Thora" und anderen theologischen Artikeln ein Gebetbuch auftreiben und darin vorlesen zu lassen, wie im Perek Schixa das Geschmeiß (Scherazim) zu Worte kommt. Aber nun gar „Kanalräumer"! Doch nicht einmal so hoch wie diese Zunft stehen wir in seiner Schätzung. Er stellt selbst die Kanalräumer über uns, weil sie — „kein Trinkgeld nehmen". Zum Schlüsse widmet uns der Herr Oberbaurat eine Separatlektion über „Geschenkannahme" Wir achten seine private Anschauung, wie jede ehrliche persönliche Ueberzüugutig. und er ket Hirten es an, daß er unserem Amte „die Würde eines heiligen Standes" nicht rauben will. Vielleicht wollte er mit seiner Philippika uns nur die Autgabe abnehmen, diese Würde zu schützen. Weshalb hat er dann aber in all den Jahren seiner Amtsführung als Kuitusvorsteher nichts dazu getan, ebenso wie es mit anderen Gemeimdebeamten geschehen ist, auch die unterzeichneten Kultusfunktionäre wirtschaftlich derart zu stellen, daß sie ihren religiösen, sozialen und besonderen Standespflichten ökonomiisch gewachsen wären, ohne auf die Emolumente angewiesen zu sein? Mit einer großmütigen Geste sagt er in einer Schlußbemerkung, daß er der Forderung der Kultusfunktionäre nach Erhöhung ihrer Bezüge nicht die Berechtigung abspreche. Und diese Erkenntnis kommt Herrn Oberbaurat St. gerade erst jetzt? Bisher mußte diese Forderung bei ihm und seinen Kollegen taube Ohren finden? Heißt dos nicht, einen Meuchen lähmen und ihn dann schelten, daß er lahmt? Wenn aber 'Herr Oberbaurat St. die Annahme von Geschenken nur für Zwecke der Wohltätigkeit gelten lassen will, so bringen wlri ihm zur Kenntnis, was ihm ganz fremd' zu sein scheint, daß ein Gutteil auch der anderen „Geschenke \ die der Kultusfunktionär empfängt, ohnehin diesen Zwecken zufließt. Zcdoko ist Pflicht eines jeden Juden. In der Natur unseres Amtes aber liegt es, daß sie an uns mit besonderen Forderungen herantritt. An diese. Ausgaben, die Führung eines i;tjuellen Hausstandes und so vieles andere, was uns wirtschaftlich belastet, zu denken, liegt dem Herrn Kultusrat so fern, daß er ein Gehalt, das selbst unter normalen Umständen, d. h. ohne Krankheitsfälle u. dgl., nicht zur Deckung der unumgänglichsten Bedürfnisse ausreicht, mit dem von „Dienern anderer. Religionen", also etwa eines katholischen, d. h. ledigen Katecheten, vergleichen, will. Der Vergleich hinkt aber bedenklich! Herr St. frage nair einmal bei den, dem Range entsprechenden Seelsorgern andener Bekenntnisse an! Vor uns liegt das Gutachten einer Kirohenbehörde über die Zulässigkeilt von Geschenk annähme durch die Seelsorger. Aus ihm kann der Herr Oberbaurat ersehen, daß auch die „Diener" anderer Konfessionen „Trinkgelder" nehmen, genau so, wie die rabbiauschen Größen der Vergangenheit, die trotz Herrn St. Dmrrter noch als der wahre Stolz unseres Judentums

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.