Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 46-47 (18.11.1924)
- Date
- 1924-11-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 46/47 übermittelt uns Herr Obenbaurat Stricker das ihm zugegangene Schreiben des Verbandes undseine Entgegnung. Antwort des Herrn Robert Stricker: Vorerst möchte ich die Herren ersuchen, die Thora gefälligst aus dem Spiele zu lassen und mir nicht in der Haltung unangreifbarer und unverletzlicher Thoraträger entgegenzutreten, wenn es sich um eine Diskussion über Schnorrerei und Trinkgelder handelt. Ich verlange von den Herren damit nichts, was ihre Kräfte übersteigt, denn sie haben wiederholt gezeigt, daß sie imstande sind, die Thora wegzulegen und etwas ganz anderes in die Hand zu nehmen, wenn es der Zweck erfordert. So zum Beispiel anläßlich des letzten Streiks der Kultusangestellten, der, nebenbei bemerkt, nur der Durchsetzung vertragswidriger, unberechtigter Forderungen diente. Damals haben die Herren Rabbiner und Kantoren den religiösen Dienst eingestellt, haben jüdischen Toten die letzte Ehre verweigert, haben es abgelehnt, am Sabbat hinter der Thora zu gehen, haben Brautpaare einfach stehen gelassen. Als sie der Vorstand unter Berufung a u f den Geist der von ihnen jetzt so feierlich zitierten Thora aufforderte, ihrer Pflicht als Seelsorger nachzukornmen, haben sie sich auf ihre Stellung als klassenbewußte, sozialdemokratisch organisierte und mit ihren Genossen solidarische Arbeitsnehmer berufen. Damals haben sie uns nicht die Thora, sondern das rote Gewerkschaftsbüchel entgegengestreckt. Heute ist wieder die Thora an der Reihe. Ich lasse mir aber dieses Vexierspiel nicht bieten. Ich kann und will auch nicht daran vergessen, in welcher Gesellschaft und unter welcher Führung die Herren, die heute von mir fordern, in ihnen die Thora zu respektieren, damals arbeiteten, respektive streikten. Ihr Wortführer war ein getauftes Individuum, der Beamte Richard Kaiser, der nur zum Zwecke der Erschleichung einer Stelle bei der Gemeinde wieder das Judentum angenommen hatte. Wo war da die Thora? Nun zur Sache. Ich nabe in meinen Versarmnlunigsr&deii niemals schimpfliche Beschuldigungen gegen sämtliche Wiener Kultusfunktionäre erhoben. Ich habe wiederholt betont, daß die Kultusgemeinde auf eine ganze Reihe ehrenhafter, pflichtbewußter Angestellter hinzuweisen hat, und ausdrücklich davor gewarnt, zu generalisieren. Ich habe jedoch festgestellt, daß auf den Friedhöfen und in den Gotteshäusern Wiens an Erpressung grenzende Schnorrerei der entwürdigendsten Art von Kultusangestellten geübt wird. Ich habe darauf verwiesen, daß Trauernde am Grabe ihrer Väter, Mütter und Kinder schmarotzerisch angefallen werden, daß an ihrem Schmerze Erpressung ausgeführt wird. Davon nehme ich nicht ein Jota weg. Ich habe darauf verwiesen, daß die im „Verbände der Angestellten der Kultusgemeinde" organisierten und heute als Wahlvereinigung für soziale Wirtschaft" gegen den abtretenden Kultusvorstand kämpfenden Funktionäre der Gemeinde diese erpresserische Schnorrerei decken. Ich habe die Rabbiner und Kantoren aus diesem Anlasse nicht erwähnt. Ich habe daher keinen Grund irgend etwas zu widerrufen. Ich könnte damit schließen, aber ich muß noch einige Worte sagen, um zu vermeiden, daß meine Erklärung so gedeutet würde, als hätte ich am Verhalten der Herren Rabbiner und Kantoren in Angelegenheit der Geschenkforderung md Geschenkannahme nichts auszusetzen. Meiner Ansicht nach sind die Rabbiner und Kantoren verpflichtet, in ersftjeo Reih'e gegen die! Schändung der heiligen* Orte anzukämpfen. Meines Wissens hat in dieser Sache keiner von ihnen auch nur einen Finger gerührt. Sie, unter deren Augen sich die Schandszenen abspielen, haben nie den leisesten Protest dagegen erhoben. Die Herren machen es sich wahrlich leicht, wenn sie die Säuberungsarbeit einfach dem Vorstande zuschieben und auf das Disziplinarverfahren verweisen. Wissen die Herren denn nicht, daß die bisherigen Bestrebungen des Vorstandes — und daß solche Bestrebungen vorhanden sind, werden sie wohl nicht leugnen -- an dem Widerstand der Gewerkschaft gescheitert sind? Aber, wie dem auch sei, entbinden Ungeschicklichkeiten oder Mißerfolge des Kultusvorstandes die Herren Träger der Thora ihrerseits der Pflicht, selbst alles zu unternehmen, um die Thora vor Verunglimpfung zu schützen? Wo bleibt da die Thora? Noch ein Wort zum Kapitel der Geschenkannahme seitens der Herren Rabbiner und Kantoren selbst. Die Herren verweisen ja darauf. Ich bin prinzipieller Gegner jeder Geschenkannahme. Spenden, und seien es Spenden freiwilliger Natur, soll ein religiöser Funktionär in Ausübung seines Amtes nur nehmen, wenn sie Zwecken der Wohltätigkeit oder der Ausgestaltung des Gottesdienstes gewidmet sind. Für sich kann er, meiner Ansicht nach, von Parteien nichts nehmen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Vorausgesetzt, daß Not und Elend ihn nicht zur Annahme zwingen. Die Herren verweisen darauf, daß sie selbst eine Regelung der Frage angestrebt haben, daß es aber zu keinem Abschlüsse gekommen ist. Meines Wissens sind die Verhandlungen unter anderem auch daran gescheitert, daß ein: Teiil der' Herren des ' Rabbiner Verbandes auf die Geschenkannahme nicht verzichten wollte. Aber das tut nichts zur Sache. Verträgt die Wahrung der Würde des heiligen Standes eine Vertagung bis zum Abschlüsse geschäftlicher Verhandlungen? Die Gemeinde, deren Vorstand ich angehöre, entlohnt die Herren gewiß nicht allzu reichlich. Aber vor Not und Elend sind sie geschützt. Sie haben ein reguläres Einkommen, das dem der Diener anderer Religionen zumindest gleichkommt. Trotzdem fällt es mir nicht ein, For- .derungen nach Erhöhung dieses Einkommens von vorneherein die Berechtigung abzusprechen. Aber das Vorhandensein unwiderstehlichen Zwanges für die Annahme von Geschenken bestreite ich ganz entschieden." Dilles die Antwort das Herrn O'berbaiurates. Hierzu haben wir vor allem zu bemerken: Unwahr ist, daß in dieser Angelegenheit „eine Protestversammlung der Wien/er Rabbiner" stattgefunden hat. Waihr ist vielmehr, daß, wie bemerkt, die Verbände der Rabbiner und Kantoren eine vertrauliche Beratung abgehalten haben. Die Kantoren verwahren sich gegen die zweimalige Unterschlagung ihres Vereines in der „Wiener Mittagszeitung". Der Grund ist uns unerfindlich. Der Herr Oberbaurat spricht von Pflichten, die seiner Ansicht nach die Thora uns auferlege. Er muß aber schon erlauben, daß wir das Recht, über Inhalt und Verbindlichkeit der Thora zu urteilen, weiter wie bisher für uns in Anspruch nehmen und eine Belehrung hierüber durch ihn dankend ablehnen. Den Mangel an Eignung hierzu bekundet sein Zurückgreifen auf den Streik der Kultusgemeindeangestellten im März 1923. Dieser Ausfall verfolgt die Taktik, von dem Gegenstande unserer Forderungen, den inkriminierten Beschimpfungen, abzulenken. Um aber darauf einzugehen, sei hiermit festgestellt: Unwahr ist, daß der Kultusvorstand uns, wie dler Herr Oberbaurat schreilbt, unter Berufung auf den Geist der Thora an unsere Pflichten erinnert habe. Unwahr ist, daß wir damals getan oder unterlassen hätten, was gegen die Vorschriften der Thora verstößt. Unwahr ist, daß wir Brautpaare einfach stehen ließen. Wahr ist vielmehr, was in dem vom Kultusvorstande herausgegebenen Tätigkeitsbericht auf Seite 14 gesagt wird: „Die Trauungen wurden (während des Streiks) in entsprechender Form vorgenommen." Der Herr Oberbaurat ruft entrüstet aus: „Ich lasse mir dieses Vexierspiel nicht bieten!" Bei solcher Empfindlichkeit wird er um so leichter begreifen, daß wir uns nicht Anwürfe bieten lassen, mit denen seit Jahren gegen uns gehetzt wird, nicht zur Hebung des Ansehens des Judentums, vor allem in den Augen der jüdischen Schuljugend, An seinem Ausdruck „Vexierspiel" wollen wir keine Kritik üben, nur darauf hinweisen, daß das vom Herrn Oberbaurat gegen uns ins Treffen geführte „getaufte Individuum" uns seinerzeit als Favorit und eifriger Agitator einer Gruppe um den Herrn Oberbaurat bekannt wurde. Jetzt ist er ihm mit einemmale nicht recht? Auf der einen Seite setzt er uns einen Beamten aufs Konto, auf dessen Wahl zum Vertreter der V e r w a 11 <u n g s b e a m t e n der Kultusgemeinde wir K u 11 u s f u n k t i. o n ä r e Ingerenz zu nehmen gar mdvt in der Lage waren. Auf der anderen wiird derselbe Beamte von dem Kultusvorstanide. auf dessen Entschließungen Oberbau rat St. als Kultusrat doch sicherlich nicht ohne Einfluß ist, trotz Kenntnis seiner Taufe angestellt, ja sogar aus einer subalternen Stellung in einem Büro der Kultusgemeinde in eine prominente gerade im Friedhofamte (!) befördert. Etwa gemäß der altjüdischen Anschauung, daß der Baal teschtiba höher als der Zaddik