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Die Wahrheit · 1924-11-18 · Heft 46-47 (18.11.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 46-47 (18.11.1924)
Date
1924-11-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46/47 . DIE WAHRHEIT s?it.e 7 Eingesendet (Für diese Rubrik übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.) Die Wiener Rabbiner und Kantoren gegen die Angriffe des Kultusvorstehers Oberbaurat Stricker. An die jüdische Öffentlichkeit! ,.Eth ledabber" - Es ist Zeit zu reden. Den unterzeichneten Verbänden wurde von glaubwürdigen Ohrenzeugen berichtet und im Wesentlichen durch die „Wr. Morgenzeitung" bestätigt, daß Herr Oberbaurat Stricker, Mitglied des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemejmde, in mehreren Wählerver'sammlungen gegen die Emolumente der Kultusiunktionäre geeifert und sie zu „Trinkgeldern" degradiert hat. Laut diesen Zeugenaussagen sprach er von „uniformierten Schnorrern", von „Schnorrern im Ornat", die von „Kanalräumern" an Ehrgefühl übertroffen werden, von „Schinorrereien am Altar, mit der Thora im Arm", von „Geschmeiß, das man mit den Füßen treten müsse". Mit solchen Ausdrücken traktierte er alle, die aus Trauungen, Beerdigungen und anderen Kasualieu Emolumente beziehen, d. h. sämtliche Kultusfunktionäre, als ..Trinkgeldnehmer" in entehrendster Weise. Die in den unterzeichneten Verbänden vereinigten standesbewußten Wiener Rabbiner und Kantoren weise'n hiermit i diese Bezeichnung der Emolumente als Trinkgelder als böswillige Entstellung des wahren Tatbestandes auf das En tschiedejiste \z u r ü c k. I n dem sie im folgende n den Beweis hierfür erbringe i', appellieren sie an das Empfinden eines jeden anständigen Menschen und überlassen ihm das Urteil über ein solches Vorgehen gegen die Repräsentanten der Lehre und des Kultus des Judent u m s. Schon vor einigen Jahren waren in dem Organ des Herrn Oberbaurates derartige Angriffe erfolgt. Der Rabbinerverband antwortete darauf mit einer sachgemäßen Erklärung, daß die Emolumente nicht den Charakter des Trinkgeldes tragen. Die „Wr. Morgenzeitung" druckte diese tatsächliche Berichtigung ab, knüpfte daran aber hämische Bemerkungen mit der Tendenz, den Rabbinerstand neuerlich herabzusetzen. Um so unzweideutiger waren des Herrn Oberbaurates Beschimpfungen der „Trinkgeldnehmer" in der jüngsten Wahlkampagne. Zur Wahrung ihrer Ehre und, um nicht den Anschein zu erwecken, als seien die höchsten Beamten der Kultusgemeinde vogelfrei, als dürfe man die Träger der Thora und des Kultus beliiebig als Freiwild1 behandeln, traten die unterzeichneten Verbände am 6. November d. .1. zu einer vertraulichen Besprechung zusammen. Sie sandten an den Kultusvorstand, der seine Kultusfunktionäre und damit die Würde der Gemeinde und des Judentums zu schützen berufen ist und sie in früheren Zeiten auch stets gegen demagogische Verunglimpfungen in Schutz genommen hat, die folgende Zuschrift ab, die von dem stellvertretenden Obmanne des Rabbinerverbandes Dr. Bauer im Namen und mit Einverständnis des derzeit erkrankten Obmannes Dr. Feuchtwang sowie von dem Präsidium des Kantorenvereines Löwit und Fränkl für diese beiden Vereinigungen unterfertigt worden war: „Die unterzeichneten Verbände erlauben sich, einen geehrten Kultusvorstand davon in Kenntnis zu setzen, daß gleichzeitig mit dieser Zuschrift an Herrn Oberbaurat Stricker ein Schreiben folgenden Inhaltes abgegangen ist: „„Sehr geehrter Herr Oberbaurat! In mehreren Wahlversammlungen haben Sie gegen die Wiener jüdischen Kultusiunktionäre laut zuverlässigen Berichten beleidigende, der Wahrheit nicht entsprechende Beschuldigungen erhoben. Mit diesen und ähnlichen Beschimpfungen der Wiener jüdischen Kultusfunktionäre im allgemeinen haben Sie die Ehrerbietung verletzt, die unser Religionsgesetz den Trägern der Thora gegenüber vorschreibt. Anstatt gegebeneu Falles gegen Pflichtvergessene ein Disziplinarverfahren zu fordern, haben Sie die in unseren Verbänden vertretenen Stände der Rabbiner und Kantoren in ihrer Gänze der öffentlichen Mißachtung preisgegeben und damit Gerechtigkeitssinn und Rücksicht auf die Ehre Unbescholtener, zugleich aber auch auf die Würde der Gemeinde und des Judentums vermissen lassen. Gerade Sie waren es, an den bereits vor Jahren aus dem Kreise der Rabbiner ein mündliches Ersuchen gerichtet wurde, die Angelegenheit der Emolumente neu zu regeln, und Sie wissen, woran dieser Versuch gescheitert ist. Trotzdem haben Sie nunmehr alle Kultusfunktionäre ohne Ausnahme und ohne namentliche Bezeichnung von Schuldigen herabgewürdigt. Die unterzeichneten Verbände erachten es als unvereinbar mit der Amts- und Standeswürde sowie der persönlichen und Familienehre ihrer Mitglieder, die von Ihnen öffentlich ausgesprochenen Beleidigungen stillschweigend hinzunehmen und fordern Sie hiermit auf, bis zum 9. d. M. öffentlich, d. h. in Wählerversammlungen und in der „Wiener Morgenzeitung", Ihre Angriffe auf die Kultusfunktionäre zurückzuziehen, da wir sonst gezwungen wären, andere Mittel der Abwehr zu wählen, die wir unserer befleckten Ehre schuldig sind. Im Anschlüsse hieran richten die Unterzeichneten an den geehrten Kultusvorstand das höfliche Ersuchen, auf den Adressaten in dem gewünschten Sinne einwirken zu wollen. Den Rabbinern und Kantoren werden durch ihren Beruf Opfer auferlegt, für die eine Entschädigung höchstens die Achtung bietet, die man ihrem Stande entgegenbringt. In dem Bemühen, sich diese Stellung in der Gemeinde zu erhalten, glaubten die Wiener Kultusfunktionäre bisher, auf den Beistand eines geehrten Vorstandes rechnen zu dürfen. Wo seitens eines Funktionärs durch pflichtwidriges Verhalten die Standesehre geschädigt erscheint, steht dem Kultusvorstande einzuschreiten das Recht zu. Ebenso glauben wir aber erwarten zu dürfen, daß ein geehrter Kultusvorstand gegen Pauschalbeleidigungen ganzer Kategorien von Angestellten der Kultusgemeinde Stellung nehmen wird, zumal, wie im vorliegenden Falle, der Angriff aus der Mitte der Gemeindeleitung selbst kommt." Auf diese Eingabe an den Kultusvorstand haben wir. wohl infolge der Wahlen, bisher keine Antwort erhalten. Auf den Brief an Herrn Oberbaurat reagierten! er und sein Organ, die „Wiener Morgenzeiaing". am 7. und' 8. November mit folgenden Enunciarionen: ..Protestversammlung der Wiener Rabbiner gegen Oberbaurat Stricker. In einer Rede im Bayrischen Hof ist kürzlich Oberbaurat Stricker gegen das herrschende T r i n k g e 1 d u nw e s e n aufgetreten. Der Verband der Wiener Rabbiner hat sich nun in einer vorgestern abgehaltenen Versammlung mit diesem Thema beschäftige und ■daraufhin dem Oberbaurat Stricker eine Resolution übersamdt, wonach der Verband der Rabbiner erklärt, sich beleidigt zu fühlen, und von ihm Widerruf in den Versammlungen und in der „Wiener Morgenzeitung" fordert Wir werden die Erwiderung dies Herrn Oberbaurates Stricker in unserer morgigen Nummer bringen. Die Erwiderung wird eine volle AnfrolUing der ganzen Frage enthalten. Wir selbst haben dazu zu bemerken, daß es höchste Zeit ist, daß in der Wiener Kultusgemeinde entschieden wird, ob das T r i n k g e 1 d s y s t e m weiter bestehen darf oder nicht." „Die Wiener Rabbiner und die Trinkgeldwirtschaft im Tempel und auf dem Friedhofe. Im Zuge der Agitation für die morgen Sonntag stattfindenden Wahlen in den Vorstand der Wiener Kultusgemehde hat Oberbaurat Robert Stricker wiederholt in Versammlungsreden auf die moralischen Schäden, welche durch das Schnorr- und T r i n k g e 1 d u n w e s e n dem jüdischen Gemeindeleben zugefügt werden, hingewiesen. Der Wiener Rabb.-nerverband hat eine P r o t e s t s i t z ti n •,: gegen Herrn Strich er einberufen und von ihm Widerruf seiner B t hau p tun gen in Versammlungen und in der ..Wiener Motgenzeitung" gefordert. Der Aufforderung gemäß, die Angelegenheit in unserem Blatte zu erörtern.

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