Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 46-47 (18.11.1924)
- Date
- 1924-11-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seilte 6 Nr. 46/47 Professor Adler selbst hatte übrigens auch schon den antisemitischen Skandalmachern sofort einige Wahrheiten gesagt, die ihnen, wenn ihr Verständnis so weit reichen würde, den Unterschied klargemacht hätte, der zwischen einem vornehmen Vertreter der Wissenschaft und Radaumachern besteht. Hageldicht waren die feinen epigrammatisch zugespitzten Bemerkungen herabgeprasselt, mit denen Professor Adler auf die rohen Schimpfworte antwortete. Als er zum Schlüsse erklärte, daß er hier eine menschliche Verständigung für ausgeschlossen halte, hatten die Hakenkreuzler wohl den Mut ihm „Schuft" zuzurufen, aber keiner hatte den Mut, seiner Aufforderung den Namen zu nennen, Folge zu leisten. Es war wirklich eine — namenlose antisemitische Frechheit.' Die prinzipiellen Bemerkungen, die wir anläßlich des Todes Di. Gersunys ganz im allgemeinen über die milde, schonungsvolle Auffassung machten, mit der man vielfacn den Abfall vom Judentum begegnet, haben, wie aus zahlreichen uns zugekommenen Zuschriften hervorgeht, in weiten Kreisen lebhafte Zustimmung gefunden. Interessant war in einer dieser Zuschriften der Hinweis auf die scharfe Brandmarkung, die Heinrich Heine für die Taufe hatte, trotzdem — oder vielleicht obgleich er selbst sich diesen Schritt zum Vorwurf machen mußte und auch machte. Von befreundeter Seite werden wir allerdings auch darauf aufmerksam gemacht, daß der Versuch gemacht wird, den Fall Gersuny von jedem Zusammenhang mit dieser Frage zu lösen. Er sei nämlich erst als Kind nach der Taufe seiner Eltern von diesen dem Christentum zugeführt worden. Wir wären wirklich erfreut, wenn diese Behauptung — deren Richtigkeit leider nur zu sehr in Zweifel gezogen werden muß — wahr wäre, denn es könnte jeden Juden nur mit Genugtuung erfüllen, wenn der Ehrenschild des großen aus dem Judentum hervorgegangenen Mannes frei von jedem Flecken bliebe. An der prinzipiellen Stellungnahme zur Taufe ändert es allerdings nicht das Mindeste, ob ein Gersuny oder wer immer sich taufen läßt. * Ein belauschtes Kaffeehausgespräch: A. : „Diese alilermeueste rituelle ßluthundebeschuldigun« ist doch nur Trottelei! Diie Leute, di'e derlei schreiben und verbreiten, dürfen nicht hart verurteilt, sondern nur bedauert werden." B. : „Oh nein, mein Lieber! Wer auch nur den Prozeß von Tisza-Eszlar und die Affäre H i 1 s n e r kennt, muß wissen, daß fast immer böswillige Sc h_u r k e r e i zu solchen Beschuldigungen führt." A. und B. wenden sich gleichzeitig an C: „Was glauben Sie? Habe ich nicht Recht?" C: „Ihr habt beide Recht!" Ego. Bei unseren Brüdern in New York. Wahrnehmungen und Betrachtungen. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) Das Schiff führte zahlreiche junge Leute, leider auch jüdische, aus Deutschland. Not und Hoffnungslosigkeit zwang sie, die fast alle einem intelligenten Berufe angehörten, ihre Heimat, das von ihnen geliebte Deutschland, zu verlassen. Sie gingen hinüber mit »der Hoffnung, in Amerika in Dienst zu treten. Man erinnert sich an die Strafpredigt Moses: „Deine Söhne und deine Töchter werden einem anderen Volke gegeben werden (in harte und schwere Dienstbarkeit), daß deine Augen zusehen und verschmachten über ihnen täglich, und es wird keine Stärke in deinen Händen sein." (5. Buch Moses, Kapitel 28, Vers 32.) Viele hatten zu Hause die Krankenpflege erlernt uod hofften mit Hilfe von Verwandten in Heilanstalten aufgenommen zu werden. Viele aber, die kein bestimmtes Fach hatten, gingen hinüber, mit dem Entschlüsse, jede Arbeit und mag sie wie grob, schwer und entwürdigend immer sein, aufzunehmen. Der Anblick dieser. aus besseren Gesellschaftskreisen stammenden jungen Menschen, die gewiß ein besseres Schicksal verdienten, betrübte mich sehr. Mit tiefer Wehmut erinnerte ich mich an Jas gleiche Schicksal unserer Jünglinge und Mädchen nach dem Zusammenbruche des jüdischen Reiches. Der römische Feind hatte sie als Skiaven an fremde Völker verkauft. Die neue Kultur im Leben der Völker zwingt die stolze Jugend eines tief gedemütigten Volkes sich freiwillig an den Feind von gestern zu verkaufen. Das1 ist wahre Tragik. Auch an einigen reiehsdeutschen Hakenkreuzfern hat es nicht gefehlt. Sie waren frech genug, ihr Lied ,,Mi.t Hakenkreuz' und Stahlhelm"' anzustimmen. Ich rief Ihnen zu: „In Amerika werdet Ihr aber froh sein, in jüdischen Fabriken zu arbeiten oder Geschirr Wäscher in einem jüdischen Restaurant zu sein" und drohte, sobald sie das Singen nicht einstellen werden, den Schiffskommandanten anzurufen. Das wirkte, die Helden blieben ruhig, einige von ihnen erwiesen sich den jüdischen Reisenden gegenüber sogar freundlich. Auf dem Schiffe lernte ich einen amerikanischen evangelischen Pastor kennen, einen lieben und überaus freundlichen Menschen. Er leistete mir, als ich von der Seekrankheit erfaßt wurde, Dienste, obwohl er doch auf den ersten Blick meine Rasse erkannt hatte. Als ich mich wieder erholt hatte, bedankte ich mich bei ihm für seine Freundlichkeit und wir plauderten dann lange über die Verhältnisse in Amerika. Meine erste Frage, wie es in Amerika aussieht, bezog er gleich auf das Judentum. Er lächelte und siaigte: „Seien- Site, mein Herr, deswegen ganz unbesorgt. Amerika, das mächtige Amerika, duldet kein Hakenk reu zier tum — er deutete auf die betreffende Gruppe — und im Verhältnis zu Deutschland geht es uns gut. Doch auch den Juden geht es bei uns gut, und man spürt nicht die künstlich geschaffenen Widerwärtigkeiten zwischen Jud und Christ, die ich in Deutschland wahrgenommen habe. Sie werden, wenn Sie im das Land kommen, hören, daß auch die Amerikaner zu antisemiteln beginnen; glauben Sie dem nicht. Der wirkliche Amerikaner glaubt an Gott und hängt in großer Verehrung an der Bibel und wer an Gott glaubt und die Bibel verehrt, der kann dem Volke: Gottes nicht feind sein." * Ein älterer Herr aus einem Sukzessionsstaate schilderte mir die Lage der Juden in seinem Lande, seit dem Zusammenbruch der Monarchie, als eine trostlose. Er bekleidete in seiner Heimatstadt seit zwei Jahrzehnten die Stelle eines Bürgermeisters und war nicht nur von Juden, sondern auch von Nichtjuden verehrt. Als der betreffende Staat die Verwaltung übernahm, setzten ihn die neuen Behörden von seinem Ehrenposten ab und eine bekannte politische Persönlichkeit, die er vor dem finanziellen Zusammenbruch rettete und die ihm ihren politischen Aufstieg zu verdanken hat, sorgte dafür, daß er einer falschen Beschuldigung wegen seine Heimat verlassen und nun, in Ehren ergraut, nach Amerika auswandern muß. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen!" (Portsetzung folgi.)