Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 46-47 (18.11.1924)
- Date
- 1924-11-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr._46/47___________________DIE WAHRHEIT______________________________ Seite 5 als der bayerische. . . Es scheint jetzt eine neue Epoche in den Verleumdungen gegen die Juden heraufzuziehen. Die alten Anklagen ziehen nicht mehr. Gleichwie die Anklage wegen der Hostienschändung schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts verstummte, so scheint jetzt auch die Blutbeschuldigung zu verstummen. Fortab wird die „Weltherrschaft der Juden" den Platz dieser Anklage einnehmen, sowie auch der Anklage, daß der Talmud und der Schulchan-Aruch den Juden alle Bosheiten gegen die Nichtjuden erlauben. Wenn wir fortab gelehrte Bücher schreiben werden, um nachzuweisen, daß alle die Zitate aus dem Talmud und der rabbinischen Literatur, die von Eisenmenger bisRohlimg produziert wurden, um zu beweisen, daß wir Christenkinder schlachten und die Christen betrügen und bewuchern dürfen, lauter Fälschungen sind, so würden die Antisemiten überlegen lächeln.....Gebt euch keine Mühe, das alles haben wir längst zum alten Eisen geworfen. Wer wird an diese albernen Dinge heutzutage glauben? Aber wie steht es mit eurer Weltverschwörung zur Eroberung und Zerstörung sämtlicher Staaten und zur Unterjochung sämtlicher Völker? Trachten nicht eure Miälicnäre, alle Reichtümer der Welt und alle Quellen der Güterproduktion in ihren Händen zu vereinigen? Beherrschen nicht eure Bankiers noch immer die Diplomatie, drängen sie sich nicht an alle Machthaber heran, sitzen nicht eure Politiker in allen Parteien? Habt ihr nicht überall die Hand im Spiele, wo es gilt die bestehende Ordnung zu stürzen? . . . Das wird das Hauptthema der Anklagen sein! Wir haben von Anbeginn die Gefahren, die von diesem Machwerk drohten, bedeutend unterschätzt. Jetzt mußte schweres Geschütz aufgefahren werden, um die Fälschung zu entlarven. Mein soeben erschienenes Buch: „Die Protokolle der Weisen von Zio n", kritisch beleuchtet. Eine Erledigung (Berlin 19244 Philo-Verlag) rückt den Protokollen, ihren Verfassern und Protektoren zu Leibe. Die Sonde der historisch-philologischen Kritik wird an das russische Original angelegt und an der Hand von verschiedenen Ausgaben und von sechs Uebersetzungen wird nachgewiesen, daß alle Angaben des Urhebers Nilus über Ursprung, Herkunft und Sprache der Protokolle erlogen und widerspruchsvoll sind. Die Angaben des Nilus widersprechen sich selbst, sie widersprechen den Angaben seiner Uebersetzer, widersprechen sich untereinander. Der Leser wird staunen, daß ernsthart sein wollende Männer sich jahrelang von diesen Versicherungen narren lassen — und andere narren konnten. Dann folgt eine kritische Analyse der Protokolle. Die einzelnen Angaben werden unter die Lupe genommen, und es wird nachgewiesen, daß die Protokolle in ihrer jetzigen Form, die angeblich im Herbst 1897 auf dem ersten Basler Zicnistenkongreß vorgetragen wurden, nicht früher als in der Epoche des russisch-japanischen Krieges und der ersten russischen Revolution, 1904—05 aus älteren Stoffen verfaßt worden sind. Alle wichtigsten Begebenheiten der russischen Geschichte dieser Jahre sind darin verzeichnet, für den aufmerksamen Leser klar auf der Hand liegend. Die Tendenz des Machwerkes und der damit verfolgte Zweck, die jetzt deutlich sichtbar werden, werfen ein merkwürdiges Licht auf die Sitten und das Treiben am Hofe Nikolaus II. Die Protokolle erscheinen als ein würdiges Seitenstück zu der bekannten Affäre des heiligen Gauners R a s p u t i n. Im Auftrage des Chefs der russischen Geheimpolizei wurden die Protokolle von Sergej Nilus fabriziert und in vornehmster Ausstattung gediuckt, um dem Zaren Ende 1905 vorgelegt zu werden. Sie sind ihm aber nicht vorgelegt worden, denn den maßgebenden Kreisen erschien die Sache doch zu dum m. Nicht zu dumm aber erschien die Sache jenen hohen Herren Grafen, Fürsten, Herrenhausmitgliedern, Staatsmännern, Universitätsprofessoren, d;ie idie Protokolle in Deutschlard eingeführt haben, sie dem deutschen Volke als authentischen Beweis für die Weltgefährlichkeit der Juden aufbanden und diesem plumpen Fälscherstück einen Weltruhm sicherten! Als ich diese Schar von grimmen Feinden, die den Haß einer Welt gegen uns aufstachelten und Verderben über uns heraufbeschworen, nackt auszog, erwiesen sie sich als armselige Schächer, kleine Fälscher, Gauher und Clowns. Ich konnte am Ende nicht anders und mußte die Sache von der komischen Seite nehmen. Ich ließ das Gesindel, während ich die Peitsche schwang, zusammen einen Narrentanz aufführen, saß dabei, schaute zu und amüsierte mich. So hat denn der Leser vor sich eine Reihe lustiger Humoresken und Satiren; während ihm die Zornesader anschwellen wird, wird er sich die Tränen des Lachens aus den Augen wischen. Er wird sich nicht langweilen. Glossen. Der Fall des Budapester Staatsanwaltes Dr. Valentin Kaiaczonyi, der dieser Tage die Richter in der ungarischen Hauptstadt beschäftigte, bot ein merkwürdiges Pendant zu dem Fall Michael A n d r a s s y, über dem wir vorige Woche an dieser Stelle einiges zu sagen hatten. Der Herr Staatsanwalt war eines schönen Tages gefesselt, mit zerrissenen Kleidern, blutiggeschlagener Nase und geschwollener Wange dem Polizeikommissariat eingeliefert worden. Was war das Verbrechen des Staatsanwaltes? Nachträglich stellte es sich heraus, daß es eigentlich nur seine ein wenig — gebogene Nase gewesen war. Josef Toth (das wachende — oder vielleicht erwachende — Auge des Gesetzes) war nämlich dem Staatsanwalt um Vi2> Uhr nachts in einer sittlich nicht ganz einwandfreien Straße begegnet und da ihm auch die Nase Karaczonyis verdächtig erschien, forderte er den verspäteten Heimkehrer zur Ausweisleistung auf. Der gesetzeskundige Staatsanwalt fand diese Aufforderung um so weniger begründet, als er sich, abgesehen von seiner öffentlichen Stellung, auch der unverfälscht rassenreinen Abstammung bewußt war. Josef Toth, dem Rassenkunde näher als Gesetzeskunde liegt, war anderer Meinung und quittierte die ablehnende Antwort Karaczonyis mit der Verleihung des Titels „Saujud", dem dann ganz logisch die tätlichen Mißhandlungen folgten. Schließlich wurde der Staatsanwalt mit Hüfe eines zweiten von Toth herbeigerufenen Wachmannes, gefesselt und wie bereits erwähnt, dem Polizeikommissariat mit einem gänzlich erlogenen Bericht eingeliefert. In diesem war natürlich weniger von der gebogenen, und noch weniger von der blutiggeschlagenen Nase usw. die Rede, sondern davon, daß der Staatsanwalt angeblich betrunken bis zur Besinnungslosigkeit gewesen. Als ein großes Glück für den Staatsanwalt Dr. Valentin Karaczonyi muß es bezeichnet werden, daß ihm, nebst anderen, auch der lückenlose, durch beeidete Zeugen bestätigte Beweis gelang, daß er seine Begegnung mit dem Wachmann Josef Toth kurz nach dem Verlassen einer Familie hatte, bei der er als Gast mit noch drei Herren zusammen im Laufe des Abends \14 Liter Wein getrunken! Josef Toth, der doch nicht in der Lage war, die gebogene Nase Karaczonyis als Milderungsgrund anzugeben, wurde wegen des Verbrechens der falschen Anklage, wegen Verleitung zur falschen Zeugenschaft und schließlich wegen schwerer körperlicher Verletzung zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Polizeiarzt Dr. Gunhardt, der offenbar mehr mit Hinblick auf die Aussagen Toths als auf die erlittenen Verletzungen des Staatsauwaltes sein Parere ausgestellt hatte, wurde „wegen falirlässüger Abfassung eines falschen Attestes" in die Lage versetzt, sechs Wochen im Arrest über die Affäre nachzudenken. Es ist wohl anzunehmen, daß dieser Faii nicht nur den Staatsanwalt Karaczonyi. sondern auch dessen staatsanwaltliche Kollegen in Ungarn nachdenklich stimmen wird. Er ist ja im gewissen Sinne noch lehrreicher als der Fall A n d r a s s y. Die Juden in Budapest aber dürften ihm. so seltsam dies klingen mag, vielleicht auch eine wohltuende Seite abgewinnen. Sie können sehen, daß der Antisemitismus nicht sie allein gefährdet und daß die Juden es manchmal besser haben als selbst die vielen, vielen Antisemiten, die wie Juden aussehen und daher unvorsichtig genug sind, in später Nachtstunde auf die Straße zu gehen. Was heute einem Andrassy, einem Karaczonyi passierte, kann unter Umständen morgen dem ungarischen Justizminister passieren. Und das würde doch keinen guten Eindruck machen. ^rjr'} ' » Die skandalösen Krawalle, mit denen hakenkreuilerischc Studenten neulich die angekündigte Vorlesung des berühmten Professors Dr. Adler über „Die Stellung der Jugend zum Sozialismus" verhinderten, haben eine wirklich überraschende Folge gehabt. Der Rektor der Universität hat öffentlich die schärfste Mißbilligung den Skandalmachern ausgesprochen und erk'ärt, daß eine Wiederholung eines solchen Vorfalles h.intongehalten werden müsse. Hakenkreuzlerische Studenten haben schon lance nicht so würdliec. der Achtung vor der Wissenschaft und de» heiligen Hallen der Universität entsprechende Worte gehört. Die antisemitischen Studenten haben sich bisher an der Wiener Universität nicht ganz erfolglos um die Erziehung mancher Professoren bemüht und es war daher um so ertreulicher, daß ihnen diesmal von autoritativster Seite eine empfindliche Lektion erteilt wurde.