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Die Wahrheit · 1924-11-07 · Heft 45 (7.11.1924) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 45 DIE WAHRHEIT Seite H Zum Zusammenbrach der Hambarger Antisemiten. Aus 'Hamburg wird uns geschrieben: Am 26. Grober fand bekanntlich die Wahl zur Hamburger Bürgerschaft statt, die mit einer völligen Niederlage der Völkischen und der antisemitisch infiszierten Deutschnationalen endete. Die deutschvölkische Partei verlor 60 Prozent ihrer bisherigen Stimmen und die Deutschrnationalen gingen um 30 Prozent zurück, denn die Deutschvölkischen hätten nach den für sie zur deutschen Reichstagswahl vom 4. Mai d. J. abgegebenen Stimmen zehn Sitze; in der Hamburger Bürgerschaft erhalten müssen, während sie jedoch -dieses Mal nur vier Sitze von den 160 Sitzen erhielten, die in der Hamburger Bürgerschaft, diesem Hamburger Staatsparlament, zu vergeben sind. Aber auch die Deutschnationale „Volks"-Partei ist durch ihre Hamburger Wahlniederlage erschüttert und die politische Ernüchterung dürfte bereits ihren Niederschlag in der deutschen Reichstagswahl am 7. Dezember finden. Interessant ist übrigens die Entlarvung des Hamburger Antisemitenführers, Rechtsanwalt Dr. Alfred Jacobsen, während der Wahl gewesen. Diesem Patent-Antisemiten wurde nämlich im Wahlkampf nachgewiesen, daß er vor einigen Jahren in einem Ostseebad ein tete-ä-tete mit einer reichen Jüdin gehabt hat. Dieser selbe Jacobsen war auch der Führer des Kapp-Putsches in Hamburg, und während damals seine Mannen den von ihm gepredigten Terror teutonicus gegen die republikanische Bevölkerung zur Anwendung brachten, rückte dieser nunmehr entlarvte Antisemiterich von Hamburg aus. Alles fließt. . . Klu-Klux-Klan. Ueber diesen stark antisemitisch, gefärbten Bund schreibt die in Hamburg-Altona erscheinende „Wartezimmer-Zeitung": Dieser amerikanische Terrorismus wird, wie jetzt nachgewiesen ist, von amerikanischen Mädchenhändlern finanziert. Wie wir hören, hat der Bund „Rettet Amerika" sein Zentralbüro in Mexiko und will von dort aus die Klu-Klux- Klan-Bewegung moralisch und politisch bekämpfen. Wie ein Ueberläufer drüben ausgenommen wird. Bekanntlich ist der Komponist Erich Walfgawg K o r n g o 1 d zusammen mit seiner Gattin zum Katholizismus übergetreten. iDer Grazer „Michel" begrüßt nun dülesen bedauerlichen Schritt mit diem wohl kaum ehrlich gemeinten Rufe: „Heil d)hm und der Kirche!" Kommentar überflüssig. Anatole France und die rumänischen Juden. Wir lesen im im „Curierul Israelit": Im Jahre 1922 ersuchte der Herausgeber >d>er „Facla literarä", N. Dj Cocca, -dien großen Schriftsteller mim einen Beitrag. Anatole France entsprach dieser Biftöe -und schickte ihan <einen Artikel, der in rumänischer Ueibersetzung in der „Facla" erschienen ist. Anatole France bewies damals, daß ,er über 'die Verhältnisse Ln. Rumänien auf dem Laufenden war. Die antisemitischen Agitationen hatten auf ihn großen Eindruck gemacht und er erhob seine Stimme zum Protest; denn als Mensch, dessen 'Herz für die ganze Menschheit schlug, empfand er es schmerzlich, von antijüid'ischien Ausschreitungen in Rumänien zu hören. Wir wissen nicht ob die Intervention des erhabenen Schriftstellers zugunsten der Juden Früchte gezeitigt hat. Wir wissen auch nicht, ob <iiie 'antisemitischen Intellektuellen sich nach seiinen Worten geschämt haben. Was wir aber wissen, ist, daß die rumänische Judenheit diem großen Toten ein ehrenvolles Andenken bewahren wind. Undi wftr Juden können dankbar sein. Das Hakenkreuz als Grabstein-Ornament. Die Frankfurter Tageszeitungen führen darüber Klage, daß auf dem neuen Teil des Frankfurter Friedhofes christliche Grabsteine mit dem Hakenkreuz und antisemitischen Inschriften versehen sind.v Die Zeitungen bemerken, daß die Antisemiten sich nicht damit begnügen, die Grabsteine auf den jüdischen Friedhöfen durch Bemalung von Hakenkreuzen zu verunreinigen, sondern daß sie die Gräber ihrer eigenen Angehörigen mit diesem Symbol des Hasses zieren. Sie stellen fest, daß die Entwürfe jedes Grabsteins zur Genehmigung eingereicht werden müssen, und fragen, wie es kommt, daß das Friedhofsamt solche den Frieden des Ortes störende, den Haß fördernde Inschriften gestattet hat. Von Woche zu Woche IR.OTGA55E-1 „Woia". Mittelstandskfichen und Arbeitsnachweis. Wie wir erfahren, wurden in einer Mittwoch, den 29. Oktober, abgehaltenen Sitzung der „Woja" zufolge einer vorangegangenen Disziplinaruntersuchung zwei Angestellte (Beamte) der „Woja", die sich in leitender verantwortungsreicher Stellung befanden, sofort entlassen. Hierdurch sowie aus zwingenden Gründen anderer Art ergab sich die Notwendigkeit die beiden Mittelstandsküchen für einige Zeit sofort zu schließen. Die Wiedereröffnung dieser segensreich wirkenden Institutionen dürfte in absehbarer Zeit erfolgen; der Arbeitsnachweis, II., Taborstraße 59, arbeitet nach wie vor. Vorlesungen im Wintersemester 1924/1923 am Wiener Bet-hamidrasch, Wien IL, Ferdinandstraße 23. Sonntag 5 bis 6 Uhr: Rabb. Lektor Dr. Gelbhaus, Mechilta. 6 bis 7 Uhr: Lektor Dr. Rubin, Midrasch. Montag, 6 bis 7 Uhr: Lektor Dr. Rubin, Talmud. 7 bis 8 Uhr: Rabb. Lektor Dr, Gelbhaus, Psalmen. Dienstag, 6 bis 7 Uhr: Rabb. Lektor Dr. Gelbhaus, . Psalmen. Mittwoch, 6 bis 7 Uhr: Lektor Dr. Rubin, Religionsphilosophie, Donnerstag, 6 bis 7 Uhr: Rektor Dr. Schwarz, Mischna, Pessachim. Samstag, 3 bis 4 Uhr: Lektor Dr. Rubin, Parascha der Woche. — Sämtliche Vorträge sind öffentlich und für die Hörer unentgeltlich. Freiwillige Spenden und Zuwendungen von Zuhörern und sonstigen Freunden der Wissenschaft des Judentums zur Erhaltung des Instituts werden durch die Postsparkasse (Scheckkonto 190.997) dankend in Empfang genommen. Dr. J. Ticho, Julius Haber. Vortrag. Der erste Vortrag, der vom „Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien" in der neuen Saison abgehalten wurde, brachte einen interessanten Ausschnitt aus dem in Bälde erscheinenden Buche des Vortragenden Herrn Ludwig Bato, „Das jüdische Alt-Wien" über die Wiener Juden im Vormärz. Es wurden die geistigen und wirtschaftlichen sowie die politischen Verhältnisse der Zeit geschildert, die während und nach dem Kongreß für Wien und seine damalige Judenschaft äußerlich eine Glanzzeit gewesen. Es gab nur wenige, aber bedeutende und einflußreiche Familien, von welchen bereits neun geadelt waren. Allein sie waren bloß toleriert, eigentlich rechtslos und der Autor vergleicht ihre Lage treffend mit der des armen Schauspielers, der den hohen Herrn mimen durfte und auch keine gesellschaftliche gleichberechtigte Stellung einnahm. Gut wurde der Charakter des Kaiser Franz geschildert, der sie mißtrauisch bewachen und ihr Geld für sich arbeiten ließ. Die bekannten Namen Ornstein, Eskeles.. Rereira, Hertz u. v. a. werden gewürdigt, u. a. erzählt, daß Frau Rebekka Efraim die ersten Teeabende in Wien eingeführt, daß 1814 bereits eine Jüdin in einem Oratorium von Händel eine Solopartie gesungen, daß Juden namhafte Beträge für kranke Geistliche gespendet, Christen die Purimbälle besuchten, daß die Ludlanshöhle und die Concordia von Juden gegründet worden. Die Dichter Dr. August Frankl, Moritz Hartmann, Hieronymus Lorm, Josef Wertheimer, die Schriftsteller Leopold Kompert, G. M. Saphier, der, obwohl getauft, doch seine Reporternotizen in hebräischer Schrift machte, Ignaz Kuranda werden gut, wenn auch flüchtig charakterisiert. Der Vortrag erweckt berechtigte Neugierde auf das angekündigte Geschichtswerk des Verfassers. Med-Rat Dr. Heinrich Haase. Karl Kautsky, der am 16. Oktober seinen 70. Geburtstag feierte, und der zu den führenden Köpfen der deutschen Sozialdemokratie gehört, ist nicht, wie oft behauptet wird, Jude, sondern in Prag als Sohn katholischer Eltern geboren. Lesenswert von ihm ist insbesondere seine leider vergriffene Broschüre „Rasse und Judentu m". Vorträge des Herrn Rabbiner Dr. Kanrinka. Sonntag, den 2. November, 3 Uhr nachmittags, versammelten sich die zahlreichen langjährigen Zuhörer der Vorträge des Herrn Dr. Kaminka und viele neue Teilnehmer zur Eröffnungsfeier des neuen Institutes. Namens des Bethaus-Vorstandes, Hetzgasse 40, sprach Herr I n e r seine Freude darüber aus, daß man sich für diese Räumlichkeiten entschieden hat. Namens des provisorischen Komitees begrüßte Herr Carl Alt mann Die dieswöchentliche Fortsetzung der „Hauptmomente aus der Geschichte der Juden in Wien" von Rabb. Dr. M. R o s e nm a n n mußte infolge Raummangels entfallen. JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborstraße 44

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