Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 45 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064114--13232-3080726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 DFE WAHRHEIT Nr. 45 Eine Hakenkreuzdrohung gegen die Wiener Polizei. Vorigen Donnerstag abends hielten die Nationalsozialisten im Saale des Hotels „Zum Auge Gottes" eine Versammlung ab, in der Obmann Schulz gegen das Vorgehen der Polizei am vorletzten Mittwoch protestierte. An diesem Tag hatte nämlich die Sicherheätsbehörde dlie Terroristen daran gehindert, Autos anzufallen. Hierbei war ein Polizist schwer verwundet und >&ki förmliches Arsenal von Vexiermessern und' Knüppeln beschlagnahmt worden. Der Obmann Schulz erklärte nun: „Die Nationalsozialisten werden sich eine solche Behandlung auf dile Dauer nicht gefallen lassen*. Heute seien wieder 500 Wachleute aufgeboten, aberi die Nationalsozialisten werden nicht demonstrieren, sondern erst dann wieder auf die Straße gehew\, wenn es ihnen beliebt und wenn die Polizei nicht vorbereitet ist. Die Nationalsozialisten wieirden sich stets verletzt fühlen durch die jüdische Hakennase, wenn das deutsche Empfinden verletzt wird durch das Vordränge™ der Juden und durch dais fneeihe Auftreten unsittlicher Frauenzimmer." Die Polizeidirektion hat* angeordnet, daß mit Rücksicht auf die in der letzten Zeit sich wiederholenden, und offenbar organisierten Straßenüberfälle durch Hakenkreuzlerbanden in allen Bezirken in den Abendstunden ein verschärfter Sicherheitsdienst eingeführt werde. Die Rassenschützler. Die Budapester Polizei verhaftete dieser Tage zwei junge Leute, einen Oberbearnten der Tabakfabrik und den Privatbeamten Ladislaus G i r e t h, die im Laufe des Verhöres gestandet!, in dlie Wohnung der Frau Kalandra eingebrochen und Silbergegenstände im Gesamtgewicht von 15 Kilogramm gestohlen zu haben. Die Witwe Kalandra ist eine enragierte Parteigängern! der Erwachenden Ungarn, ihre nächsten Verwandten gehören zu den führenden Persönlichkeiten der ungarischen Rassenschützler und auch die beiden Einbrecher sind Mitglieder des Vorstandes des Vereines der Erwachenden in der Budapester Franz- Stadt Den Namen des verhafteten Oberbeamten der Tabakfaibriik verschweigt der Pol izeib erseht, hingegen weiß man von Gireth, daß er nach dem Sturz der Kommune zu den rücksichtslosesten Arbeiter- und Judenimördern gehörte und wegen seiner Tollkühnheit mit der Aufgabe betraut wurde, Bela Kran zur Zeit seines Wiieuer Aufenthaltes durch vergiftetes Gebäck zu töten. Damals wurde Gireth von der Wiener Poltoei verhaftet, jedoch auf Intervention von ungarischer Seite wieder freigelassen. Nach seiner Rückkehr nach Ungarn rH^m pr an allen Mordbrennereien, die seinerzeit in Budapest und in der Donau-Theiß-Geeend verübt wurden, persönlich teil. Die Einbrecher zerstückelten die Silbergegenstände und verkauften das Bruchsilber einem jüdischen Trödler namens Zeämier. Dieser erklärte bei seiner Eiinvernialhime, daß die .beiden Männer sich bei ihm als so hochstehende und' einflußreiche Personen legitimierten, daß er es nicht wagen durfte, den Kauf abzulehnen. Im übrigen habe er Tagespreise bezahlt. Die „einflußreichen Persönlichkeiten" sind bereits am Werke, die beiden rassenschütelerischen Einbrecher zu retten. Die Geschädigte, Frau Kalandra, eine Tante der Einbrecher, zog bereits die Anzeige zurück und der Oberbeamte der Tabakfabrik wurde plötzlich als geisteskrank erkannt und in eätn Sanatorium gebracht. Farbe bekennen! Wie bekannt, hat der Deutsch-Oesterreichische Alpenverein auf seiner Rosenheim er Tagung be;- schlossen, der Sektion „Donauland" nahezulegen, bis Ende Oktober aus dem Alpenverein auszutreten. Dieser Beschluß kam auf Drängen der Hakenkreuzler zustande. Am 14. Oktober hielt nun die Sektion „Donauland" eine außerordentliche Generalversammlung ab, in der eiustimmig beschlossen wurde, daß die Sektion „Donauland" nicht freiwillig austreten wird. Die „Donauland" hat damit ehrlich Farbe bekannt, was nur zu begrüßen, war. Nun wird der Alpenverein hoffentlich ebenso ehrlich im Dezember endgültig zu entscheiden haben, ob „Donauland" in der Organisation verbleiben soll. Die englischen Konservativen und Palästina. In einer von Baldwin, dem Führer der bei den englischen Wahlen siegreichen Konservativen Partei, im ganzen, Lande verbreiteten Kundgebung heüßt es, daß eine scharfe Einschränkung der Einwanderung platzgreifen wird!, sobald die Konservativen wieder zur Macht kommen. „Diieses Land". sagte Baldwin, „kann nur dann gedeihen, wenn seiner Bevölkerung die Arbeit gesichert ist. Man wind die Gesetze und Verordnungen in bezug auf die Einreise von Ausländern in England einer Ueberprüfung unterziehen müssen, denn if Zeiten der Arbeitslosigkeit solltet kein Ausländer einem Angehörigen unseres Volkes den Platz wegnehmen dürfen." Ein zehnjähriger jüdischer Universitätshörer. Großes Aufsehen erregte in New York düie Aufnahme dies zehnjährigen Kindes Artur Gottesmann, als Hörer der Oglethorpe- Undversität in Atlanta, Staat Georgien. Der kleine Gottesmann besitzt vollständig die nötige Vorbildung und es wurden auch gewissenhafte wissenschaftliche Untersuchungen gepflogen, ob sein Geist dlie Last der zu lernenden Materie ertragen kann. Die Messungen ergaben, daß er 184 Punkte der Intelligenz erreicht hat, gegenüber 100 Punkten, die ein 10jähriges Kind sonst besitzt. Er wird jetzt englische. Geschichte. Nationalökonomie, Französisch hören. Er ist kein Bücherwurm und hat nicht einmal fleißig gelernt. Die französischen Gelder Hitlers. Hitler hatte das „Tagebuch" von Stefan Großmann deswegen verklagt, weil dieses behauptet hatte, die nationalsozialistische Bewegung sei mit französischen Geldern großgefüttert worden und Hitler sei mit französischem Gelde bestechen. Stefan Großmann bot ein umfangreiches Beweisangebot an. Daraufhin wurde Hitler vor der Ansetzung des Prozeßtermins krank und als zu einem neuerlichen Termin das Gericht die zwangsweise Vorführung Großmanns androhte, der sich auch einmal herausgenommen hatte, kiänk zu sein, schlug sich Herr Hitler mit seinem Anwalt in die Büsche und Großmann bekam die Mitteilung, daß das Verfahren wegen Verjährung unter Ueberbördur. g der Kosten auf Hitler eingestellt worden sei. In der gleichen Angelegenheit schwebt eine Beleidigungsklage Hitlers gegen Dr. Pittinger, die kürzlich ausgesetzt wurde. Vermutlich dürfte es Hitler vorziehen, auch diesen Prozeß „verjähren" zu lassen und dimit den Beweis zu erbringen, daß er alles andere denn deutsche Ziele verfolgt hat. Ein völkischer Block in Oesterreich. In der letzten Zeit gab es in den Wiener Blättern Gerüchte über einen Zusammenschluß der österreichischen Nationalsozialisten mit den Gruppen um K. H. Wolf, Ursin und den Deutschsozialen (Dr. W. Riehl). Diese Gerüchte entbehren jeder Grundlage. Tatsache ist lediglich, daß, von K. H. Wolf ausgehend, der Plan eines Zusammenschlusses zu einem Kampfblock unter Aufrechterhaltung der Parteien zwischen den alldeutschen Verbänden, der nationalsozialistischen Partei in Oesterreich, den Deutschnationalen und den außerhalb der Großdeutschen Vereinigung stehenden Deutschnationalen aufgeworfen wurde. Ob sich die Herren wohl einigen werden? Mit Sturmfahne und Bierzipfel. „Treudeutschen Heilgruß" entbietet ein pfiffiger bayrischer Geschäftsmann seinen Kunden in einem Prospekt, in dem er zunächst darüber wehklagt, daß Völkische ihre Windjacken, Hakenkreuze und sonstigen völkischen Behang von Firmen beziehen, die nicht „reinrassig" sind. Und dann breitet er sein Warenlager vor dem geistigen Auge des Publikums aus, das der bekannten völkischen Dekorationsstücke nicht entraten kann. Es ist alles da — von der Sturmfahne bis zum Bierzipfel. Ja, es ist sogar etwas da, was bisher — trotz Ben Akiba — noch nicht dagewesen ist. Nämlich: „Bleisoldaten als Hitler-, Stahlhelm-, Wehrwolf- und Jungdo- Sturmmannschaften (ges. gesch.), wunderbar gemalt, feldgrau, mit Armbinden." Die alten wilhelminischen Generale, die sich längst über den Verlust des Weltkrieges durch das — allemal siegreiche — Kriegsspiel mit Bleisoldaten hinwegtrösten, erhalten neue Spielgenossen. Hitler und Ludendorff in Blei an der Spitze ihrer bleiernen Banden sind ein würdiges Spielzeug abgerutschter Putschisten. Zur Vervollständigung der Kollektion empfehlen wir dem betriebsamen völkischen Geschäftsmann, auch die Erzberger- und Rathenau-Mörder in niedlichen Miniaturausgaben gießen zu lassen. Mindestens zur Erinnerung an die „große Zeit" der Hakenkreuz-Aktionen. Ludendorff bleibt Spitzenkandidat. Berliner Zeitungen hatten behauptet, Ludendorft sei zur Niederlegung seines Mandates aufgefordert worden. Die Presseleitung der nationalsozialistischen Freiheitspartei teilt daraufhin mit, daß Ludendorff auch diesmal wieder Spitzenkandidat der Nationalisten sein werde. — Die Oeffentlichkeit wird mit Beruhigung Notiz davon nehmen. Ludendorff ist im Bankerottmachen ja schließlich kein Anfänger. Er wird schon die richtige Konfusion in die nationalkommunistische Sache hineinbringen.