Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 45 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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§dte 6 DtE WAHRlffitT Nr. 45 Wolken umgaben den Dampfer, die Wogen des Meeres kamen wieder angerollt, so daß die Wellen sogar über Deck hinüberspülten. Wenn auch das Schiff dem orkanmäßigen Sturme keck Trotz bot, waren die meisten Reisegenossen, besonders die Frauen, furchtbar ängstlich. Eine Reisegenossin erzählte, sie habe das namenlose Unglück auf der „Titanic", jenem Riesendampfer, der im April 1912 auf seiner ersten Fahrt nach Europa in den Fluten des Ozeans ve rsank, mite rlebt, und daß sie eine der Geretteten sei. Das genügte, daß fast alle: Reisenden von einer Schiffsunglückspsychose ergriffen und demzufolge seekrank wurden. Auch ich hatte einen schweren Tag. Spät am Nachmittag heiterte sich der Himmel aus, die Sonne kam zum Vorschein und das Schiff nahm wieder ruhigen Lauf, so daß ich mich auf Deck hegeben konnte. Am offenen Fenster stehend, bot sich mir ein entzückender Anblick: Das Baden der zur Neige gehenden Spönne im Meere. Ich sah dem Rauschen des Meeres und dem Ringen der Wellen miteinander zu. Leibnitz' schöner Ausspruch kam mir in Erinnerung: „Mächtig ist das Rauscheni des Meeres, aber verschwindenjd klein ist das Geräusch der einzelnen Wellen." Fürwahr, diachte ich, die Zeit ist das Meer, wir Menschen sind die Wellen ... (Forlsetzung folgl.) Glossen. Hof rat Professor Gersuny, der dieser Tage in hohem Alter aus dem Lehen schied, ist nur einer von den vielen großen Aerzten, die aus dem Judentum hervorgegangen sind und mit Recht als Heroen •der Wissenschaft, als Wohltäter der Menschheit gepriesen werden. Der Idealismus Gersunys leuchtete auch aus manchem feingeschliffenen Vers hervor, in weichem er das Niedrige bekämpfte und das Hohe, Edle verherrlichte. Treue Anhänglichkeit an die Religion, in der er geboren, hat Gersuny nicht bekundet; dies zu verschweigen, wäre unwürdig eines Blattes, das den Interessen dies Judentumes dient, und nicht Jene, leider weitverbreitete Anschauung unterstützen möchte, die, wenn es die Karriere fordert, den Abfall vom Judentum wenn auch nicht gerechtfertigt, so doch entschuldigt sieht. Die Belastung mit dem jüdischen Erbe war für einen Mediziner, der sich die besondere Gunst und Förderung B i 11 r o t h s erhalten wollte, gewiß alles eher als eine Empfehlung, und Gersuny brachte es nicht über sich,seinem großen Lehrer und Meister den Rücken zu kehren. Unwillkürlich wird man da an einen anderen großen Meister der ärztlichen Kunst in Wien, an Nothnagel erinnert, der über die Taufe anders dachte. Einer seiner Lieblingsschüler glaubte eines Tages dem gefeierten Lehrer eine freudige Botschaft zu überbringen, indem er ihm mitteilte, er habe den Glauben seiner Väter verlassen und habe im Geheimen die Taufe angenommen. Statt beglückwünschende Worte beikam der junge Arzt aber die von sittlicher Entrüstung diktierte Zurechtweisung Nothnagels zu hören, der ihn daran erinnerte, daß er der Sohn ejnes Vaters sei, der zu den ruhmvollsten Männern des Judenrums zählte, das er auch selbst in manchen seiner Gedichte verherrlicht hatte. Der junge Arzt hörte beschämt die Lektion an, beherztigte sie aber auch. Die Wenigen, die von seiner Taufe gewüßt hatten, erfuhren zu ihrer Ueberraschung bei seinem Tode — er staub als Professor —, daß er als Jude gestorben war. Er würde auf dem jüdischen Friedhofe begraben. * * * Der noch unauigeklärte Fall des armen Schusterlehrlings Grusch in Meidling, der an der Planke des Restaurants Tivoli in zerfleischtem Zustande aufgewunden wurde, hat die Phantasie der Wiener Hakenkreuzler befruchtet. Die Obduktion hat erge!ber^ daß der Knabe von dem dortigen Wachhunden zerfleischt worden war. Die „Deutsche Arbeiterpresse" ist mit dieser so unselig traurigen Erklärung nicht zufrieden und fabriziert sich die hier folgende Zuschrift, die am 1. Nebelung — für Nichtteutoneri sei bemerkt, daß das der 1. November sein soll — mit fetten Lettern publiziert wird: „Ist es nicht ein ungeheurer Skandal, daß solche Hunde gehalten werden?" So äußern sich die Juiden^ zeitumgen über die Zerfieisehung des armen Jungen durch die Hunde des Wirtschaftsbesitzers am Tivoli. Uns aber kommt ein anderer Gedanke, der sich allerdings nicht mit dieser Anschauung und jüdischen Folgerungen, daraus deckt, denn erstens geht in Meidfog das nicht laiuszuimerzende Gerücht, daß der Junge m i t d u r c h schnitten e r Kehle aufgefunden wurde. Zweitens ist es Tatsache, daß sich nicht weit T a t o r t das j ü d ische Waisenhaus mit d e n 3 0 - b i s ^jährigen N a c h t b e s u c h e r n und den „Palästinaaus Wanderern" befindet und drittens ist es bezeichnend, daß sich der Fall zur Zeit dl er jüdischen Feiertage abspielte. Wir glauben, oder besser gesagt, man gestatte uns den Glauben, daß da möglichen weise eim gewisser Zusammenhang besteht. Wir erinnern uns noch immer der Prozesse über Rituaknorde und können uns nicht des Gedanikens erwehren, daß, da auch damals ohne Grund diese Prozesse nicht geführt worden sind, auch im heutigen Oesterreich die Möglichkeit einer Unterdrückung verschiedener Tatumstände nicht von der Hand zu weisen ist. Der noch nicht ganz aufgeklärte und der Bevölkerung unheimlich dünkende Fall am Tivoli wäre gewiß noch näherer Untersuchuingen wert." War stimmen den Blatt bei, daß der Fall vom Tivoli näherer Untersuchungen wert ist, meinenaber auch, daß die von uns wiedergegebene Zuschrift selbst Anlaß zu einer Untersuchung geben sollte'. Wir glauben nicht, daß der Pressestaatsanwalt sich um die Person des Schreibers, respektive dessen Hetzversuche kümmern sollte, denn es ist völlig ausgeschlossen, daß ein Mensch mit normalem Gehirn dies schrieb. Denn es ist z. B. eine allgemeine, nur dem Schreiber nicht bekannte traurige Tatsache, daß die Ritualmordlegende an das Pessaehfest anknüpft und daher schon aus diesem Grunde an: den Nebeliungstagen ganz deplaciert ist, selbst wenn man alte anderen Gründe der Vernunft und der Wahrheit streicht. Aber davon abgesehen, wäre es schon aus sanitären Gründen angezeigt, daß die Untersuchung sich darauf beziehe, ob der Schreiber selbst nicht von den in Rede stehenden Hunden gebissen worden ist und) dadurch zu einer Gefe.hr für seine Nebenmenschen werden kann. * *