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Die Wahrheit · 1924-11-07 · Heft 45 (7.11.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45 DIE WAHRHEIT Seite 7 Ein Budapester Blatt verzeichnete vor einigen Tagen in einer kleinen Notiz aus dem Gerichtsaai mit unscheinbaren Lettern, daß der Kutscher Luidtwig V i d a wegen eines groben Exzesses zu fünf Monaten verurteilt wurde. Du lieber Himmel, daß ein roher Kutscher sich m Ausschreitungen hinreißen läßt, ist in der Tat kein so unerhörtes Ereignis, dem besondere Aufmerksamkeit oder gar eine eingehende Erörterung gewidmet werden müßte. Trotzdem müssen wir sagen, daß uns der Fall des Kutschers Vida, der in dem erwähnten Blatte nicht mehr als vier oder fünf Zeilen ausfüllte, sehr -beachtenswert, ja so wichtig erscheint, daß wir gar nicht gestaunt hätten, wenn sich die gesamte ungarische Presse, das Parlament und die Regierung mit ihm beschäftigt hätten. Dieser Ludwig Vida mußte nämlich vor Gericht erscheinen, weil er bei einer kleinen Auseinandersetzung mit einem Passagier diesen erstens einen „stinkendien Juden" genannt hatte und ihm zweitens als Ergänzung dieses Titels schwere körperliche Verletzungen beibrachte. Der so mit Worten' apostrophierte und mit Fäusten traktierte Passagier war aber — Graf Michael Andrassy! Wir kennen nicht die politischen Gesinnungen des Grafen Michael Andrassy, wissen daher auch nicht, oh er die Gleichberechtigung der Juden in Ungarn als mehr denn eine veraltete und überwundene Fiktion betrachtet, aber wir finden es allenfalls für begreiflich, dalß er keine Lust empfand, schweigend die Rolle eines Märtyrers für das Judentum zu Ende zu führen. Der Graf hatte wirklich allen Grund, Klage über die Behandlung zu erheben, die ihm zuteil geworden. Ob Ludwig Vida seine fünf Monate bekommen hätte, wenn er seine politische Ueberzeuguug an einem wirklichen Juden ausgelassen hätte und nicht an einem Manne, der nur wie ein Jude .aussieht, diese Frage sei hier nicht wieder berührt. Merkwürdig bleibt es allerdings, daß in Budapest der Fall Vida— Andrassy so sang- und klanglos vorübergegangen ist. Es wäre auch schließlich interessant gewesen, zu erfahren, wie z. B. ein den Rassenschütziern so nahe gerückter wie seinem großen freisinnigen Vater entfernter Träger des Namens Andrassy über diese Affäre denkt. Schade, daß weder ein liberaler noch ein antisemitischer Journalist den Grafen Julius Andrassy interviewte. * Der Ex-Kaiser Wilhelm II. hat kürzlich das unabweisbare Bedürfnis empfunden, sich in einem Schrejben an das Konsistorium in dem stolzen Bewußtsein, das oherste Haupt seiner Kirche in Deutschland zu sein, über einige theologische Fragen zu äußern. Kein Zweifel, Wilhelm II. ist der vielseitigste Dilettant, den man sich denken kann. Er hat solange Reden gehalten, bis der deutsche Reichstag in Erfüllung einer patriotischen Pflicht es für nötig hielt, ihn in einer feierlichen Entschließung aufzufordern, fürderhin nur noch Reden zu halten, deren Zensur vorher erfolgte und nicht erst nachher, nachdem das Malheur schon geschehen war. Wilhelm II. hatte durch seine gesprochenen Kunstkritiken den größten •Heiterkeitserfolg errungen, um den ihn jeder Komiker in Deutschland beneiden konnte, während sein „Sang an Aegyr" ihn zu enen Komponisten gesellte, die sich in gewissem Sinne unsterblich machten. Daß er als Herrscher nur ein blutiger Dilettant war, dieses Zeugnis hat ihm in seinem jüngst erschienenen Memoiren sogar einer seiner letzten Freunde Fürst E u 1 e n b u r g gegeben. Der Ex-Kaiser hätte vielleicht darauf verzichtet, sich auch auf dem Gebiete der Theologie zu blamieren, wenn er nicht geglaubt hätte, hierbei wieder einmal sein antisemitisches Mütchen kühlen zu können. Wilhelm II. ist nämlich glücklich einigen Schriftstellern, die das Evangelinim nicht weniger als das alte Testament hassen, nachschreiben zu können, daß Jesus als Galiläer eigentlich ein Arier war. Man sieht, der Antisemitismus Wilhelms macht nicht einmal vor dem Stifter des Christentums Halt. Fehlt nur noch, daß Wilhelm, um konsequent zu sein, nächstens die Behauptung aufstellt, auch König David (mütterlicherseits wird ja die Abstammung Jesus auf das Haus Davids zurückgeführt) sei kein Semit, sondern ein echter unverfälschter Arier gewesen. E g o. Neues aus Chelm. Die Redaktion trägt für diesen Artikel, dessen Autor ihr bekannt ist, keine Verantwortung. Die Stadt Chelm, von der ihr in Nr. 43 der „Wahrheit" gelesen habt, ist nicht nur durch ihren Synagogenbau im Lande bekannt geworden, nein, auch auf medizinischem Gebiet besitzt Chelm einen großen Namen. Denn Chelm hat eine eigene Klinik und eigene Therapie. Kam einst ein fremder Arzt nach Chelm und besuchte die Klinik. Da zeigte ihm der Chelmer Professor einen interessanten Fall; einen Mann, der über und über mit Pflästerchen beklebt war. Dem erstaunten Gast erklärte der Professor, der Patient leide an einer böswilligen Eiterung. Wo sie erscheint, klebe er ein Pflaster auf, um die Wunde zu verdecken. Da fragte der fremde Arzt: „Warum helft ihr nicht mit einer radikalen Operation. Der Arme geht doch an einer Blutvergiftung zugrunde." Erschrocken entgegnete der Chelmer Professor: „Um Himmelswillen, er könnte ja bei der Operation einen Blutverlust haben.'* Ihr wollt nun wissen, wer der Professor und wer der Patient ist, den Professor, den kennt ihr schon; er nennt sich „Der ungläubige Thomas'". Doch stärker als sein Unglaube ist sein Mangel an Ritterlichkeit, die jedem Literaten gebietet, derartige Angriffe mit offenem Visier auszutragen. Das war kein Heldenstück, Oktavio! Lieber „ungläubiger Thomas", Sie sind ein so geschickter Journalist, daß man Sie nicht packen kann, um Ihnen Ihre Unrichtigkeiten zu beweisen. Wenn Sie z. B. vom Keren Hajessod, von Universität und Tanzschule in einem Atemzug sprechen, so muß man das wohl mehr als merkwürdig empfinden. Doch genug davon, denn der Patient ist uns wichtiger. Der Patient, das werdet ihr schon erraten haben, das ist das Judentum. An vielen Stellen zeigen sich Wunden, offene und solche, die man verheilt geglaubt, sich wieder geöffnet haben. Wunden, die wir bisher immer mit Pflästerchen heilen wollten. Und da wir uns nun einmal zur Radikaloperation entschlossen haben, eine, die alle zentrifugalen Kräfte des jüdischen Organismus binden soll, zur gemeinsamen Anstrengung, Palästina wieder aufzubauen, so wollen wir glauben an die Erreichung des Zieles „Jeruscholajim hallelujah", mögen auch die Ungläubigen spotten. Ein gläubiger Thomas. Was man uns schreibt Zu den Kultuswahlen. Wie uns mitgeteilt wird, ist unter einem Wahlaufruf des „Religiösen Blocks" der Name des Herrn Bezirksrates Dr, Koloiman F r e u d e r ohne sein Wissen und gegen sein Einverständnis gesetzt worden. Herr Bezirksrat Doktor Koloman Freuder hat gegen diesen eigenmächtigen Schritt bei der Wahlleitung des „Religiösen Blocks" schärfste Verwahrung eingelegt.

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