Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 45 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 DIE WAHRHEIT Seite S ist, zählt sie nur 5 Prozent Juden, das ist ungefähr so viel, als dem Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung im ganzen ehemaligen Zarenreiche entspricht, wobei noch zu bedenken ist, daß die kommunistische Partei sich fast ausschließlich aus den Stadtbewohnern rekrutiert, die Juden in Rußland aber vorwiegend Städter sind, in manchen Städten bis zu 50 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Wenn die Juden also eine Neigung zum Kommunismus hätten, oder an der Beherrschung Rußlands nach dem Maßstabe ihres Anteiles an der Bevölkerungszahl teilnehmen wollten, so müßten sie in der kommunistischen Partei mindestens zehnmal so stark vertreten sein. Die von den Antisemiten aller Länder und Völker verbreiteten Listen, wonach fast 80 Prozent der Mitglieder der Sowjetregierung Juden seien, wird durch klare und erschöpfende Angaben unter Nennung der Namen ad absurdum geführt. Unter den 18 Volkskommissaren, die das eigentliche regierende Kabinett bilden, gab es einen, zeitweise zwei Juden, unter den 162 Mitgliedern der Ministerkollegien (Staatssekretären) gab es insgesamt sieben Juden. Alle werden mit Namen aufgezählt. Es ist ein beliebter Schwindel der Antisemiten, besonders in Amerika, von soundsovielen jüdischen Volkskommissaren zu sprechen, während sie darauf rechnen, daß der Durchschnittsleser den Unterschied zwischen Kommissaren und Volkskommissaren nicht merkt. „Volkskommissar" ist der Titel der Mitglieder des Regierungskabinetts, deren es, wie gesagt, bloß 18 gibt, unter denen zwei Juden waren. „Kommissar" dagegen heißt jeder Sowjetbeamte und Angestellte, und solcher Kommissare gibt es unter den Juden tatsächlich zu Tausenden. Auf Grund genauer statistischer Tabellen weist der Verfasser nach, daß die Zahl der jüdischen Kommissare eigentlich weit hinter der Bevölkerungszahl der Juden zurücksteht. Es bleibt nur die Tatsache, daß jetzt die Sowjetregierung auch Juden im Staatsdienst anstellt, da aber die Zahl der Beamten und Angestellten sehr groß ist, werden auch Juden in großer Zahl angenommen. Diese erschütternde Tatsache macht auf die Antisemiten einen so unheimlichen Eindruck, daß sie in jedem Kommissar einen Juden sehen. Alles in allem sind in den einflußreichen und tonangebenden Stellungen der der Sowjetregierung unter ungefähr 1000 Personen vierundzwanzig Juden, die mit Namen angeführt werden. Und aus dieser Zahl haben die Antisemiten Legionen gemacht und die Juden zu den Schöpfern des Bolschewismus erhoben. Von besonderem Interesse ist das Kapitel über die Ermordung der Zarenfamilie, dessen Inhalt sich in der kurzen Ueberschrift zusammenfassen läßt! „Wie fünf Juden, die überhaupt nie existiert haben, den Zaren und seine Familie ermordet haben." Die Behandlung der Juden in Rußland illustriert das erschütternde Kapitel über die j ü d ischen Kindersoldaten unter Nikolaus I., wo überhaupt zum ersten Male nach den Quellen und zeitgenössischen Schilderungen eingehend dargestellt wird, wie unter dem genannten Zaren jüdische Knaben zwischen 8 bis 12 Jahren durch List und Gewalt ihren Familien entrissen und für 25 Jahre unter die Soldaten gesteckt wurden. (Schluß folgt.) Bei unseren Brüdern in New York. Wahrnehmungen und Betrachtungen. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) In Cherbourg sieht man erst recht, welches Unheil der unselige Weltkrieg verursacht hat, den krassen Beweis des himmelschreienden Elends Europas. Man bekommt da einen Begriff, wie manche Völker Europas die Kultur, auf die sie stolz zu sein behaupten, immerfort schänden. Man sieht zusammengebrochene, tief niedergeschlagene Frauen, die zu ihren Männern, hochbetagte Eltern, die zu den Kindern hinübergehen. Die meisten von ihnen konnten jahrelang infolge des Krieges von ihren Angehörigen in Amerika kein Geld bekommen und waren daher der größten Not preisgegeben. Besonders herzzerreißend ist das Los jener Juden, die in der Zeit der furchtbaren Metzeleien in der Ukraine durch die Horden Denikins, Koltschaks und Petljuras über die Grenzen nach Polen und Rumänien geflüchtet sind. Sie erzählen Schauderhaftes und die Haare stehen einem einfach zu Berge, wenn man ihre Schilderungen zuhört. Man liest ihnen die furchtbaren Schicksale an ihren Gesichtern ab. Nun haben sie die ordnungsmäßigen Affidavits (Bürgschaftserklärungen) und nach vielen Schwierigkeiten auch das amerikanische Visum. Sie hoffen bald das gesegnete Land zu betreten und sich dort, nach langen, bitteren Jahren mit ihren Lieben zu vereinen. Wie aber, wenn man ihnen den Einlaß nach Nordamerika verwehrt? Denn man kann nie voraussehen, wie die Einwanderungsbehörde bei der Ankunft in New York verfügen wird. Da kann oft ein Zufall Böses anrichten. # Am 4. Oktober dampfte ein Schiff der White Star-Line nach New York ab, welches fast 2000 Emigranten an Bord nahm. Man erlasse es mir, den Eindruck wiederzugeben, welchen auf mich der lange Menschenzug, aus der Auswandererhall'e tretend, gemacht hatte. Zum Schlüsse war es düesen Europamüden doch bange zumute, und so mancher hatte nasse Augen. * Am Nachmittag des 5. Oktober kam auch an mich die Reihe. Ein Extraboot brachte uns Passagiere der R o y a 1 - M a i 1 - L i n e zu dem aus Hamburg ankommenden Dampier „Ohio", der in Cherbourg hielt, um die über Frankreich kommenden Passagiere aufzunehmen. Ich bezog eine Kabine zweiter Klasse, die ich mit noch zwei Herren, einem jungen jüdischen Mann aus der Bukowina und einem gemütlichen älteren Burgenländer, zu teilen hatte. Wir fanden fast alle Reisegefährten, die sich in Hamburg, bzw. in Southampton an der englischen Küste eingeschifft hatten, seek r a n k. Sie berichteten, daß die Fahrt den ganzen Tag über von äußerst schweren Stürmen begleitet war. Nach etwa einer halben Stunde begann die Schiffsmaschine mit lautem Getöse wieder zu arbeiten und der Dampferkoloß setzte unter Musikklängen die Fahrt fort. Wir Neueingestiegenen gingen gleich auf Deck, denn es hieß, wer gleich beim Einsteigen sich ins Freie begibt und die Meeresluft einatmet, bleibe von der Seekrankheit verschont. Der Anfang war geradezu entzückend. Ich stimmte diesmal den Psalm 107, der von der Meerfahrt und ihrem Gefahren spricht, mit besonderer Andacht an. Dieser Psalmabschnitt wurde von Rabbi Israel Baal-Schern Tow, dem Begründer der chassidi'schen Geistesrichtung, in das Rituale eingefügt und wird von den Chassidim als Einleitungsgebet am Freitag nachmittags angestimmt. Als ich das Abendgebet beendet hatte, war der Nebel gewichen und auch die Stürme beruhigten sich. Der Mond erschien auf dem mit Sternen besäten Himmel! und stieg, wie uns zum Gruß, immer höher. Nach und nach waren die Häuserreihen von Cherbourg und die Anhöhen um den Ort unseren Augen entschwunden, zum Schluß auch 4er Leuchtturm. Wiedler auf offener See, nahm der Dampfer sein beschleunigtes Tempo ein. Und nun sahen wir nichts als Himmel über und Wasser unter uns. Samstag morgens erneuerten sich die Stürme umso heftiger. Dicke