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Die Wahrheit · 1924-11-07 · Heft 45 (7.11.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sei t« 4 DIE WAHRHEIT Nr. 45 uns gemerkt. Noch mehr! Er fragte uns, welche Zeile von einer gegebenen Seite er vorlesen solle. Wir verlangten die sechzehnte von oben. Diese kann ich nicht lesen, sagte er, denn da ist in dem Buche eine leere Stelle; aber ich will Urnen den Inhalt dier zwölften angeben; was er sofort tat. Beim Aufschlagen der Seite fand sich alles genau so, wie er gesagt. Einer der Anwesenden, ein Arzt, bezweifelte, ob Hersch-Dänemark in dem Buche lesen könne, wenn er es unmittelbar mit dem Finger berühre. Doch seine Sehergabe blieb dieselbe, das Buch mochte mit einem leinenen, seidenen oder wollenen Tuche belegt sein. Bedenkt man, daß er diese Gabe zu jeder beliebigen Stunde und ununterbrochen nun schon seit einer langen Reihe von Jahren betätigt, so möchte es schwer sein, die mit den bis jetzt bekannten Erscheinungen des Hellsehens in Parallele zu bringen." Daumer hat Recht, einen Menschen, der imstande ist, in einem geschlossenen Buche zu lesen, einen „Wundermenschen" zu nennen, denn wenn man das Gedächtnis anstaunt, das den Wortlaut eines gelesenen dicken Buches behält, so ist das lange nicht so „wunderbar", wie wenn einer eine Seite oder selbst eine Zeile aus einem Buche zitieren kann, das er — nicht gelesen. * * * lieber das Privatleben Hersch-Dänemarks, der etwa ein Alter von 75 Jahren erreichte, sind nur spärliche Mitteilungen bekannt geworden. Ein Sohn Hersch-Dänemarks, der beim Tode seines Vaters kaum dem Kindesalter entwachsen war, hat pietätvoll alles aufgezeichnet, was ihm über den Lebensgang seines Vaters zu eruieren möglich war. Diese Aufzeichnungen, auf die wir in der nächsten Nummer zurückkommen, enthalten manches auch kulturhistorisch interessante Detail, das der Vergessenheit entrissen zu werden verdient N. N. Im Kampfe gegen den Antisemitismus. Eine Selbstanzeige. Von Benjamin Segel. Der Antisemitismus, der seit dem Aufhören des Weltkrieges die Völker zu einem Weltkrieg gegen die Juden zu organisieren bestrebt ist, bedient sich im Kampfe sehr verschiedener Waffen, aber diese lassen sich alle auf zwei Hauptarten zurückführen: die eine bedient sich unter den verschiedensten Formen des Argumentes, daß die Juden in der europäisch-amerikanischen Völkerwelt fremde Eindringlinge sind, deren Einfluß schädlich und zersetzend wirkt, und die man darum ausrotten, hinausdrängen, oder mindestens unter Fremdenrecht stellen müßte. Die andere Abart geht in dieser Richtung weiter und versichert, daß die Juden nicht nur als fremde Eindringlinge, sondern als gefährliche Feinde den europäisch-amerikanischen Völkern gegenüberstehen, daß sie zielbewußt und wohlüberlegt auf deren Untergang und Verderben hinarbeiten, daß sie zu diesem Zweck seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden eine geheime Verschwörung bilden, die sich über die ganze Welt erstrecke, alle Geheimgesellschaften, besonders die Freimaurer in ihre Gewalt einbezogen, und alle Mächtigen dieser Erde mit ihren Netzen umstrickt habe; diese Verschwörung habe den Zweck, alle großen Völker und Staaten der zivilisierten Welt durch Weltkriege, Revolutionen, Klassenkampf, Hunger und Seuchen der Reihe nach zu zerstören, sämtliche Throne und Altäre, nämlich die Monarchien und Religionen umzustürzen und auf deren Trümmern eine jüdische Universalmonarchie aufzurichten, an deren Spitze ein jüdischer „Weltherrscher aus dem Stamme David" stehen soll. Dieses jüdische Weltreich wird zugleich eine Weltkirche bilden, und der jüdische Weltherrscher wird zugleich Weltpapst sein. Alle Kriege, Umwälzungen, die die Welt je erlebt, seien das Werk der verborgenen jüdischen Hand, namentlich gilt das von dem vor kurzem überstandenen Weltkriege und der darauffolgenden Umwälzung, die nur Vorläufer der allgemeinen Weltrevolution seien. Namentlich der Sturz der Monarchie und das Emporkommen des Bolschewismus in Rußland haben die Juden vollbracht, alle Bolschewisten seien Juden und alle Juden Bolschewisten. Das Schicksal Rußlands stehe allen europäischen Staaten bevor. . . Das gemeinsame Ziel dieser beiden Arten des Antisemitismus ist, den großen Massen der europäisch-amerikanischen Völker die Ueberzeugung beizubringen, daß die Gleichberechtigung der Juden auf direktem oder indirektem Wege aufgehoben werden müsse, daß die Juden in den Zustand der Rechtlosigkeit zurückgedrängt werden müssen, in dem sie sich etwa im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts befanden. Diese beiden Prinzipien haben ihre wütendsten und rücksichtslosesten Vertreter in Deutschland (von Mittel- und Osteuropa abgesehen), sie zählen Millionen- Anhänger in England und in den Vereinigten Staaten, in diesen Ländern haben sie auch starke Agitationszentren und mächtige Gönner. Die erste Richtung fand ihre Verkörperung in dem Buch „S e c e s s i o J u d a i c a" von Hans B1 ü h e r. Hans Blüher ist nicht der erste beste. Er ist einer Hauptbegründer und der angesehenste Führer der sogenannten freideutschen Jugendbewegung und zählt, nach der Zahl der Auflagen seiner Bücher zu urteilen, Hunderttausende von Anhängern in den Kreisen der Gebildeten und der Halbgebildeten, namentlich der Studentenschaft. Die Secessio judaica machte auf die jüdischen Leser, wie aus den Artikeln in den jüdischen Wochenblättern Deutschlands hervorging, starken Eindruck..... Diesem gefährlichen Feind galt es zunächst die Maske der Gelehrsamkeit vom Gesicht zu reißen. Das zu tun bemühte ich mich in meiner Schrift „Philosophie des Pogroms" (Berlin, Philoverlag 1923). Ferner galt es, in die Tiefen der Blüherschen Metapl^sik hineinzuleuchten, aus der sein „neuer" Antisemitismus hervorgeblüht ist. Das mußte mit einer satyrischen Lampe geschehen, denn dieser Held der freideutsch'en Studentenscharen gleicht dem König in Unterhosen aus Ludwig Fuldas Komödie; bei näherem Besehen wird man gewahr, daß er nichts anhat. Der großsprechende Ton und das sehr geschickte Nachahmen von Wagner und Chamberlain, die zur Schau getragene Geringschätzung der „zünftigen Fachwissenschaft", das allein ist „modern" in diesem Schöpfer des neuen Substanz-Antisemitismus, der den Juden „gerecht" werden will. Zieht man das alles ab, so entpuppt sich ein kleines, gemeines Antisemitlein, das die alten Schlagworte nach Indianergeschmack aufgeputzt hat, um Gefallen zu finden in der jetzigen Studentengeneration, wie sie in Deutschland und Oesterreich und seit einiger Zeit auch in den Vereingten Staaten von Nordamerika die neue Kulturepoche mit der Hetze gegen die Juden einweiht. — Dimitri Bulaschow in seiner Schrift „Bolschewismus und Judentum" (vierte Auflage, Philoverlag, Berlin 1924) hat dieses heikle, vielumstrittene Thema von der historischen und statistischen Seite angefaßt. Es hat nämlich gar keinen Zweck, mit den Antisemiten abstrakte Diskussionen über das Thema zu führen. Entspricht der Bolschewismus der Lehre des Judentums und den Interessen der Judenheit? Das führt ins Uferlose, und man kann sich nie auf greifbare Tatsachen berufen, da man im Meer der Theorie schwimmt. Wichtiger ist es, festzustellen, in welchen Gegenden Rußlands die Revolution zum Ausbruch kam und der Bolschewismus sich etabliert hat. W^ären die Juden die Schöpfer und Träger des Bolschewismus, so hätte dieser im Ansiedlungsrayon seine Herrschaft aufrichten müssen, wo fast alle sechs bis sieben Millionen russischer Juden wohnten, nicht aber im Innern Rußlands, wo nur privilegierte Juden wohnen durften, deren Zahl bis 1917 etwa zweihunderttausend betrug, unter hündertundzwanzig Millionen Nichtjuden. Wichtig war es, das Verhältnis der Juden zu den politischen Parteien Rußlands festzustellen. Das geschieht auf Grund eingehender statistischer und historischer Feststellungen nach den amtlichen Quellen. Es zeigt sich, daß es unter den russischen Juden wie unter allen anderen Menschen auch Linksparteien gibt, aber merkwürdigerweise waren sie in der kommunistischen Partei am allerwenigsten vertreten, fingen erst im Jahre 1917 an, zahlreicher in diese Partei einzutreten, und auch heute noch, da diese Partei in Rußland die herrschende, die alleinherrschende

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