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Die Wahrheit · 1924-11-07 · Heft 45 (7.11.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45_Dffi WAHRHEIT___Seite 3 Ein jüdischer Gedächtniskünstler. In jüngster Zeit wurde vielfach von berufener Seite auf eine Reihe von phänomenalen Gedächtniskünstlern hingewiesen, deren Leistungen die Wissenschaft sozusagen fassungslos gegenübersteht. Merkwürdigerweise wurde jedoch kaum flüchtig der Name eines Mannes genannt, der nicht nur durch seine an das Unglaubliche grenzende Gedächtmiskraft vielleicht alle in den Schatten stellt, die auf diesem Gebiete je hervorragten, sondern überdies noch eine Fähigkeit besaß, die — nach dem Zeugnis von Männern der Wissenschaft — weit die Grenzeni menschlicher Kunst überstieg, für die der Ausdruck phänomenal nicht genügt, sondern die fast wie ein Wunder erscheint. Es ist dies Hersch-Dänemark. Der als Gelehrter und Dichter berühmte Georg ' Friedrich D a n m e r, dessen Name im Zusammenhang mit der neuerlich zur Diskussion gestellten Kaspar Hause r- Frage gerade jetzt vielfach genannt wird, hat bekanntlich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine Reihe sensationeller Publikationen veröffentlicht, die sich mit Kaspar Hauser beschäftigen. In einem J873 erschienenen Werke, in dem er neue Materialien zum Beweise, daß Häuser kein Betrüger war, bringt, widmet Daumer auch dem rätselhaften Hersch-Dänemark ein Kapitel, dlas den Versuch einer Würdigung dieser beispiellosen Erscheinung bedeutet, an der die Mit- und Nachwelt eigentlich viel zu gleichgültig vorübergegangen ist. Daumer schreibt unter anderem: „Ich kann mich nicht enthalten, noch etwas ganz Außerordentliches zu erwähnen, was durch namhafte Zeugnisse für eine, so unglaublich sie erscheinen mag, dennoch truglos wahre Erscheinung erklärt worden ist. Ich meine die erstaunlichen Befähigungen eines israelitischen Gelehrten, des Rabbi Hersch-Dänemark aus Siebenbürgen. Es ist erstlich ein ganz enormes Gedächtnis, wias sich hier erwies; dann die ihm mögliche augenblicklich schnelle, Uebersicht langer Wort- und Zahlenreihen, und endlich, was am meisten Verwunderung erregte, die vollkommene Durchsichtigkeit, welche für seinen Geistesblick verschlossene und ihm sonst gar nicht bekannte Bücher hatten. Es heißt von ihm, er kennt nicht nur den Talmud buchstäblich1 auswendig, sondern liest Worte in geschlossenen Büchern, die jeder mitbringen kann, wenn sie hebräisch sind oder doch hebräische Worte enthalten. Er seübst oder ein anderer berührt mit einer Finger¬ oder Nadelspitze eine Seite eines zusammengeschlagenen Buches, und der Rabbi gibt dann, während er oft die Augen geschlossen hält, die Worte an, welche durch die Berührung angezeigt sind. Er ist insofern ein wahrer Wundermensch und Wundertäter und hat sich als solcher beliebiger Beobachtung preisgegeben. Er produzierte sich in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Am 26. September 1842 geschah es zu Basel vor einer Gesellschaft von Universitätsprofessoren und Geistlichen. Er ließ, wie von dort berichtet wird, von einer Anzahl hebräischer Bücher, die aus der hiesigen Bibliothek herbeigeschafft worden waren, ein beliebiges auswählen, sich von den Anwesenden je eine Seiten- und Zeilenanzahl nennen und gab dann augenblicklich die an dieser Stelle befindlichen Worte an. Er bezeichnete mit dem Finger eine Stelle im Talmud, gab an, was sich an dieser Stelle, so und soviel BUätter weiter unten oder oben, für Worte und Zeichen finden müßten, rezitierte, von dem Buche abgewandt, lange Seiten aus demselben und gab jedesmal auf die Silbe an, wo eine neue Seite beginne. Er ließ jemanden den Finger oder eine Stecknadel in irgend eine Stelle des Ruches legen oder an einem Blatte eine Ecke umschlagen und nannte dlie unten und oben von der Nadel, dem Finger oder der Ecke des Blattes berührte Stelle: oder er ließ mit der Stecknadel mehrere Blätter durchstechen und gab die Zahl der durchstochenen Seiten, sowie die Stelle an, wo die Nadel stehen gebliebene Solche Operationen machte er unter anderem mit einem Manuskripte der hiesigen Bibliothek, einer von einem Anwesenden mitgebrachten Taschenausgabe der Psalmen und einer Edwaldschen Grammatik. Von Taschenspielerkünsten konnte keine Rede sein, da der Rabbi von sehr kritischen Blicken bewacht war. In) Wien wurde er zu besonderen Produktionen vor dem Erzherzog Franz und in dem Salon dies Fürsten Metternich beschieden, wozu ausgezeichnete dortige Naturforscher und Sprachkundige beigezogen waren. Bei dem Abschied wurde er' von dem Fürsten mit einer goldenen Dose beschenkt, worin eine Banknote von 100 fl gelegt war. In Basel erhielt er folgendes Zeugnis: „Die Vorstellungen des Herrn Oberrabbiners Hersch- Dänemark, welcher eine Anzahl Gelehrter und Geistlicher beigewohnt hat, haben d!ie Erwartungen aller Anwesenden weit übertroffen. Nicht nur, daß er eine ungeheure Stärke des Gedächtnisses an den Tag legt, die allen Glauben übersteigt, hat er in Beziehung auf die hebräischen Wörter, die er nie gesehen und nicht einmal aufgeschlagen, eine wahre D i v inationsgabe geoffenbart, die selbst bei tieferem Nachdenken unbegreiflich schein t." Unterzeichnet von den Professoren : G e r 1 a c h, Fischer, de Wette, Diakon Preiswerk. Dr. Friedenberg, Redakteur der „Vossi-, sehen Zeitung" berichtete 1847 folgendes: „Wir haben einer Probe seiner Leistungen beigewohnt und dabei die UeberzieiiguMg gewonnen, daß dieselben weit eher einem Gebiete noch unerfaßter Naturbegabungen als menschlicher Kunst angehören. Sie grenzen an das Unglaubliche. Hersch - Dänemark ist imstande, in einem seinem Auge verschlossenen Buche jede beliebige Stelle zu lesen. Er kann nur hebräisch lesen; jeder Anwesende hatte ein solches Buch, ich eine ins Rabbinischle übersetzte Reise in Afrika von Samuel Romanoli, ein sehr seltenes, von Hersch- Dänemark gewiß nie gesehenes Werk. Es genügte ihm die einfache Angabe der Seitenzahl; den Finger auf das Buch gelegt, den verzückten Blick ins Leere gerichtet, las er dasWort oder die Stelle, die wir

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