Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 45 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 45 Was verlangt denn eigentlich das Judentum von uns? Zu wandeln nach seinen Satzungen, zu1 wahren die Gebote Gottes. Das kann und darf nichts schwer fallen. Denn diese Gebote wollen ja nur unser Bestes, sie erstreben ja nur, uns zu braven, edlen, güten und glücklichen Menschen zu machen. Sie weisen uns den Weg, den wir zu gehen haben, sie zeigen uns, wie wir aus den vielen Irrungen, mit welchen uns. das Leben ulmgibt herauskommen können. Wer also will sich selbst feind sein und abbiegen von den Satzungen, die soviel Glück ihm geben können! Und lehrt es uns nicht die Erfahrung, daß wer treu und innig zu seinem Glauben und zu seinem Stamme hält, in Gott den treuestsen Weggenossen findet? Wir wissen, so lange Israel fest und mit ganzem Herzen zu seinem Gotte gestanden hat, die edelsten Tugenden in seiner Miütte sich entwickelt haben. Bei uns fand man Familiensinn, Wohltätigkeit, Nächstenliebe, Aufopferungsfähigkeit und Selbstlosigkeit! Ist es nicht rührend und dürfen wir nicht stolz sein, daß 'unsere Lehrer uns als Vorbild der Wohltätigkeit dile Mutter dies R. Tanchum, des Sohnes des Ghijja ins Gedächtnis rufen, die Frau, von der .erzählt wird, -daß, wenn sie ein Pfund Fleisch für sich kaufte, sie ein zweites gleich für die Armen kaufte!2) Welchem Volke konnte man noch solches zumuten? Das also ist es, was die Feiertage in uns wachrufen wollen. Sie wollten den Sinn für alles Große und Edle in uns wecken, sie wollten uns sagen, im Glauben, in den Geboten Gottes gebe! es keine Kompromisse, hier müssen wir uns vollkommen und ganz den Satzungen Gottes unterwerfen, dann haben wir einen sittlichen Standpunkt erreicht, der uns stets erhalten und aufwärts bringen wird'. Sollange, sagen unsere Lehrer, Israel an Seinen Tempeln und Lehrhäusern sich versammelt, das heißt, solange in Israel der Geist seiner Tempel und seiner Lehrhäuser sich offenbart, solangte wird die: Herrlichkeit Gottes uns umgeben, wie geschrieben steht: Gehofft halbe ich auf den Ewigen, und er neigte sich zu mir und hörte mein Flehen!3) Und es sei euer Herz ganz mit dem Ewigen, unserem Gotte! Wenn das Judentum von uns verlangt, daß unsier Herz ganz mit dem Ewigen unserem Gotte sei, verlangt es dies nficht allein darum, weil es nur Pflichten, seelische Pflichten verlangt, die aus der Berührung der Seele mit einer höheren Welt aufquellen, sondern auch darum, damit die Religion uns eine Trösterin und Helferin sei. Sie will unser ganzes Innenreich belichten und sie will uns trotz allem, was um uns vorgeht, hell und freudig erhalten. Denn verhehlen wir es uns nacht, wieder hat sich eine Welle von Haß und Verachtung gegen uns ergossen; wohin wir blicken, sehen wir auf uns einhämmern, sehen wir gehässige Blicke auf uns gerichtet. Nicht etwa darum, weil wir diesen Haß verdienen, sondern weil es den Völkern schlecht geht und man die Ableitung braucht. Nun, uns wahrlich geht es nicht besser als den Wirtsvölkiem und käme es auf uns an, würden wir gewiß das Beste und Schönste für alle Menschen erwirken wollen. Das aber, daß der Krieg der Menschheit nicht zur -') Pesikta d. R. Kohana, Par. Bojour haschmini, ed. Buber, S. 191 b. 3) Ebendort, S. 193 b und Ps. 40, 3. Segensquelle geworden, darf doch wahrlich nicht uns angerechnet werden. Dafür sollten die haftbar gemacht werden, die den Krieg gewollt und ihn noch immer haben wollten. Aber wie trefflich verstehen es gerade diese, jede Schuld von sich zu wälzen und alle Vergehungen anderen aufzubürden. Aber es wird ihnen nicht gelingen. Denn mögen sie auch eine Zeitlang die Menschen irreführen und durch ihren Terrorismus einzuschüchtern suchen, der Tag wird und muß kommen, wo alle diese Verführer, die ja doch nur aus Eigennutz handeln, entlarvt werden. Denn sollen wir . wirklich glauben, daß, wenn Bombenwerfer, überwiesene Mörder, Ehrabschneider, wie dies in unserem Nachbarland der Fall ist, freigesprochen werden, dies als eine sittliche, ja selbst als eine nationale Tat gewertet werden kann? Sollen wir wirklich glauben, daß man dadurch, daß man unseren Kindern den Weg zum Studien verrammeln will, das Elend bannt? Und kann es etwas Empörenderes gelben, als wenn in unserem ritterlichen1 Nachbar lande das unerhörte, jeder Kultur spottende Verhalten von Hochschülern man damit zu entschuldigen sucht, daß man sagt: „Die Jugend ist in einem gereizten Zustande, was bei dem großen wirtschaftlichen Elend und zumal bei der aussichtslosen Zukunft der Intelligenz begreiflich ist." Nein, das ist durchaus nicht begreiflich! Denn erstens hilft man doch der Sache damit nicht und dann, weil man auch sein Unglück mit Ernst und Würde tragen muß. Das ist Kultur! Und wer sagt denn, daß es nur den Besiegten schlecht geht? Habe ich doch erst vor einigen Taigen in einem Pariser Blatte gelesen, daß es den französischen Studenten vielleicht noch ärger geht und daß viele von ihnen in den verschiedensten Berufen, sogar als Geschirrabwascher ihr Brot verdienen.4) Und nicht anders geht es in anderen Siegerstaaten. Aber sie trafen ihr Geschick mit Würde und Ernst, ohne Haß und Gift. Doch das mögen sich alle gesagt sein lassen, wir Juden werden uns von der geästigen Arbeit nicht verdrängen lassen, mag noch so viel! auf uns herumgehämmert werden. Man wird uns nicht vernichten. Denn so wie man Eisen wohl hämmern, umschmieden, aber nicht vernichten kann, kann man auch uns hämmern, vielleicht umschmieden, aber niemals vernichten. Das ist die Botschaft dieser Feste! R. Isaak sagte: „Drei werden Bösewichte genannt: Wer seine Hand ausstreckt gegen seinen Nächsten, wer leiht «und nicht zurückzahlt und wer ströifeüchtig äst."5) Alle diese Bosheiten hat man gagen uns angewendet. Man hat zahllose von uns getötet, man hat unsere Schulden getilgt und man hat stets Streit gegen ums begonnen. Man konnte uns nicht zertrümmern. Denn mit uns ist Gott, dieser unentwegte Helfer aller Bedrückten und mit uns ist das Gebet unserer Ahnen, für deren Seelenheil wir ja jetzt beten werden. Nur laßt uns festhalten an dem Worte des Königs Salomo: „Und es sei euer Herz ganz' mit dem Ewigen, unserem Gotte, zu wandein in seinen Gesetzen, zu wahren seine Gebote, wie am diesem Tage. Möge Gott euch Kraft und Stärke hierzu geben!" 1 *) Exzelsior vom 12. Oktober 1924, La penible Situation des Etudiants etc. etc. 5) Posikta, a. a. 0., S. 190 b.