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Die Wahrheit · 1924-11-07 · Heft 45 (7.11.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Dentschösfemldilsclic WodrcnschrlH für tnoisdie Interessen NU dem Beiblatt: YerOttenflldiunaen aer ..Union üenisdidsierreiciilsdier Juden* Redaktion und Administration: Iflen WW~. Belmestratte «3. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 7. November 1924 Nummer 45 Und eis sei euer Herz ganz mit dem Ewigen, unserem Gotte. Rede, gehalten am Schemini Azereth des Jahres 5685 im israelitischen Tempel zu Graz vom Univ.-Dozenten Dr. David Herzog, Landesrabbiner in Graz. Obschon wir grundsätzlich keine Predigten in unserem Blatte veröffentlichen, glauben wir mit Rücksicht auf die Aktualität dieser Rede diesmal eine Ausnahme machen zu sollen. (Die Schriftleitung.) Sehr geehrte Festversammlung! Nun stehen wir bald arn Schlüsse der herbstlichen Feiertage und unwillkürlich fragt sich das empfindende Herz, der sinnende Verstand; welche1 Erfolge haben dir diese Tage gebracht, welche Wirkungen haben sie in dir ausgelöst! Ich glaube ruhig sagen zu dürfen, es waren ertragreiche, ertolgverheißende Tage. Denn keiner, der hier in diesem Gotfceshause anwesend war, ist ieter ausgegangen. Mag auch der eine oder der andere sich dessen noch nicht ganz bewußt sein, wenn er sich aber prüft, nachdenkt, wird er erfahren, daß die heiligen Tage ihn ethisch und sittlich mächtiilg angeregt haben. Aber nicht alllein, daß sie uns zu edlen, sittlichen Taten angeregt haben, haben sie auch das Gemeinschaftsempfinden, das Zusammengehörigkeitsgefühl wieder in uns geweckt. In vielen vielleicht noch unbewußt, aber es ist einmal da und wird nicht so bald verlorengehen. Und ich muß schon sagen, als ich am Jörn Kipputr-Abend aus dem Gotteshause so allein gegangen bin und noch einmal vor meinem geistigen Auge all die Bilder vorüberziehen ließ, wie die Gläubigen hier im Gotteshause im tiefster Andacht, in edelster Selbstentäußerung zu Gott emporschauten und ihr Innerstes vor ihm darlegten und ich dann auf der nahen Brücke stehend, zu mehier Linken den in Dunkel gehüllten, nur durch einige Lichter angedeuteten Schloßberg, zu meiner Rechten den so majestätisch diahinrauschenden Fluß und über mir den herrlich gewölbten Mond bewunderte, wie er namentlich im Wasser sich spiegelte und wie mit einem Silberstreaifen die Wasser beleuchtete, da* ergriff es mich tief und mächtig und unwillkürlich blieb ich stehen und bietete und sagte: „Gott! Du bist gewaltig, dubist groß, <$tr gleicht nichts im Himmel und auf Erden! Du bist die Sehnsucht, du das Glück!" Ja, das war ein Abend, eine Stimmung, wie sie keine KunstV keine Wissenschaft, Jteine Technik, keine Menschenarbeit hervorzuzaubern vermag. Mag nun in dem einen diese, in dem andern eine anderes WStrkung sich festgesetzt halben; mag] der eine durch Aufblick zu Gott, der andere durch Erinnerung an seine Lieben gläubig angeregt worden sein, er hat einen Ertrag fürs Leben mitgenommen. Wie arm sind doch darum' diejenigen, die soviel Beruhigung, soviel Hoffnungsfreudigkeit, so unsagbar viel Glück von sich weisen! Was kann ihnen denn auf Erden soviel sittlichen Antrieb geben, wie diese erhabenen, großen Feste? Nun, mit aufrichtiger Freude dürfen wir sagen, die Zahl der Gottsucher mehrt sich, die Zahl der Gläubigen wächst und Eltern und Kinder fühlen immer mehr und mehr, daß es ohne Glauben, ohne Gott kein Glück und keine Hoffnungsfreudigkeit für sie geben kann. Sie fühlten, daß der Glaube sie zu Sonnenkindern' macht. Zu Sonnenkindlern, dlie sich über jeden Sonnenstrahl freuen, mag er vom klaren Himmel dies Glücks leuchten oder den Nebel des Werktagslebens einen Augenblick durchbrechen oder durch das dunkle Gewölk der Not brechen. Doch nur dann wird uns der Glaube ein Glücksbringer, ein Sorgenbrecher sein, wenn wir uns ihm über die flüchtnige Stunde hinaus als treuen Weggenossen angesellien. So wollen wir denn jetzt sehen, wie wir das zuwege bringen, wobei uns leiten soll ein heute hier verlesenes Wort, das einst der König Salomo bei der Einweihung des Tempels der lauschenden Menge zugerufen hat und das da lautet: „Und es sei euer Herz ganz mit dem Ewigen, unserem Gotte, zu wandeln nach seinen Satzungen, zu wahren seine Gebote, wie an diesem Tage.'*1) Und euer Herz sei' ganz mit dem Ewigen, unserem Gotte! Das Judentum verlangt den ganzen Menschen, mit allen seinen Strebungen und Arbeiten. Das Judentum' will keine Halbheit. Wer wirklich ein treuer Jude sein will, der muß restlos zu den erhabenen sittlichen und ethischen Lehren des Judentums sich bekennen. Denn wir Juden haben ja eine schwere Verantwortung hiernieden zu tragen, die ja nicht allein darin besteht, daß wir ein Vorbild den Völkern sein sollen, sondern auch darin, daß wir uns stets bewußt sein müssen, verantwortlich gemacht zu werden, einer für den andern. Wenn andere Menschen etwas begehen, werden ihre Taten an ihre Person gebunden), wir Juden aber werden verantwortlich gemacht für die Tat eines jeden einzelnen Juden. Es war dies gewiß kein Unglück für uns Juden. Denn dadurch wurde ja das' Verantwortlichkeitsgefühl des Juden mächtig geschärft und wir dürfen ruhig sagen, unsere Gegner haben uns dadurch ungewollt einem großen Liebesdienst erwiesen. *)!. Kön. 8, 61. *£-":.. iKJim*. aar- ■

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