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Die Wahrheit · 1924-10-31 · Heft 44 (31.10.1924) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 44 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 44 DIE WAHRHEIT Seite 9 Wahrheiten vom Tage Umgang mit getauften Juden. Sehr geehrte Redaktion! Sie zitieren in Nr. 43 der „Wahrheit" die „Vorschläge" des verstorbenen hochverdienten Kultusvorstandes, Herrn Doktor Maximilian Steiner. Ich möchte als Nachtrag Ihnen die folgende Stelle aus der genannten Schrift, Seite 25 zur Verfügung stellen: „Unvollständig aber bliebe der Unterricht, wenn die Tauffrage nicht offen und rückhaltlos in der Schule besprochen würde. Den meisten Judentaufen liegen materielle Ursachen zum Qrunde; dieselben müssen einzelweise und gründlich analysiert werden. Solche Ursachen sind: Der Wunsch, Karriere zu machen, Furcht vor amtlichen und geschäftlichen Hindernissen, Strebertum, Assimilationssucht und anderes — durchaus Erscheinungen, die nur aus religiöser Indifferenz erwachsen. Ganz besonders muß auf die Gleichgültigkeit hingewiesen werden, mit welcher der Jude dem Taufjuden die Hand reicht, gleich nachdem derselbe bei der Taufe seinen früheren Stammesbruder der ewigen Höllenpein überantwortet hatte. Bei allen Nationen und Korporationen wird Fahnenflucht als Verrat betrachtet. Nur der Jude verkehrt mit dem Getauften, als wäre nichts vorgefallen. Diese Mißachtung der eigenen Würde muß den Schülern in voller Nacktheit vorgehalten werden, damit sie sich und das Judentum vor solcher Selbstbefleckung bewahren." Soweit Dr. Steiner. Wenn man aber von den Religonsschülern verlangt, daß sie sich von Gesellschaften Getaufter fern halten sollen, warum nicht vor allem von den Leitern des Religionsunterrichtswesens? L. R. Belauschtes Gespräch. Auf dem Hof des Leopoldstädter Tempels stehen am Simchasthauro-Abend, während sich Hunderte von Müttern mit ihren Kindern in den Tempel drängen, einige Herren mit brennenden Zigaretten. Ein Tempelbesucher macht sie höflich auf die Anschläge am Tempel aufmerksam, daß das Rauchen auch auf den Höfen des Gotteshauses behördlich verboten ist. Er erinnert an das Brandunglück, von dem der Tempel sich kaum erholt hat und weist auf die Gefahr hin, daß ein fortgeworfenes Streichholz leicht auf ein Frauenkleid fallen und die furchtbarste Panik hervorrufen könnte. Antwort eines der Herren: „Ja, wer sind Sie denn? Und wozu brauchen wir päpstlicher als der Papst zu sein? Schauen Sie dorthin!" Er deutet auf ein Idyll hin. Dort stehen in Uniform, den Zweispitz auf dem Kopfe, vier Tempeldiener beisammen, die das Publikum pflichtgemäß auf jene behördliche Verordnung dadurch aufmerksam machen, indeß sie behaglich ihre Virginia schmauchen. Sollte man gegen solche Vorkommnisse wie gegen andere Mißstände, die diesen größten Tempel Wiens noch weit mehr diskreditieren, als es das „Eingesendet" in Nr. 42 der „Wahrheit" ausspricht, nicht doch seitens des Publikums durch einen Akt der Selbsthilfe Stellung nehmen? Mit Recht sagte mein Nachbar mit Bezug auf die Unfähigkeit des OrÜnerpersonales, meist würdige Greise: „Man scheint den Tempel mit dem Dom der Invaliden zu verwechseln!" Ich schlug ihm den Vergleich mit einem Kaffeehaus letzter Sorte vor. Ein Augen- und Ohrenzeuge. Wahre Andacht. " Sehr geehrter Harr Regierungsrat! Gestatten Sie mir, Ihre Ausführungen in Nr. 39/40 ein wenig zu ergänzen. Auch ich war, als ich vor zwei Jahren von Deutschland nach Wien kam, über die Zustände dort beim Gottesdienst ziemlich überrascht. Vor allem ist es ein Mangel an Würde und Selbstachtung, sich so im Tempel zu benehmen, von Stilgefühl schon gar nicht zu reden. Als ich z. B. einen Herrn aufforderte, das Ausspucken zu unterlassen, antwortete er mir, auf seinem Platze könne er machen, was er wolle. Dabei hatte der dortige Seelsorger über derlei Unarten eine Woche zuvor (am Versöhnungstag) gesprochen. Das Publikum war jedoch sehr indigniert, denn als der Rabbiner auch gegen das laute „Schkoiach"-Rufen, das das Gotteshaus zum Kabarett entwürdigt, sprach, rief es am Schluß des Gottesdienstes doppelt so laut. „Bestemm" nennt das der Wiener Jude so schön. Aber nicht nur Publikum, sondern auch ein Teil der Funktionäre (Kantor. Chor, Schammes) legt manchmal ein völlig würdeloses Benehmen an den Tag, über das ich mich nicht näher auslassen will, da es ein Chillul Haschen wäre, so etwas öffentlich breitzutreten. Nur ein Mittel gibt es: die Jugend zu erziehen, so revolutionieren, auch gegen die eigenen Eltern. Dr. Karl Hamburger, Hannover. Adolf Hitlers Staatsangehörigkeit. Zu dieser Frage schreibt der edle Recke selbst: „Aus Zeitungsnachrichten ersehe ich, daß die österreichische Regierung meine österreichische Staatszugehörigkeit als erloschen bezeichnet. Da ein Teil der Presse hieran besondere Bemerkungen anfügt, fühle ich mich zu folgenden Erklärungen veranlaßt: Ich empfinde den Verlust der österreichischen Staatsbürgerschaft nicht als schmerzlich, da ich mich nie als österreichischer Staatsbürger, sondern immer nur als Deutscher g e f ü h 11 h a b e. So groß meine Liebe zu meiner österreichischen Heimat ist, so tief ist meine Abneigung gegen den österreichischen S t a a t. Ich sehe in ihm so wie früher im alten Habsburgerreich nur ein Hindernis für den Zusammenschluß des deutschen Volkes, so d.aß auch heute meine politische.' Tätigkeit nur die Betreibung der Auflösung dieses unmöglichen Gebildes seitn könnte, so lange, bis der Zusammenschluß erfolgt ist. In dieser Gesinnung habe ich einst die letzte Folgerung gezogen und den Heeresdienst in der deutschen Armee geleistet. Aus diesem Grunde aber lehnte ich es auch ab, um die Gewährung einer Staatsbürgerschaft zu b i tt e n, die ich mir durch einen mehr als vierjährigen Einsatz meines Blutes und Lebens vor meinem Gewissen und einer einst gerechter urteilenden Nachwelt erworben habe, auf dem Platze, auf dem sie allein zu erwerben ist, dem Schlachtfeld. Ich konnte mich nicht in die Reihe der nächstbesten polnischen Juden stellen, um nach einem Rechte zu betteln, das ich mir erkämpfte." Wozu dann der Lärm, was steht den Herrchen Nationalsozialisten zu Diensten, wenn ihr Herr Oberbonze selbst aus seiner „Abneigung gegen den österreichischen Staat" nicht um dessen Staatsbürgerschaft sich bewerben wäll? Rom und Juda gegen Hitler. Die Nachricht, daß die österreichische Bundesregierung Hitler die österreichische Staatsbürgerschaft wegen zwölfjähriger Abwesenheit _ aberkannt und die Grenzbehörden angewiesen hat, Hitler, falls er aus Bayern ausgewiesen wird, an der Grenzüberschreitung zu hindern oder — wenn dies nicht möglich — ihn zu internieren, hat die Herren Antisemiten ganz aus dem Häuschen gebracht. Der bekannte baltische Antisemit H. v. Schilling schreibt dazu: „. . . dieses Vorgehen gegen Hitler zeigt, daß der bisher in weiten völkischen Kreisen verbreitet gewesene Glaube, nur Juda sei der Hauptfeind, ein Irrwahn war. Auch Rom stand unter den Feinden des deutschen Volkes schon wiederholt in gleicher Reihe." Fritsch für die Aufhebung der Judenemanzipation. Der völkische Reichstagsabgeordnete Theodor Fritsch läßt in dem von ihm redigierten Hammer-Verlag eine Schrift unter dem Titel „Die Staatsfeindlichkeit der jüdischen Lehre" erscheinen, der At.rtragsformulare wegen Aufhebung der Gleichberechtigung der Juden angeheftet sind. Die Schrift enthält die schon bekannten Legenden über die angebliche jüdische Geheimlehre, ..über diie menschen- und sittenfeindlichen Lehren der Rabbiner mit all den geheimen Machenschaften, deren sich die Juden zur Täuschung und Unterjochung der arischen Bevölkerung bedienen". Theodor Fritsch fordert im „Hammer" alle ..staatserhaltenden" Parteien auf, sich dem Antrag zwecks Aufhebung der Judenenianzipatkm anzuschließen. Er schließt: ...Es geht auf die Entscheidung los! Tue jeder das Seine!" Eine Internationale der Hakenkreuzler. Wie die „Vossische Zeitung" mitzuteilen in der Lage ist, erscheint in den nächsten Tagen in Paris ein Buch des bekannten Schriftstellers und Philosophen Pierre Dominiqiue unter dem Titel „Deux jours chez Ludendorff", welches Aufsehen erregendes Material über die Versuche deutscher nationalistischer Krise, sich den französischen Chauvinisten anzubiedern und eine blutige Internationale zu bilden, bringt. Dominique weilte wiederholt in Deutschland und pflog eingehende Untersuchungen mit prominenten deutschen Nationalisten. Von besonderem Interesse sind die Gespräche mit dem nationalsozialistischen Professor Schimmer, den Dominique den Commis voyageur der Völkischen nennt und dem er in verschiedenen internationalen Zentren begegnet ist. Schimmer setzte in langen Gesprächen auseinander, daß „der Jude an allem Schuld sei". Die Protokolle der Weisen von Zion bezeichnete er als echt und verwies dabei auf die Autorität Ludendorffs und Hitlers. Auf die Frage, ob es notwendig war. Rathenau

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