Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 44 (31.10.1924)
- Date
- 1924-10-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 44 Bei unseren Brüdern in New-York. Wahrnehmungen und Betrachtungen Von Chajim B1 o c h. Genau vor einem Jahre, im Herbste 1923, ist mir ein heißer Wunsch in Erfüllung gegangen. Seit August 1924, da ich in den stürmischen Kriegstagen meine galizische Heimat verlassen mußte, lernte ich wichtige Teile des Judentums im Osten und Westen Europas kennen und gewann den Stoff für verschiedene Darstellungen. Nun wünschte ich mir auch Amerika, die große Republik jenseits des Ozeans, wo sich Tausende und Abertausende unserer Stammesbrüder aus allen Weitenden aus seelischer und sozialer Not emporgerungen haben, mit eigenen Augen zu sehen. Wenn ich mitunter eine Schilderung über die dortigen Juden las, durchzog mein Herz eine tiefe Sehnsucht nach ihnen. Die Weltwende unserer Zeit brachte es mit sich, daß wir unseren Brüdern drüben, für deren mächtige Anstrengungen und überwältigende finanziellen Leistungen im Interesse der Judenheit — man denke nur an das riesige Hilfswerk des „Joint" — wir ihnen tiefen Dank schulden, besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden uns verpflichtet fühlen. Nun habe ich das Judentum in Amerika gesehen, sowohl seine breiten Massen und ihr Leben, als auch seine hervorragenden Männer. Ein beruflicher Aufenthalt in New-York, von dem ich vor einigen Monaten zurückkehrte, bot mir eine Fülle von Eindrücken, an die ich Zeit meines Lebens nicht vergessen werde. Diese zu schildern, soll nun meine Aufgabe sein. Wer mich und meine Lebensauffassung kennt, wird es verstehen, daß ich nicht auch das New-York mit seinen Kunstschätzen, Wolkenkratzern, schönen Frauen, Eheskandalen, Hold-up-Banditen und Korruptionen, Dinge, die für die meisten modernen Amerikareisenden den besten Stoff abgeben, in meine Darstellung einbeziehen konnte. Mein Ziel war es, das Judentum mit seinen Vorzügen und Fehlern, Schwächen und Stärken zu sehen, und von dem habe ich vielfach Erfreuliches, Lobes wertes und Großzügiges zu berichten. Ich merke gleich hier an, daß es mir ganz ferne liegt, vor unseren amerikanischen Brüdern irgend welche Verbeugungen zu machen oder sie gar willkürlich anzugreifen. # Nach Ueberwindung jener Schwierigkeiten, die in unserer Zeit eine Reise in das Ausland, besonders in das überseeische, bedingen, verließ ich am Abend des 30. September 1923 Wien, um mich zunächst nach C h e r b o u r g in Frankreich zu begeben. Die Bahnreise war für mich abwechslungsreich. Der Zug führte in herrlicher Fahrt durch das wunderschöne T i r o 1 mit seinen herrlichen, schon damals, im Frühherbste, schneebedeckten Bergen, dann durch die an Naturschönheit unübertrefflichen Landschaften der Schweiz und schließlich durch Frankreich, wo mich manche Ortschaft, an der die Bahn vorbeikam, an die Namen von großen Männern unseres Volkes aus dem Kreise der Tosephisten, Helden der "jüdischen Geisteswissenschaft, die dort lebten und wirkten, Lehrer, die bis zum heutigen Tage das religiöse Leben der Juden in der ganzen Diaspora tief beeinflussen, erinnerte. Zum Teil aber sind diese Orte in der Geschichte unseres Volkes als die Stätten schauderhafter Grausamkeiten und Verfolgungen verzeichnet, ihr Boden ist von dein Blute jüdischer Märytrer, unserer Heiligen, getränkt. In Paris blieb ich einen halben Tag; von einem Schnellzug zum zweiten. Ich besuchte hier den Grand-Rabbi von Frankreich Prof. Israel Le vi, mit dem ich mich kurze Zeit unterhielt. Seine Persönlichkeit machte auf mich einen anziehenden Eindruck. Paris ist der Sitz zweier bedeutender jüdischer Organisationen Europas, nämlich der J ew i s Ii C o 1 o n i z a t i o n A s s o c i a t i o n — l c a — und der im Jahre INGO gegründeten AI Ii an-ce Israeli te Universelle. In den letzten Jahren ist Paris zum Sammelpunkt für die politisch Verfolgten aller Länder Europas geworden. Alle Völker-Europas und des Orients sind vertreten. Selbstredend finden sich hier auch zahlreiche Juden aus Osteuropa und man gibt ihre Ziffer mit 300.000 an. Bei uns in Oesterreich ist es oftmals vorgekommen, daß ehemalige jüdische Staatsbürger, die unglücklicherweise in (ializien geboren oder beheimatet waren, ohne jedes richterliche Vorgehen und ohne welches Verschulden aus dem Lande als „lästige Ausländer" gewiesen und ihrer Existenz beraubt wurden. (Mir selbst ist unter dem Regime des Sozialdemokraten Sever ein solches Unrecht geschehen. Es verursachte den Tod meines Vaters und brachte mich um meine Stelle.) In Paris wird den Ostjuden keine Schwierigkeiten gemacht, und es wird ihnen sogar nachgesagt, daß sie zur Belebung des Handel und Verkehrs viel beitragen. Ebenso beherbergt Paris eine große Zahl von jüdischen Studenten aus Ungarn, die nach Einführung des numerus clausus sich dorthin begeben haben, um an den Pariser ilochschulen ihre Studien fortzusetzen. Paris bietet ihnen das, was ihnen ihr Vaterland versagt hat. In C h e r b o u r g, einer französischen Kleinstadt, hatte ich die von der amerikanischen Einwanderuntgskommission angeordnete, gerade nicht angenehme und doch wirklich notwendige Beobachtung mitzumachen. Ich mußte daher in diesem Orte fünf Tage bleiben und dort die zweite Hälfte des S u k k a t f e s t e s verweilen. Der Ort liegt auf einer in den Kanal vorspringenden Halbinsel und war bis zum Jahr 1919 der festeste und größte Kriegshafen Frankreichs. Heute ist Cherbourg, Dank dein Spruche von Versailles, der den Deutschen seine gesamte Handelsflotte nahm und die deutschen Kontrollstationen zur vollständigen Auflösung brachte, einer der wichtigsten, lebhaftesten Verkehrszentren mit dem amerikanischen Kontinent. Hier läuft der gewaltige Menschenstrom der Auswanderung, der sich in unseren Tagen, wie nie zuvor, nach der neuen Welt, besonders nach Nordamerika ergießt, zusammen. Man kann da wirklich eine Völkerwanderung sehen. In den Auswandererhallen der SchiifahrtsgeselLs chatten sah ich ein buntes Gemisch von Menschen, Typen aller Völker aus den Ländern unserer früheren Monarchie, aus Rußland und dem Balkan, sogar eine stattliche Gruppe